Moskau wird 2027 voraussichtlich deutlich mehr ausgeben, ohne entsprechend mehr einzunehmen. Der von Bürgermeister Sergej Sobjanin am 26. Oktober 2026 vorgelegte Haushaltsentwurf sieht ein Defizit von 651 Milliarden Rubel vor – nach 448 Milliarden Rubel im laufenden Jahr.
Die geplanten Ausgaben steigen auf 6,59 Billionen Rubel. Die Einnahmen sollen dagegen mit 5,93797 Billionen Rubel nahezu auf dem Niveau von 2026 bleiben. Für die russische Hauptstadt bedeutet das nicht unmittelbar eine Zahlungsunfähigkeit, aber einen spürbaren Verlust an finanziellem Spielraum. Acht von 13 städtischen Programmen sollen 2027 mit weniger Geld auskommen.
Die Einnahmen bewegen sich kaum
Der Dreijahresplan umfasst neben dem Haushalt für 2027 auch die Planungen für 2028 und 2029. Für das kommende Jahr veranschlagt Moskau nominal 3,2 Prozent höhere Ausgaben als 2026. Bei den Einnahmen steht dem jedoch nur ein Zuwachs von rund 0,01 Prozent gegenüber: Für 2026 sind 5,93743 Billionen Rubel angesetzt.
In einem inflationären Umfeld bedeutet eine solche Stagnation real einen Rückgang der verfügbaren Mittel. Selbst wenn die Stadt nominal beinahe denselben Betrag einnimmt, kann sie damit weniger Leistungen, Bauvorhaben und laufende Verpflichtungen finanzieren. Die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben wächst deshalb innerhalb eines Jahres um rund 203 Milliarden Rubel.
Mehr als 90 Prozent der Moskauer Haushaltseinnahmen stammen aus Steuern. Für 2027 rechnet der Entwurf mit 5.380,5 Milliarden Rubel aus dieser Quelle – 22,5 Milliarden Rubel weniger als für 2026. Die Stadt versucht, den Rückgang durch sogenannte nichtsteuerliche Einnahmen abzufedern.
Dazu zählen Zinserträge aus Bankeinlagen, die Bewirtschaftung von Guthaben auf dem einheitlichen Stadtkonto, Geldstrafen und Sanktionen sowie der Verkauf materieller Vermögenswerte. Diese Posten brachten 2026 insgesamt 534 Milliarden Rubel ein. Sie können kurzfristig helfen, ersetzen aber keine stabile Steuerbasis: Zinserträge hängen von Liquidität und Zinsniveau ab, Vermögensverkäufe sind nicht beliebig wiederholbar.
Einbruch bei der Gewinnsteuer
Die größte Schwachstelle des Entwurfs ist die Steuer auf Unternehmensgewinne. Die Moskauer Behörden erwarten hier einen Rückgang um mehr als 300 Milliarden Rubel oder mehr als 15 Prozent. Der Haushaltsentwurf weist nicht aus, welcher einzelne Faktor dafür ausschlaggebend ist.
In Moskau haben zahlreiche große russische Unternehmen aus dem Energie-, Metall- und Finanzsektor ihren Sitz. Ihre Gewinne können durch Sanktionen, veränderte Exportmärkte, höhere Logistikkosten, Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Ausrüstung und teurere Kredite unter Druck geraten. Auch zusätzliche Abgaben oder Exportzölle des föderalen Staates können dazu führen, dass ein größerer Teil der Unternehmenszahlungen nicht in der Stadtkasse, sondern im föderalen Haushalt landet. Wie stark die einzelnen Mechanismen zum erwarteten Rückgang beitragen, lässt sich aus den vorliegenden Zahlen nicht ableiten.
Der haushaltspolitische Befund ist dennoch eindeutig: Eine zentrale Einnahmequelle der Hauptstadt verliert an Dynamik, während die Ausgaben weiter wachsen. Das macht Moskau empfindlicher gegenüber der Gewinnentwicklung einer begrenzten Zahl großer Steuerzahler und gegenüber Entscheidungen der föderalen Finanzpolitik.
