Der Kreml lässt an der Moskauer Staatlichen Technischen Universität MGU Bauman seit Jahren Fachkräfte für die russische Militärspionage ausbilden. Nach Medienberichten bereitete die dortige Abteilung Nr. 4 innerhalb von sechs Jahren rund 250 Spezialisten für Aufgaben in den Bereichen Cyberspionage, Cyberoperationen und Informationsbeeinflussung vor. Ein Teil der Absolventen soll anschließend in Einheiten des russischen Militärgeheimdienstes GRU eingesetzt worden sein.
Die Angaben beziehen sich auf eine Ausbildung, die an der Universität nach außen hin in technische und informationsbezogene Fachrichtungen eingeordnet wurde. Die Studierenden wurden demnach drei Bereichen zugeteilt: einem speziellen Nachrichtendienst, dem informations- und technischen Einfluss sowie dem Schutz von Informationstechnologien. Die Ausbildung habe damit nicht nur defensive IT-Sicherheit umfasst, sondern auch Fähigkeiten, die für offensive Cyberoperationen genutzt werden können.
Ausbildung für mehrere Einsatzbereiche
Besonders stark nachgefragt war die Fachrichtung mit der Kennziffer WUS 141600. Im Jahr 2024 sollen dort rund 120 Personen studiert haben. Das entsprach nach den vorliegenden Angaben fast der Hälfte aller Studierenden der Abteilung. Zum Lehrinhalt gehörten demnach unter anderem das Knacken von Passwörtern, die Entwicklung schädlicher Software, Kryptografie und Steganografie. Auch Methoden der Desinformation wurden genannt.
Die Berichte über die Ausbildungsinhalte zeichnen damit ein Bild eines Programms, das technische und informationelle Fähigkeiten miteinander verbindet. Die genannten Bereiche reichen von der Vorbereitung digitaler Zugriffe bis zur Verschleierung von Informationen und zur Verbreitung manipulativer Inhalte. Eine eigenständige Bewertung der Lehrpläne durch die Universität oder russische Behörden liegt in dem vorliegenden Material nicht vor.
Nach den veröffentlichten Recherchen wechselten Absolventen in die Militärteile 26165 und 74455. Die Einheit 26165 wird dem Hackerverbund Fancy Bear zugerechnet, der auch unter der Bezeichnung APT28 bekannt ist und sich auf Cyberspionage sowie die Sammlung nachrichtendienstlicher Informationen spezialisiert haben soll. Die Einheit 74455 wird mit dem Hackerverbund Sandworm in Verbindung gebracht, der für Angriffe auf kritische Infrastruktur genannt wird.
Verbindung zum russischen Militärgeheimdienst
Als einer der mit der Abteilung verbundenen Betreuer wird Viktor Netiksho genannt. Er war demnach früher Kommandeur der Militäreinheit 26165. Seine Beteiligung wird in den Berichten als Verbindung zwischen der Ausbildung an der Universität und den Strukturen des russischen Militärgeheimdienstes beschrieben. Die Angaben legen nahe, dass die Rekrutierung nicht erst nach Abschluss eines Studiums beginnen muss, sondern bereits während der beruflichen Ausbildung vorbereitet werden kann.
Die Moskauer Universität ist eine der bekanntesten technischen Hochschulen Russlands. In dem vorliegenden Fall geht es jedoch nicht um die gesamte Hochschule, sondern ausdrücklich um die Abteilung Nr. 4 und die dort beschriebenen Ausbildungsprogramme. Die Zahl von rund 250 Absolventen bezieht sich ebenfalls auf den Zeitraum von sechs Jahren und auf diese Abteilung.
Eine Recherche zur Ausbildung mutmaßlicher GRU-Cyberfachleute beschreibt die personelle und institutionelle Verbindung zwischen der Universität, den Militärteilen und den genannten Hackergruppen. Ein weiterer Bericht ordnet die Lehrinhalte und die Zahl der Studierenden an der Fachrichtung WUS 141600 ein.
