Die Regierung von US-Präsident Donald Trump soll den ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als Kandidaten für das Amt des UN-Generalsekretärs ins Gespräch bringen. Eine offizielle Bewerbung gibt es bislang nicht. Doch die mögliche Unterstützung durch Washington sowie ein erwartetes Entgegenkommen Russlands und Chinas würde die Nachfolge von António Guterres zu einer Grundsatzfrage machen: Wie unabhängig kann der nächste Vermittler der Vereinten Nationen sein, wenn seine Wahl auf einem Großmachtdeal beruht?
Über die Überlegungen berichtete am 25. Oktober 2026 The Wall Street Journal in einem Meinungsbeitrag. Demnach prüft die Trump-Regierung Orbáns Chancen und rechnet dabei mit Unterstützung aus Moskau und Peking. Die Angaben beschreiben eine politische Sondierung, keine offizielle Nominierung und keine bestätigten Stimmzusagen.
Ein Vertreter des US-Außenministeriums soll acht Mitglieder des Sicherheitsrats als sichere Unterstützer eingeschätzt haben. Bei weiteren zehn der insgesamt 15 Ratsmitglieder könne Washington demnach um Zustimmung werben. Die Zahlen sind schon rechnerisch keine Liste fest zugesagter Stimmen, sondern eine Einschätzung des politischen Spielraums.
Ein US-Beamter bezeichnete Orbán dem Bericht zufolge als „idealen Kandidaten für Konservative, die die MAGA-Bewegung unterstützen“. Sollte der ungarische Politiker seine Kandidatur erklären, würden Trump und Vizepräsident J. D. Vance ihn voraussichtlich unterstützen. Eine mit dem Verfahren vertraute Quelle sagte demnach, eine öffentliche Ankündigung könne bis zum Ende der Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten zurückgestellt werden. US-Beamte hätten zudem den Eindruck gewonnen, dass Orbán dem Amt grundsätzlich positiv gegenüberstehe – allerdings mit Vorbehalten.
Eine Wahl, die an fünf Vetomächten vorbeiführen muss
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen wird nicht direkt von der Generalversammlung gewählt. Zunächst muss der Sicherheitsrat einen Kandidaten empfehlen, anschließend bestätigt die Generalversammlung die Ernennung. Dafür sind mindestens neun der 15 Stimmen im Sicherheitsrat erforderlich. Zusätzlich darf keines der fünf ständigen Mitglieder – die USA, Russland, China, Frankreich oder das Vereinigte Königreich – ein Veto einlegen.
Die Nachfolge von Guterres ist deshalb weniger eine gewöhnliche Wahl als eine Verhandlung zwischen Staaten mit gegensätzlichen Interessen. Ein Bewerber braucht eine Mehrheit und muss zugleich für jede Vetomacht akzeptabel bleiben. Eine mögliche Verständigung zwischen Washington, Moskau und Peking könnte Orbáns Chancen verbessern. Sie würde aber ebenso den Eindruck verstärken, dass seine Kandidatur aus einem Ausgleich zwischen Großmächten hervorgeht und nicht aus der Suche nach dem unabhängigsten internationalen Vermittler.
Guterres beendet seine zweite fünfjährige Amtszeit am 31. Dezember 2026. Am 1. Januar 2027 soll sein Nachfolger das Amt übernehmen. Neben Orbán werden mehrere erfahrene Diplomaten und internationale Funktionsträger als mögliche Bewerber genannt: Rebeca Grynspan, Generalsekretärin der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung und frühere Vizepräsidentin Costa Ricas; Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation; María Fernanda Espinosa, ehemalige Präsidentin der UN-Generalversammlung und frühere Außenministerin Ecuadors; Carolyn Rodrigues-Birkett, Guyanas ständige Vertreterin bei den Vereinten Nationen; sowie Lana Nusseibeh, die frühere ständige Vertreterin der Vereinigten Arabischen Emirate bei der UNO.
Orbáns außenpolitischer Kurs als Belastung
Eine mögliche Kandidatur würde nicht nur an ihrer Entstehung gemessen. Im Zentrum stünde auch Orbáns Bilanz als ungarischer Regierungschef. Während des russischen Großangriffs auf die Ukraine setzte er auf enge Beziehungen zu Moskau und stellte sich wiederholt gegen eine Verschärfung europäischer Sanktionen. Budapest erschwerte zudem Entscheidungen der Europäischen Union über finanzielle und militärische Unterstützung für die Ukraine.
Das führte zu wiederkehrenden Konflikten mit den europäischen Partnern und machte eine gemeinsame Reaktion auf die russische Aggression schwieriger. Orbáns bisherige Politik beweist zwar nicht, wie er sich als UN-Generalsekretär verhalten würde. Sie erklärt jedoch, warum seine mögliche Ernennung auf Widerstand stoßen könnte – insbesondere bei Staaten, die die Verantwortung des Aggressors im Mittelpunkt der internationalen Diplomatie halten wollen.
