Der Preis der östlichen Kohleroute steigt für Russland weiter

Oktober 16, 2026 13:11
Der Preis der östlichen Kohleroute steigt für Russland weiter
Der Preis der östlichen Kohleroute steigt für Russland weiter

Russlands Kohleindustrie verliert trotz neuer Absatzwege weiter an Boden. Nach Angaben des russischen Energieministeriums dürften 2026 rund 70 Prozent der Unternehmen des Sektors mit Verlust abschließen. Für die gesamte Branche wird ein Minus von 300 bis 310 Milliarden Rubel erwartet.

Die Zahlen zeigen nicht nur eine schwache Jahresbilanz. Sie machen sichtbar, wie teuer der Versuch ist, den Wegfall europäischer Abnehmer durch Lieferungen in den Osten auszugleichen. Längere Transportstrecken, begrenzte Bahnkapazitäten, steigende Tarife und die Schuldenlast aus früheren Jahren drücken die Margen, während der Staat immer mehr Unternehmen stützen muss.

Eine Verlustquote, die sich verfestigt

Die jüngsten Angaben wurden am 15. Oktober 2026 im Zusammenhang mit Aussagen des stellvertretenden Energieministers Dmitri Islamow veröffentlicht. Im ersten Halbjahr 2026 beliefen sich die Verluste der Kohleunternehmen demnach auf 178,2 Milliarden Rubel. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 225 Milliarden Rubel gewesen.

Der niedrigere Halbjahreswert bedeutet allerdings noch keine Erholung. Für das Gesamtjahr rechnet das Ministerium weiterhin mit einem Fehlbetrag von bis zu 310 Milliarden Rubel. Entscheidend ist zudem die Entwicklung des Anteils der defizitären Unternehmen: 2022 lag er nach Angaben des Ministeriums bei 17 Prozent, 2023 bei 31 Prozent, 2024 bei 52 Prozent und 2025 bei 70 Prozent. Für 2026 wird ein ähnlich hoher Wert erwartet.

Damit betrifft die Krise nicht nur einzelne Betreiber oder eine vorübergehende Nachfrageschwäche. Ein immer größerer Teil der Branche arbeitet unter Bedingungen, bei denen Verkaufserlöse, Transportkosten, Finanzierung und laufender Schuldendienst kaum noch zusammenpassen.

Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und den darauf folgenden westlichen Sanktionen verlor Russland einen wichtigen Teil seiner traditionellen europäischen Absatzmärkte. Die Unternehmen mussten ihre Lieferungen neu ausrichten. Das Energieministerium bezeichnet die Entwicklung der Exporte in östliche Länder als zentrale Aufgabe der Branche.

Der Weg nach Osten hat enge Grenzen

Der neue Kurs ist jedoch kein gleichwertiger Ersatz für den früheren Absatz. Kohle für asiatische Kunden muss über sehr viel größere Entfernungen zu Häfen und Abnehmern transportiert werden. Dabei ist Russland vor allem auf die Baikal-Amur-Magistrale und die Transsibirische Eisenbahn angewiesen. Beide Strecken verfügen nur über begrenzte Kapazitäten für zusätzliche Transporte.

Gleichzeitig steigen die Eisenbahntarife. Um Käufer in den östlichen Märkten zu gewinnen, müssen russische Produzenten zudem Preisnachlässe akzeptieren. Eine Lieferung kann dadurch zwar weiterhin stattfinden, ohne für das Bergbauunternehmen profitabel zu sein.

Die wirtschaftliche Rechnung ist einfach, aber für die Branche zunehmend problematisch: Der Verkaufspreis muss die Förderung, den Transport, die Finanzierung und den Schuldendienst decken. Je mehr der Bahntransport verschlingt und je größer der Rabatt für den Abnehmer ausfällt, desto weniger bleibt beim Produzenten. Neue Kunden allein lösen dieses Problem nicht.

