Die Hörbücherei des Blinden- und Sehbehindertenverbands Österreich (BSVÖ) in Hietzing steht aufgrund angekündigter Förderkürzungen mehrerer Bundesländer vor massiven finanziellen Problemen. Als einzige Spezialbibliothek für Menschen, die keine gedruckten Texte lesen können, wäre ihre Arbeit dadurch stark gefährdet. In einem offenen Brief warnt der BSVÖ vor den Folgen und fordert eine erneute Prüfung der Entscheidung. Darüber berichtet Welt Stimme.
WIEN/HIETZING. Vier Bundesländer – Oberösterreich, Niederösterreich, Tirol und Vorarlberg – haben angekündigt, ihre Förderungen für die Hörbücherei einzustellen, was die finanzielle Zukunft der Einrichtung bedroht. Marion Puhl, stellvertretende Leiterin der Bibliothek, bestätigte diese Informationen gegenüber „Der Standard“.
Die Einrichtung ist zu 90 Prozent auf öffentliche Mittel angewiesen, wobei ein Drittel vom Sozialministerium und zwei Drittel von den Bundesländern stammen. Nur etwa zehn Prozent der Finanzierung kommen aus Eigenmitteln, wie Spenden. Der geplante Förderstopp führt daher zu einer existenziellen Bedrohung für die Bibliothek.
Puhl äußerte: „Wir wissen derzeit nicht, wie es weitergeht.“ Gespräche mit den zuständigen Landesrätinnen und Landesräten seien im Gange, jedoch sei die Hoffnung auf Besserung gering. Oberösterreich hat die Förderung bereits im Juni 2025 angekündigt, während Niederösterreich ebenfalls direkt informierte. Von Tirol und Vorarlberg erhielt die Hörbücherei erst kürzlich durch Medienanfragen Kenntnis über die geplante Streichung der Förderung.
Einzige Spezialbibliothek Österreichs
Die Hörbücherei ist die einzige Einrichtung in Österreich, die Menschen, die keine gedruckten Texte lesen können, mit Hörbüchern versorgt. Dies schließt blinde und sehbehinderte Personen sowie Menschen mit Erkrankungen wie MS, Arthritis, Lernbehinderungen oder Schlaganfällen ein. Auch älteren, technisch weniger versierten Benutzern bietet die Bibliothek Unterstützung. Puhl betont: „Ein großer Teil unserer Mitglieder ist auf CDs angewiesen. Downloads oder Apps können viele nicht bedienen.“
In einem offenen Brief warnt BSVÖ-Leiter Alexander Guano vor den negativen Konsequenzen eines Förderstopps. Ohne die Unterstützung könnte die Hörbücherei ihre wichtigen Dienstleistungen nicht aufrechterhalten, was die betroffenen Personen erheblich benachteiligen würde. Guano unterstreicht, dass das Recht auf gleichberechtigte Bildung und Teilhabe nicht von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Einzelnen abhängen dürfe.
Hörbücherei schließt Versorgungslücke
Der BSVÖ kritisiert das Argument einiger Bundesländer, dass Betroffene Hörbücher über das Pflegegeld selbst erwerben können. Nur rund 30 Prozent der Neuerscheinungen werden kommerziell als Hörbuch produziert, und Fachliteratur ist meist gar nicht erhältlich. Zudem seien kommerziell produzierte Hörbücher oft lediglich in gekürzten Versionen verfügbar. Die Hörbücherei füllt hier eine Lücke, die konventionelle Bibliotheken nicht abdecken können.
Jährlich entstehen in den Studios der Hörbücherei rund 120 neue Produktionen. Die Bibliothek bereitet zudem Magazine und Sachliteratur in barrierefreier Form auf und bietet Lesungen sowie mobile Hörstationen an. Der Bestand umfasst etwa 17.000 Bücher, Hörspiele und Hörfilme. Durch internationale Kooperationen, unter anderem mit Bookshare USA und ABC Global Books, stehen den Nutzern über eine Million barrierefreier Titel in 90 Sprachen zur Verfügung, die sie entweder über eine von der Hörbücherei entwickelte App herunterladen oder als CDs per Post erhalten können. Jährlich verleiht die Bibliothek rund 55.000 Medien.
Falls der geplante Förderstopp im Jahr 2026 tatsächlich eintritt, könnte die Hörbücherei ihre Arbeit nicht wie gewohnt fortsetzen. Der BSVÖ appelliert an die Entscheidungsträger, die Fördersituation zu überprüfen und die Dringlichkeit zu erkennen, Menschen mit Behinderungen nicht zusätzlich in ihrer Selbstbestimmung einzuschränken.