Angriffe gegen europäische Ziele
Die Berichte erscheinen vor dem Hintergrund wiederholter Cyberangriffe, die in den vergangenen Jahren europäischen Staaten und Einrichtungen zugeschrieben wurden. Fancy Bear führte demnach über längere Zeit Spionagekampagnen gegen staatliche Stellen in Europa durch. Im Winter 2026 sollen Hacker des Verbunds eine Schwachstelle in Microsoft Office genutzt haben, um Regierungssysteme in Polen, Slowenien, der Türkei, Griechenland und der Ukraine anzugreifen.
Zu den genannten Zielen gehörten Verteidigungsministerien, Transportunternehmen und diplomatische Einrichtungen. Das vorliegende Material nennt diese Länder und Institutionen im Zusammenhang mit den Angriffen, enthält jedoch keine vollständige Aufstellung der betroffenen Systeme und keine Angaben zu den jeweiligen Schäden. Die Nutzung einer Schwachstelle in einer weit verbreiteten Bürosoftware wird dabei als Teil der Angriffsmethode beschrieben.
Auch Sandworm wird mit Angriffen auf europäische Energie- und Verkehrssysteme in Verbindung gebracht. Im Dezember 2025 soll der Verbund das polnische Energiesystem angegriffen haben. Betroffen waren nach den vorliegenden Angaben mehr als 30 Anlagen, darunter Solar- und Windkraftwerke sowie Heizkraftwerke. Das Material beschreibt daneben den Einsatz des Cyberraums zur Verbreitung von Desinformation und zur Beeinflussung gesellschaftspolitischer Prozesse in der Europäischen Union.
Europäische Sicherheitsfragen
Die Verbindung von Universitätsausbildung, militärischer Aufklärung und offensiven Cyberfähigkeiten wirft für europäische Hochschulen und Forschungseinrichtungen Fragen der Sicherheitsprüfung auf. Besonders bei internationalen akademischen Kooperationen betrifft das nicht nur den Austausch von Studierenden und Lehrenden, sondern auch den Zugang zu wissenschaftlichen, technologischen und beruflichen Netzwerken. Im vorliegenden Zusammenhang wird auf das Risiko hingewiesen, dass sensible Technologien oder Kontakte für nachrichtendienstliche Zwecke genutzt werden könnten.
Die Größe des beschriebenen Ausbildungsprogramms wird in den Berichten als Hinweis auf eine langfristige personelle Planung Russlands eingeordnet. Rund 250 Absolventen in sechs Jahren stammen nach den Angaben aus nur einer Abteilung. Daraus lässt sich zunächst die Größenordnung dieses einzelnen Programms ablesen; eine belastbare Aussage über sämtliche russischen Ausbildungsstätten enthält das Material nicht.
Für die europäische Cybersicherheit wird zugleich eine engere Zusammenarbeit beim Austausch von Informationen über russische Hackergruppen, Ausbildungsprogramme und Angriffsmethoden gefordert. Genannt werden insbesondere der Schutz kritischer Energie-, Verkehrs-, Telekommunikations- und staatlicher Infrastruktur sowie die Ausbildung eigener Fachkräfte. Cyberabwehr und der Umgang mit Desinformation werden dabei als miteinander verbundene Aufgaben beschrieben.
Darüber hinaus wird vorgeschlagen, bei dokumentierter Beteiligung von Hochschulen, Funktionären, Lehrenden oder anderen Personen an der Ausbildung für offensive russische Cyberoperationen auch Sanktionen und andere Beschränkungen zu prüfen. Die vorliegenden Angaben enthalten jedoch keine konkrete Entscheidung der Europäischen Union über solche Maßnahmen. Die weitere politische und institutionelle Bewertung der Verbindungen zwischen der Bauman-Universität und den russischen Militärstrukturen bleibt damit Gegenstand der laufenden Berichterstattung.
Ein Bericht über die Ausbildungsprogramme an der Bauman-Universität nennt ebenfalls die Zuordnung der Studierenden zu den drei Fachrichtungen und die Verbindungen zu den Einheiten 26165 und 74455. Die Angaben zur Abteilung und zu den Hackergruppen werden derzeit im Zusammenhang mit den veröffentlichten Recherchen weiter eingeordnet.