Der Rückgang der Verluste im ersten Halbjahr kann deshalb auch mit Kostensenkungen zusammenhängen. Bei vielen Unternehmen wurden in den ersten sechs Monaten Produktion und Personal angepasst. Solche Maßnahmen können die unmittelbaren Ausgaben reduzieren, schaffen aber weder neue Bahnkapazitäten noch lukrativere Absatzmärkte.

Staatshilfe als dauerhafte Stütze

Mehr als 80 russische Kohleunternehmen nutzen weiterhin staatliche Unterstützungsmaßnahmen. Der Staat verhindert damit, dass sich finanzielle Schwierigkeiten sofort in Betriebsschließungen und einem abrupten Einbruch der Förderung niederschlagen. Die Unterstützung beseitigt jedoch nicht die Ursachen der Verluste: Die europäischen Märkte kehren dadurch nicht zurück, bestehende Schulden verschwinden nicht und das Schienennetz im Osten lässt sich nicht kurzfristig ausbauen.

Damit verändert sich auch die Rolle der Kohleindustrie in der russischen Wirtschaft. Der Sektor galt lange als Quelle von Exporterlösen, Steuereinnahmen und Devisen. Nun benötigt ein großer Teil der Branche öffentliche Mittel, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Aus einem wichtigen Einnahmebereich wird ein Sektor, dessen Stabilisierung den Staatshaushalt belastet.

Für die Regierung entsteht ein schwieriger Zielkonflikt. Weitere Hilfen können einen abrupten Rückgang der Förderung verhindern und Zeit für die Unternehmen gewinnen. Je länger die Verluste anhalten, desto teurer wird diese Verzögerung jedoch. Ein Abbau der Unterstützung könnte Schließungen und Produktionskürzungen beschleunigen; ihre Verlängerung erhöht die Kosten, ohne das Geschäftsmodell grundsätzlich zu reparieren.

Die veröffentlichten Zahlen sind dabei nicht mit der Ankündigung einer unmittelbar bevorstehenden Welle von Insolvenzen gleichzusetzen. Sie zeigen aber eine bereits weit verbreitete Abhängigkeit von staatlicher Hilfe. Ob einzelne Unternehmen weiterarbeiten können, hängt unter anderem von ihrer Verschuldung, ihren Transportverträgen und den Entscheidungen über konkrete Gruben und Tagebaue ab.

Die Belastung für die Bergbauregionen

Die Folgen der Entwicklung reichen über die Bilanzen der Unternehmen hinaus. In Regionen, in denen Bergwerke, Tagebaue und Zulieferer einen großen Teil der wirtschaftlichen Aktivität tragen, trifft eine Verringerung der Förderung auch Transportunternehmen, Ausrüster, Händler und Dienstleister. Besonders verwundbar sind Städte und Gemeinden, in denen es nur wenige alternative Arbeitgeber gibt.

Weniger Produktion und kleinere Belegschaften können dort die lokale Nachfrage schwächen. Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe geraten unter Druck, wenn Beschäftigte weniger verdienen oder ihre Arbeitsplätze verlieren. Wie stark diese Effekte ausfallen, wird von der Dauer der Verluste, den Entscheidungen über einzelne Förderstätten und den Möglichkeiten regionaler Behörden abhängen.

Aus den vorliegenden Zahlen lässt sich weder eine landesweite Insolvenzwelle noch eine unmittelbar bevorstehende soziale Eskalation ableiten. Sicher ist jedoch, dass die Branche bereits Beschäftigung und Produktion anpasst und gleichzeitig auf umfangreiche staatliche Unterstützung angewiesen bleibt. Für die betroffenen Regionen bedeutet das eine wachsende Unsicherheit über Arbeitsplätze und kommunale Einnahmen.

Die zentrale Frage für Moskau lautet deshalb nicht mehr nur, ob sich im Osten Käufer für russische Kohle finden lassen. Entscheidend ist, ob diese Verkäufe nach Abzug der Transport- und Finanzierungskosten noch genügend Einnahmen bringen, um den Betrieb zu tragen. Solange das nicht gelingt, muss der Staat den Preis für eine Exportwende bezahlen, die den Verlust des europäischen Marktes bislang nicht ausgleichen kann.

Quelle: Kommersant

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