Studie von Umit Tirol: Keine Reaktionen auf 80 Berichte über Gewalt in Hall-Rum

Dezember 14, 2025 09:32
Studie von Umit Tirol: Keine Reaktionen auf 80 Berichte über Gewalt in Hall-Rum

Eine Studie der UMIT TIROL zeigt: In 80 Fällen, in denen Menschen Zeuge eines Gewaltberichts wurden, reagierte nicht eine einzige Person – die Lücke zwischen Mitbekommen und Handeln ist erschreckend groß.

HALL. In Österreich bleibt die Reaktion auf häusliche Gewalt gegen Frauen eine alarmierende Herausforderung. Obwohl viele Menschen Zeugen von Gewalt werden, zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Privatuniversität UMIT TIROL, dass nur sehr wenige bereit sind, zu handeln. Die Studie dokumentiert, dass in 80 Fällen, in denen eine Betroffene von erlebter Gewalt sprach, kein einziges aktives Eingreifen stattfand. Darüber berichtet Welt Stimme.

80 Fälle, null Reaktionen

Die Psychologinnen in Ausbildung Kathinka Enderle und Olivia Sapinsky führten im Rahmen ihrer Bachelorarbeiten unter der Leitung von Can Gürer eine Untersuchung durch. Ziel war es herauszufinden, wie Drittpersonen auf Berichte von Gewalt reagieren. „Wir wollten sehen, was passiert, wenn Betroffene erzählen, dass ihnen Gewalt widerfahren ist“, erklärt Sapinsky. In einer Laborstudie wurden die Teilnehmenden mit einem inszenierten Gespräch konfrontiert, in dem abwechselnd eine Versuchsperson von häuslicher Gewalt berichtete. Nach dem Bericht blieb genug Zeit für die Teilnehmenden, um zu handeln. „Wir haben bewusst eine realitätsnahe, aber sichere Situation geschaffen“, so Enderle. Die Ergebnisse waren erschütternd: Keine einzige Person reagierte aktiv. Weder Nachfrage noch Unterstützung wurden angeboten.

Emotion ohne Aktion

In qualitativen Interviews gaben viele Teilnehmende an, das Gesagte nicht überhört zu haben. Weibliche Teilnehmende äußerten Emotionen wie Betroffenheit und Sorge. Dennoch führte diese emotionale Reaktion nicht zu Handlungen. „Einige Menschen fühlten durchaus etwas, aber sie unternahmen nichts“, erklärt Gürer und betont die zentrale Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Handeln.

„Das ist Privatsache“ – die gefährliche Ausrede

Folgende Gründe für das Ausbleiben von Reaktionen wurden durch die Interviews identifiziert: Unsicherheit und die Angst, die Situation falsch einzuschätzen. Die verbreitete Vorstellung, dass Gewalt in Beziehungen eine „Privatsache“ sei, führte dazu, dass viele dachten, sie dürften nicht eingreifen oder es sei nicht ihre Aufgabe. „Diese Zurückhaltung ist kein individuelles Problem, sondern Ausdruck sozialer Muster“, hebt Sapinsky hervor. Forscher sind sich einig: Es braucht keine besonderen Fähigkeiten, um den ersten Schritt zu machen – nur die Bereitschaft, nicht wegzusehen. „Ein einfacher Satz wie ‚Geht es Ihnen gut?‘ oder ‚Brauchen Sie Hilfe?‘ könnte viel bewirken“, fügt Gürer hinzu.

Harmlos? Schweigen kostet Leben

„Schweigen ist niemals neutral“, warnt Enderle. Wer Gewalt hört oder vermutet, trägt Verantwortung, nicht dafür, das Problem allein zu lösen, sondern dafür, nicht wegzusehen. „Schweigen mag harmlos erscheinen – doch es ist eine Entscheidung. Oftmals zahlt jemand anderes den Preis dafür“, schließt sie ab.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Grazer Studie entwickelt transparente Kriterien für gerechte CO₂-Budgets in Regionen
Vorheriger artikel

Grazer Studie entwickelt transparente Kriterien für gerechte CO₂-Budgets in Regionen

Versteckte Kosten bei Notdiensten in Wien: Arbeiterkammer macht Preisanalyse publik
Nächster artikel

Versteckte Kosten bei Notdiensten in Wien: Arbeiterkammer macht Preisanalyse publik

Nicht verpassen