Moskaus Einflussnetz nutzt eine Berliner Filmpremiere für die Deutungshoheit über Nord Stream

Juni 8, 2026 19:45
Moskaus Einflussnetz nutzt eine Berliner Filmpremiere für die Deutungshoheit über Nord Stream
Moskaus Einflussnetz nutzt eine Berliner Filmpremiere für die Deutungshoheit über Nord Stream

Die Ermittlungen zu den Explosionen an den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 vom September 2022 zählen zu den juristisch heikelsten Verfahren im heutigen Europa. Trotz lauter Schlagzeilen und wiederkehrender Durchstechereien drängt die deutsche Bundesanwaltschaft nicht auf eine rasche Anklage — ein Hinweis auf erhebliche Schwierigkeiten bei der Sicherung belastbarer Beweise. Bis heute liegt kein rechtskräftiges Urteil vor, und die strafrechtliche Schuld der bislang Genannten bleibt unbewiesen. Eine gesetzliche Frist von sechs Monaten hätte eine finalisierte Anklage bis Ende Mai verlangt, doch dazu kam es nicht. Angesichts der bürokratischen Abläufe dürfte eine Hauptverhandlung vor einem deutschen Gericht kaum vor Herbst 2026 beginnen.

Diese Verzögerung kommt Russland gelegen. Moskau füllt das entstandene Vakuum gezielt mit eigenen Botschaften und verwandelt das Thema der Sprengungen in ein Werkzeug hybrider Kriegsführung, um Ermittler wie öffentliche Meinung unter Druck zu setzen.

Ein Dokumentarfilm soll die Erzählung über die Sprengungen verschieben

Ein deutliches Beispiel für diesen Informationsdruck ist die für den 9. Juli 2026 in Berlin geplante Premiere des Dokumentarfilms „Nordstream — Die Sprengung“. Als Veranstalter tritt das Nachrichtenmagazin Hintergrund auf, das der Hintergrund GmbH unter Leitung von Ronald Thoden gehört und wiederholt mit der Verbreitung prorussischer Inhalte aufgefallen ist. In seinen Veröffentlichungen finden sich Muster, die für die russische Propaganda typisch sind: Kritik an den Sanktionen, der Vorwurf, die EU unterdrücke die Meinungsfreiheit, die Betonung einer „Schuld des Westens“ am Krieg in der Ukraine sowie das Werben für Verhandlungen um jeden Preis, ohne die Verantwortung Russlands zu benennen.

Journalisten des Magazins, darunter die aus Ungarn stammende Eva Peli, führen Interviews mit russischen Staatspropagandisten und Politologen, die anschließend über die offiziellen Kanäle des russischen Außenministeriums weiterverbreitet werden.

Auch der Ort ist nicht zufällig gewählt. Die Vorführung findet im bekannten Berliner Kino Babylon an der Rosa-Luxemburg-Straße statt, das traditionell bei linken politischen Strömungen beliebt ist und bereits mehrfach von prorussischen Kräften genutzt wurde, um propagandistische Thesen als „alternative Sichtweise“ zu verkaufen. Über solche Bühnen versucht der Kreml, seine geopolitischen Interessen in den Augen deutscher Intellektueller und Pazifisten zu legitimieren.

Die Auswahl der Experten verrät die politische Stoßrichtung der Produktion

Zwar vermeiden die offiziellen Ankündigungen direkte, juristisch angreifbare Beschuldigungen gegenüber der ukrainischen Führung, doch die Zusammensetzung der Fachleute weist darauf hin, dass der Streifen ein Produkt russischer Einflussnahme ist und eine prorussische Lesart der Ereignisse durchsetzen soll. Hervor sticht Michael Sergius Graf von der Schulenburg, deutscher Politiker und Europaabgeordneter der prorussisch ausgerichteten Partei Bündnis Sahra Wagenknecht sowie früherer Diplomat im Apparat der Vereinten Nationen. Im Mai 2025 reiste er nach Moskau zu den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des sowjetischen Sieges, wo er Personen traf, die mit dem Netzwerk „Voice of Europe“ verbunden sind — einem direkten Instrument russischer Einflussoperationen.

