Geheimpapier enthüllt Orbáns Moskau-Allianz kurz vor Wahlentscheidung
Kurz vor den entscheidenden Parlamentswahlen in Ungarn sind vertrauliche Dokumente aufgetaucht, die ein weitreichendes Kooperationsabkommen zwischen der Regierung in Budapest und Moskau detaillieren. Die Unterlagen, die POLITICO exklusiv vorliegen, beschreiben einen zwölf Punkte umfassenden Plan zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Enthüllungen werfen ein Schlaglicht auf Premierminister Viktor Orbáns umstrittene Ostorientierung und könnten den ohnehin bereits hitzigen Wahlkampf weiter anheizen.
Die Unterzeichnung des Abkommens erfolgte im Dezember vergangenen Jahres in der russischen Hauptstadt. Als Unterhändler traten der ungarische Außen- und Handelsminister Péter Szijjártó sowie der russische Gesundheitsminister Mikhail Murashko auf. Das Treffen markierte die 16. Sitzung der gemeinsamen Wirtschaftskommission beider Länder, die trotz des seit 2022 andauernden Krieges in der Ukraine fortgeführt wird. Die Vereinbarung umfasst explizite Verpflichtungen zur Ausweitung der Zusammenarbeit in Energie, Handel, Industrie, Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Bildung und Kultur.
Energiepartnerschaft als strategischer Kern
Besondere Aufmerksamkeit erfährt der energiepolitische Komplex des Dokuments. Darin verpflichten sich beide Seiten, den rückläufigen bilateralen Handel infolge der EU-Sanktionen gegen Russland umzukehren. Konkret sieht der Plan vor, russischen Unternehmen den Einstieg in neue Elektrizitäts- und Wasserstoffprojekte in Ungarn zu ermöglichen. Die Zusammenarbeit bei Öl, Gas und nuklearem Brennstoff soll intensiviert werden. Dieser Punkt gewinnt vor dem Hintergrund besonderer Brisanz, dass Ungarn innerhalb der Europäischen Union regelmäßig gegen Verschärfungen des Sanktionsregimes votiert und sich weigert, militärische Unterstützung für die Ukraine zu leisten.
Neben der energiewirtschaftlichen Verflechtung sieht der Vertrag auch bildungspolitische Maßnahmen vor. Budapest signalisierte seine Bereitschaft, den Russischunterricht durch den Import von Lehrkräften aus Russland zu stärken. Gegenseitige Anerkennung von Qualifikationen und Austauschprogramme für Studierende sollen ausgebaut werden. Selbst im kulturellen Bereich wurden Vereinbarungen getroffen – von Sportkooperationen bis hin zum Zirkuswesen. Kritiker warnen seit langem, Moskau instrumentalisiere derartige Veranstaltungen zur Verbreitung seiner Kriegsnarrative und zur Legitimationsbeschaffung des Regimes.
Wahlkampf unter dem Zeichen außenpolitischer Kontroversen
Die Veröffentlichung der Dokumente fällt in die heiße Phase des ungarischen Wahlkampfs, in dem Orbáns 16-jährige Herrschaft ernsthaft gefährdet erscheint. Umfragen sehen seine Fidesz-Partei hinter der zentristischen Oppositionsbewegung Tisza von Herausforderer Péter Magyar. Dieser bezeichnete die engen Beziehungen zur Kreml-Führung bereits als „blanken Verrat“ und nutzt das Thema als zentrales Angriffsfeld. Orbán hingegen inszeniert seine Moskau-Kontakte als Bewahrung nationaler Interessen und warnt, Magyar wolle Ungarn in den Ukraine-Krieg hineinziehen und die Energieversorgung gefährden.
Die diplomatische Kommunikation zwischen Orbán und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sorgte bereits im Vorfeld für Irritationen. Ein im Oktober 2025 geleaktes Telefonat dokumentierte, wie der ungarische Regierungschef dem Kreml-Chef Hilfe „in jeder erdenklichen Weise“ zusicherte und die Beziehung als die von „Maus und Löwe“ charakterisierte. Diese Äußerungen nähren bei europäischen Partnern die Befürchtung, Budapest könne sich von den gemeinsamen EU-Positionen weiter entfernen.
EU-Rechtskonformität als heikler Balanceakt
Einer der auffälligsten Passus im vertraulichen Papier betont, dass die vertieften Beziehungen zu Russland nicht „im Widerspruch zu den Verpflichtungen Ungarns aus seiner EU-Mitgliedschaft stehen“ dürfen. Diese Formulierung spiegelt den schwierigen Spagat wider, den die Orbán-Regierung vollführt: Einerseits die Souveränität in der Außenpolitik zu betonen, andererseits nicht gegen europäisches Recht zu verstoßen. Die Europäische Kommission beobachtet die Entwicklungen mit wachsender Besorgnis, zumal Ungarn als EU-Mitglied an den gemeinsamen Sanktionen gegen Russland gebunden ist.
Auf Nachfrage zu den konkreten Inhalten der Vereinbarung reagierte Außenminister Szijjártó ausweichend. Er verwies pauschal auf die nationale Interessenlage und kritisierte „extrem voreingenommene liberale Medien“. Das russische Außenministerium äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. Unabhängige Experten, die mit den Arbeitsmethoden Moskaus vertraut sind, konnten die Authentizität der Dokumente zwar nicht vollständig verifizieren, halten sie jedoch für plausibel. Die Wahl in Ungarn am kommenden Sonntag wird nicht nur über die innenpolitische Richtung entscheiden, sondern auch signalisieren, wie weit die Annäherung an den Osten unter einer möglichen neuen Regierung fortschreiten darf.


