Kaunas verliert den Weltcup – weil Litauen russische Athleten nicht zulassen will

Oktober 21, 2026 12:34
Kaunas verliert den Weltcup – weil Litauen russische Athleten nicht zulassen will
Kaunas verliert den Weltcup – weil Litauen russische Athleten nicht zulassen will

Kaunas wird 2027 keine Etappe des Weltcups im modernen Fünfkampf ausrichten. Der internationale Verband UIPM entzog Litauen das Turnier, nachdem der litauische Verband an seiner Entscheidung festhielt, russische und belarussische Athleten bei Wettbewerben im Land nicht zuzulassen.

Offiziell begründet die UIPM den Schritt mit gleichen Chancen für die Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles. Politisch hat die Entscheidung jedoch eine weiter reichende Wirkung: Ein Gastgeberland behält seine Zugangsbeschränkungen bei, verliert dafür aber einen internationalen Wettbewerb. Auch weitere Turniere in Litauen könnten betroffen sein.

Ein Weltcup als Druckmittel

Die Entscheidung wurde am 19. Oktober 2026 bekannt. Nach derzeitigem Stand geht es nicht nur um den Weltcup in Kaunas. Für 2028 geplante internationale Veranstaltungen in Litauen, darunter Juniorenmeisterschaften, könnten ebenfalls gefährdet sein, wenn ihre jeweiligen Verbände dieselben Teilnahmebedingungen verlangen wie die UIPM.

Die UIPM hat den Entzug des Wettbewerbs nach den vorliegenden Angaben nicht ausdrücklich als formelle Strafe gegen Litauen bezeichnet. Ihre Begründung verweist auf die Gleichbehandlung aller Athleten im olympischen Qualifikationssystem. Praktisch trifft die Maßnahme aber unmittelbar die Position der litauischen Föderation, die russische und belarussische Teilnehmer nicht akzeptiert.

Damit prallen zwei Zuständigkeiten aufeinander. Der internationale Verband legt die Regeln seines Wettbewerbs fest und entscheidet, wo eine Etappe stattfindet. Litauen kontrolliert dagegen, unter welchen Bedingungen Sportveranstaltungen auf seinem Territorium durchgeführt werden. Die UIPM kann das Land nicht selbst zur Öffnung seiner Wettkämpfe zwingen. Sie kann das Turnier jedoch an einen anderen Austragungsort vergeben.

Gerade darin liegt der Druck: Litauen muss seine Haltung nicht unmittelbar ändern, verliert aber möglicherweise sportliche Sichtbarkeit, Einnahmen und künftige Veranstaltungen. Internationale Turniere bringen Besucher, Sponsoren und lokale Partner. Sie stärken zudem die Nutzung von Sportstätten und können Investitionen in die Infrastruktur fördern.

Die Rückkehr unter nationalen Symbolen

Der Streit folgt auf einen Kurswechsel der UIPM im Jahr 2026. Das Internationale Olympische Komitee hatte Sportorganisationen im Mai und Juli empfohlen, eine Aufhebung der Beschränkungen für belarussische beziehungsweise russische Athleten zu prüfen.

Das Exekutivkomitee der UIPM hob daraufhin im Mai die Einschränkungen für belarussische Fünfkämpfer auf. Sie durften wieder an Wettbewerben des Verbandes teilnehmen – einschließlich der Nutzung nationaler Symbole wie Flagge, Hymne und Nationaltrikot.

Im Juli folgte eine vergleichbare Entscheidung für russische Athleten. Ab August 2026 wurde ihnen die vollständige Teilnahme an UIPM-Wettbewerben erneut ermöglicht, ebenfalls unter Verwendung nationaler Symbole.

Diese Regeländerungen stehen im Gegensatz zu den Maßnahmen, die viele Sportverbände nach dem groß angelegten russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ergriffen hatten. Russische und belarussische Sportler waren vielfach ausgeschlossen oder nur unter neutralem Status zugelassen worden.

Die Rückkehr unter Flagge, mit Hymne und in Nationalkleidung ist deshalb mehr als eine technische Anpassung der Startregeln. Ein Athlet, der neutral antritt, wird vor allem als Einzelperson wahrgenommen. Ein Teilnehmer unter nationalen Symbolen erscheint dagegen sichtbar als Repräsentant seines Landes. Das kann den Eindruck erwecken, Russland und Belarus kehrten trotz des andauernden Krieges schrittweise in eine normale internationale Rolle zurück.