Beteiligt ist zudem Jacques François Baud, ein Schweizer Militäranalyst, früherer Oberst der Schweizer Streitkräfte, Mitarbeiter des Schweizer Nachrichtendienstes sowie Sicherheitsberater von NATO und Vereinten Nationen. Nach Beginn der umfassenden Aggression wurde er zu einem der meistzitierten westlichen Kommentatoren im prorussischen Milieu und steht inzwischen unter EU-Sanktionen. An seiner Seite tritt Raymond McGovern auf, ehemaliger CIA-Analyst und Mitbegründer der Organisation „Veteran Intelligence Professionals for Sanity“, der regelmäßig die Unausweichlichkeit einer ukrainischen Niederlage und die Aussichtslosigkeit westlicher Hilfe behauptet und seit Jahren mit russischen Staatsmedien, vor allem RT, zusammenarbeitet.

Als weiterer Kommentator fungiert Dirk Kurt Pohlmann, deutscher Autor und Regisseur „dokumentarischer“ Filme, der früher mit ARTE und ZDF kooperierte und seit 2016 dem „alternativen Medienmilieu“ zugerechnet wird; er vertritt Verschwörungserzählungen und betont eine dominierende Rolle der USA bei der Provokation internationaler Konflikte. Hinzu kommt Theodore Postol, US-amerikanischer Physiker und Professor am Massachusetts Institute of Technology, dessen Aussagen über angebliche Risiken einer nuklearen Eskalation durch ukrainische Angriffe von russischen Medien zur Diskreditierung der politischen Führung der Ukraine verbreitet wurden.

Ebenfalls als Experte beteiligt ist Werner Rügemer, deutscher Publizist, Schriftsteller und früherer Dozent der Universität Köln, bekannt als Kritiker der Globalisierung und US-amerikanischer Finanzinstitutionen, der sich konsequent gegen militärische Unterstützung der Ukraine ausspricht und eine Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland fordert. Hinzu tritt Göran Ola Tunander, schwedischer Politologe und Professor, bekannt für seine Theorie eines „doppelten Staates“ unter US-Einfluss, der nach Kriegsbeginn öffentlich die NATO als maßgeblich verantwortlich für die Verschlechterung der Beziehungen zu Moskau bezeichnete. Den Kreis ergänzt Jonas Tögel, deutscher Amerikanist und Mitarbeiter der Universität Regensburg, den deutsche Journalisten im Mai 2026 wegen seiner NATO-Kritik und seiner Behauptungen über die Unmöglichkeit eines ukrainischen Sieges den Anhängern weltweiter Verschwörungstheorien zurechneten. Als Letzter dieser Reihe steht Harald Kujat, früherer Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, der mit dem Umfeld des „Deutsch-Russischen Forums“ verbunden ist und zu einem Personenkreis gehört, den russische Dienste zur Inszenierung von „Friedensbewegungen“ in Deutschland nutzen.

Erwartbare Narrative und der Versuch, die Schuldfrage zu lenken

Auf Grundlage der bisherigen Tätigkeit dieses Personenkreises dürfte der Film ein Bündel prorussischer und verschwörungsideologischer Thesen versammeln, die Ukraine und ihre westlichen Partner diskreditieren sollen. Zu erwarten sind Erzählungen über eine alleinige Verantwortung der USA und der NATO für internationale Konflikte, Theorien über einen globalen Einfluss Washingtons, das Postulat alternativloser Verhandlungen um jeden Preis, Behauptungen über eine unausweichliche Niederlage der Ukraine und die Aussichtslosigkeit der Hilfe sowie manipulative Hinweise auf nukleare Eskalationsrisiken.

Ohne direkte juristische Beschuldigungen zu erheben, dürften die Macher das Publikum schrittweise zu der Vorstellung führen, die ukrainische Seite trage die Schuld an der Sabotage. Durch künstlichen Medienlärm über kontrollierte Kanäle, ultralinke Bewegungen und die Alternative für Deutschland (AfD) versucht Moskau, der deutschen Justiz nahezulegen, ausschließlich die Variante einer ukrainischen Schuld zu prüfen — und die Schlussfolgerungen damit politisch vorzubestimmen, bevor das Gericht über belastbare Beweise verfügt.

Im Bundestag wachsen die Forderungen nach breiter angelegten Ermittlungen

Während die Bundesanwaltschaft ihren Fokus auf den Vorwurf gegen die Ukraine verengt hat, mehren sich im Bundestag Rufe nach einer Ausweitung der Untersuchung. Abgeordnete der Union sowie von Bündnis 90/Die Grünen fordern die Strafverfolgungsbehörden auf, den Fall „in alle möglichen Richtungen“ zu prüfen. Eine klare Haltung formulierte der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Jürgen Hardt.