Die Einnahmen aus der Einkommensteuer sollen zwar steigen, nach den Planungen aber im Wesentlichen nur im Umfang der offiziellen Inflation. Real entsteht dadurch kaum zusätzlicher Spielraum. Der Haushalt wird damit stärker davon abhängig, dass Beschäftigung und nominale Löhne stabil bleiben – selbst wenn die Unternehmensgewinne sinken.
Weniger Geld für Stadtprogramme
Die geplanten Kürzungen betreffen acht der 13 städtischen Programme. Genannt werden unter anderem Bildung, das städtische Umfeld, Verkehr, Kultur, Tourismus, Sport und Stadtplanung. Der Entwurf bedeutet nicht automatisch, dass alle Leistungen in diesen Bereichen im selben Umfang gekürzt oder einzelne Projekte gestrichen werden. Er zeigt jedoch, wo Moskau seine Ausgaben gegenüber früheren Planungen zurücknehmen will.
Für die Hauptstadt ist das ein bemerkenswerter Einschnitt. Moskau verfügt über eine wesentlich breitere Wirtschafts- und Steuerbasis als die meisten anderen russischen Regionen. Wenn selbst dort die Ausgaben für mehrere zentrale Politikfelder zurückgefahren werden sollen, deutet das auf eine engere Prioritätensetzung hin: Laufende Verpflichtungen und übergeordnete staatliche Aufgaben konkurrieren stärker mit kommunalen Dienstleistungen und Investitionen.
Zusätzlicher Druck entsteht durch Aufgaben, die russische Regionen im Zusammenhang mit dem anhaltenden Krieg übernehmen. Dazu können Zahlungen an Vertragssoldaten, die Beschaffung von Material und Beiträge zu Infrastrukturprojekten in von Moskau unterstützten Gebieten gehören. In den vorliegenden Haushaltsangaben ist jedoch nicht aufgeschlüsselt, welcher Anteil des Defizits unmittelbar auf solche Ausgaben zurückgeht. Der Anstieg des Fehlbetrags lässt sich daher nicht pauschal einer einzelnen Ausgabenkategorie zuschreiben.
Der Fehlbetrag braucht eine Finanzierung
Das Defizit von 651 Milliarden Rubel muss durch eine Kombination aus vorhandenen Mitteln, Vermögensverkäufen und neuen Krediten gedeckt werden. Eine mögliche Option wäre die Aufnahme von Geld am heimischen Kapitalmarkt oder die Ausgabe städtischer Anleihen. Der Entwurf legt in den vorliegenden Angaben jedoch noch nicht die vollständige Finanzierungsstruktur offen.
Die Bedingungen einer solchen Kreditaufnahme wären entscheidend. Bei einer straffen Geldpolitik und hohen Zinsen würde sich die Finanzierung verteuern. In den Folgejahren müsste dann ein größerer Teil der Einnahmen für Zinsen und Schuldendienst aufgewendet werden – und stünde nicht für Verkehr, Bildung, Infrastruktur oder soziale Leistungen zur Verfügung.
Das geplante Defizit ist für sich genommen kein Beleg für eine unmittelbare Solvenzkrise. Moskau bleibt Russlands wichtigstes Wirtschafts- und Finanzzentrum und verfügt über mehr finanzpolitische Instrumente als die meisten Regionen. Doch die Kombination aus stagnierenden Gesamteinnahmen, sinkender Gewinnsteuer und steigenden Ausgaben verringert die Sicherheitsmarge der Stadt.
Die entscheidende Frage für 2027 wird deshalb sein, wie Moskau die Lücke verteilt: auf neue Schulden, weitere Einsparungen oder eine stärkere Abhängigkeit von Einnahmen der privaten Haushalte und Entscheidungen des föderalen Zentrums. Der Haushaltsentwurf macht sichtbar, dass auch die finanzstärkste russische Metropole ihre bisherige Steuerbasis nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen kann.