Kritiker würden vermutlich fragen, ob Orbán als UN-Chef auf Rechenschaft und die Einhaltung des Völkerrechts drängen oder eher Kompromisse fördern würde, die die diplomatische Spannung senken, ohne die Ursache des Konflikts ausreichend zu benennen. Das ist ein politisches Szenario, keine feststehende Folge einer möglichen Wahl. Es knüpft jedoch an Positionen an, die Orbán zu Russland, zu Sanktionen und zur Unterstützung der Ukraine tatsächlich vertreten hat.
Der Generalsekretär kann selbst weder Sanktionen verhängen noch aufheben. Auch verfügt er nicht über die Entscheidungsmacht des Sicherheitsrats. Sein Einfluss ist vor allem diplomatischer Natur: Er kann Prioritäten setzen, Verhandlungsformate fördern, bestimmte Krisen stärker ins Blickfeld rücken und den Ton öffentlicher Erklärungen der Organisation prägen.
Begrenzte Befugnisse, erhebliche Signalwirkung
Gerade diese politische, nicht formale Macht macht die Personalentscheidung bedeutsam. Russland und China versuchen, ihren Einfluss auf die Debatten über den Krieg in der Ukraine und über die Regeln der internationalen Ordnung auszuweiten. Ein von beiden Staaten unterstützter Generalsekretär könnte die Linie des Sicherheitsrats nicht eigenständig bestimmen. Er könnte aber bestimmten Themen mehr Sichtbarkeit geben, bestimmte Formen der Vermittlung fördern und damit die Atmosphäre internationaler Verhandlungen beeinflussen.
Die eigentliche Frage wäre daher weniger, ob Orbán Entscheidungen der Mitgliedstaaten ersetzen könnte. Das kann er nicht. Entscheidend wäre vielmehr, welche Konflikte er hervorhebt, welche Sprache er für die internationale Verantwortung verwendet und welche Art von Kompromiss er als realistisch oder wünschenswert darstellt. Für die Gegner seiner möglichen Kandidatur liegt darin das Risiko, dass der Druck auf Aggressoren zugunsten einer schnellen diplomatischen Beruhigung abgeschwächt wird.
Für Russland und China könnte Orbáns Aufstieg zugleich einen politischen Gewinn darstellen, selbst wenn sie keine formale Kontrolle über das Sekretariat erhielten. Ihre Unterstützung würde zeigen, dass ihre Zustimmung für die Besetzung des wichtigsten diplomatischen Amtes der Vereinten Nationen unverzichtbar ist. Für die Organisation entstünde daraus ein Glaubwürdigkeitsproblem, falls der neue Generalsekretär von Beginn an als Ergebnis dieses Dreierarrangements wahrgenommen würde.
Eine heikle Botschaft an Europa
In der Europäischen Union hätte Orbáns mögliche Ernennung zusätzlich eine symbolische Dimension. Seine Regierung liegt seit Jahren mit europäischen Institutionen über Rechtsstaatlichkeit, die Unabhängigkeit der Justiz und die Freiheit der Medien im Streit. Ungarn blockierte oder verzögerte außerdem gemeinsame Entscheidungen über die Unterstützung der Ukraine, Migration und Energiepolitik.
Ein Wechsel an die Spitze der Vereinten Nationen könnte deshalb als internationale Aufwertung eines politischen Kurses verstanden werden, der von den erklärten Grundsätzen vieler EU-Staaten abweicht. Europas Appelle für Demokratie, Menschenrechte und die Einhaltung des internationalen Rechts könnten an Überzeugungskraft verlieren, wenn ein Politiker mit einer solchen Konfliktgeschichte das sichtbarste diplomatische Amt der Weltorganisation übernimmt.
Auch europaskeptische und populistische Kräfte innerhalb der EU könnten die Entscheidung für sich nutzen. Sie könnten Orbáns Aufstieg als Beleg dafür darstellen, dass nationale Blockaden mehr bewirken als gemeinsame europäische Entscheidungen. Damit würde die Personalfrage in New York unmittelbar auf die politischen Kräfteverhältnisse innerhalb der Union zurückwirken.
Noch stehen zwei entscheidende Schritte aus: Orbán müsste seine Kandidatur formell erklären, und die US-Regierung müsste aus ihren Sondierungen eine offizielle Unterstützung machen. Bis dahin bleibt seine Bewerbung eine von der Presse berichtete Möglichkeit. Sie zeigt aber bereits, worum es bei der Nachfolge von Guterres geht: Der nächste Generalsekretär braucht die Zustimmung der Mächte, die seine Wahl verhindern können – und zugleich genügend Unabhängigkeit, damit er nicht als ihr gemeinsamer Vertreter wahrgenommen wird.