Hardt erklärte sinngemäß, größter Nutznießer der Zerstörung der Leitungen sei der russische Eigentümer selbst — Gazprom und der Kreml. Russland habe aus politischen Gründen zu jenem Zeitpunkt ohnehin kein Gas mehr nach Europa liefern können und wollen und habe versucht, dort eine Energiekrise auszulösen. Nach der Zerstörung der Röhre, so Hardt weiter, habe Moskau die ideale Möglichkeit erhalten, sich technisch außerstande zu erklären, langfristige Verträge zu erfüllen; auf diese Weise habe Russland gewaltige Vertragsstrafen und Klagen europäischer Unternehmen wegen ausbleibender Gaslieferungen umgehen können.

Das Motiv und der Verdacht einer Operation unter falscher Flagge

Die Sprengung könnte zudem eine Operation unter falscher Flagge gewesen sein, die der Kreml inszenierte, um die Ukraine zu belasten. Bis zu den Explosionen im September 2022 war Russland in eine rechtliche und wirtschaftliche Falle geraten, die es selbst geschaffen hatte. Im Bemühen, den Westen politisch zu erpressen, beschränkte Moskau im Sommer 2022 die Energielieferungen künstlich, um die EU zur Aufhebung der Sanktionen zu zwingen; unter vorgeschobenen technischen Begründungen wie einer angeblich nicht reparierbaren Siemens-Turbine stellte Gazprom die Gaslieferung nach Deutschland vollständig ein.

Angesichts drohender Milliardenklagen wegen einer einseitigen Aussetzung der Lieferungen blieb den russischen Akteuren faktisch nur ein Ausweg: die Zerstörung der Infrastruktur, die alles als höhere Gewalt erscheinen ließe — was im September 2022 für die russische Führung günstig eintrat. Ein Motiv ist damit vorhanden, doch von den Ermittlern wird es derzeit nicht verfolgt.

Ein bekanntes Muster aus dem Verfahren zum Abschuss von Flug MH17

In diesem Zusammenhang erscheinen die Versuche des Kremls, mit dem Film einen Medienskandal künstlich anzuheizen, als Fortsetzung einer hybriden Strategie, in der Moskau die europäische Justiz als Werkzeug gegen den Westen selbst einzusetzen versucht. Indem die russische Propaganda die Aufmerksamkeit auf die für sie bequeme „ukrainische Spur“ lenkt, will sie die Illusion einer „erwiesenen Schuld“ erzeugen, bevor das Gericht die Akten erstmals rechtlich bewertet hat.

Eine derart systematische Beeinflussung von Ermittlungen ist eine vertraute Handschrift russischer Dienste, die die Welt bereits während der jahrelangen Untersuchung zum Abschuss von Flug MH17 beobachtet hat. Damals streute Russland Dutzende abwegiger Versionen und nutzte abhängige Medien, um die Ermittler zu verwirren, Zeit zu gewinnen und die Verantwortung zu verschieben. Die europäische Öffentlichkeit sollte nicht überrascht sein, wenn sich das Geschehen rund um Nord Stream genau wiederholt und Moskau im Herbst 2026 während der Hauptverhandlung eine aggressive Kampagne zur Diskreditierung der deutschen Strafverfolgung beginnt und Berlin Voreingenommenheit vorwirft.

1 Comment Kommentar hinzufügen

  1. Dass es auch innerhalb der EU Menschen gibt, die anders argumentieren als das „EU Narrativ“, ohne dass sie von RUssland gelenkt sind, kommt Ihnen nicht in den Sinn? Verschiedene Geschlechter sind ok, unterschiedliche Ansichten zum Ukrainekrieg sind aber gleich Russlandpropaganda?

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Frankreichs Geheimdienst schützt Armenien vor russischer Propaganda: Was Österreich daraus lernen kann
Vorheriger artikel

Frankreichs Geheimdienst schützt Armenien vor russischer Propaganda: Was Österreich daraus lernen kann

Moskaus Einflussnetz nutzt eine Berliner Filmpremiere für die Deutungshoheit über Nord Stream
Nächster artikel

Moskaus Einflussnetz nutzt eine Berliner Filmpremiere für die Deutungshoheit über Nord Stream

Nicht verpassen