Das litauische Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Sport hat die Lockerung der Beschränkungen durch internationale Sportorganisationen scharf verurteilt. Seine Empfehlungen an die litauischen Sportverbände bleiben unverändert: Russische Athleten sollen zu Wettbewerben im Land weder eingeladen noch zugelassen werden. Die nationale Föderation hält damit an einer Linie fest, die mit der neuen Teilnahmeordnung der UIPM kollidiert.

Wie belastbar sind individuelle Ausschlusskriterien?

Mit dem Ende pauschaler Beschränkungen gewinnt die Prüfung einzelner Athleten an Bedeutung. Die IOC-Empfehlungen vom 28. März 2023 sahen vor, Sportler auszuschließen, die den Krieg aktiv unterstützen oder Verträge mit russischen Streitkräften beziehungsweise Sicherheitsorganen haben.

Solche Kriterien werden durch eine allgemeine Öffnung nicht automatisch bedeutungslos. Ihre Wirkung hängt aber davon ab, ob internationale Verbände sie transparent, einheitlich und nachvollziehbar anwenden. Werden die Prüfungen von Wettbewerb zu Wettbewerb unterschiedlich gehandhabt, könnten Athleten mit relevanten Verbindungen zu militärischen oder sicherheitsnahen Strukturen zugelassen werden, ohne dass diese Verbindungen ausreichend untersucht wurden.

Aus der Teilnahme eines russischen Athleten allein folgt allerdings weder eine Unterstützung des Krieges noch eine Verbindung zu einem Sicherheitsapparat. Dafür wären konkrete Informationen über die jeweilige Person und eine Prüfung des Einzelfalls erforderlich. Genau diese praktische Umsetzung bleibt ein zentraler Streitpunkt zwischen internationalen Verbänden und Ländern, die eine Rückkehr russischer und belarussischer Sportler ablehnen.

Für russische Behörden besitzt die Rückkehr unter nationalen Symbolen zugleich einen möglichen propagandistischen Nutzen. Erfolge bei bekannten internationalen Wettbewerben können als Zeichen erneuter internationaler Anerkennung dargestellt werden. Flagge, Hymne und Nationaltrikot machen diese Botschaft sichtbarer als eine Teilnahme unter neutralem Status. Das bedeutet nicht, dass jeder einzelne Athlet als politischer Akteur auftritt; es verändert jedoch den Rahmen, in dem seine Teilnahme öffentlich präsentiert werden kann.

Ein Präzedenzfall für Europas Sportverbände

Der Fall Kaunas macht eine wirtschaftliche Abwägung sichtbar, die auch andere europäische Gastgeber betreffen könnte. Wer russische und belarussische Teilnehmer ausschließt, kann seine politische und sicherheitsbezogene Position bewahren. Gleichzeitig besteht das Risiko, Wettbewerbe, Fördermittel, Sponsoren und internationale Aufmerksamkeit zu verlieren.

Der Druck entsteht dabei nicht durch eine ausdrückliche Anordnung, litauische Regeln zu ändern. Er wirkt über die Vergabe des Kalenders. Ein internationaler Verband kann ein Turnier an einen anderen Ort verlegen und damit die Kosten einer nationalen Ausschlusspolitik erhöhen. Andere Länder könnten daraus den Schluss ziehen, dass sie ihre eigenen Beschränkungen lockern müssen, wenn sie bedeutende Wettbewerbe behalten wollen.

Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt, ist offen. Staaten und Verbände könnten den Verlust internationaler Turniere unterschiedlich bewerten. Einige werden möglicherweise die wirtschaftlichen Nachteile scheuen, andere die Teilnahme russischer und belarussischer Athleten weiterhin als unvereinbar mit ihrer Haltung zum Krieg gegen die Ukraine betrachten.

Fest steht zunächst: Kaunas verliert die Weltcup-Etappe 2027, während weitere für 2028 geplante Veranstaltungen unsicher geworden sind. Die entscheidende Frage lautet nun, ob der Konflikt auf den modernen Fünfkampf begrenzt bleibt oder ob die Vergabe internationaler Turniere künftig allgemein dazu genutzt wird, Gastgeberländer zur Übernahme gelockerter Teilnahmebedingungen zu bewegen.

Bericht von Sportas24 zur Entscheidung der UIPM

Bericht von EADaily zum Streit mit Litauen

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Polens Gewerkschaft Solidarność stellt den Klimawandel vor eine Machtfrage
Vorheriger artikel

Polens Gewerkschaft Solidarność stellt den Klimawandel vor eine Machtfrage

Wenn Regionalbefehle teuer werden: Russland plant Millionenstrafen für Unternehmen
Nächster artikel

Wenn Regionalbefehle teuer werden: Russland plant Millionenstrafen für Unternehmen

Nicht verpassen