Wie russische Botschaften in Prag über tschechische Stimmen wirken

Oktober 27, 2026 09:25
Wie russische Botschaften in Prag über tschechische Stimmen wirken
Wie russische Botschaften in Prag über tschechische Stimmen wirken

Russlands Einfluss in Tschechien läuft nicht nur über die Botschaft in Prag oder offen prorussische Webseiten. Seit Anna Ponomarjowa im Dezember 2025 das Amt der russischen Botschafterin übernommen hat, ist ein Geflecht aus Politikern, Medienplattformen und kulturellen Einrichtungen stärker in den Vordergrund gerückt. Sein entscheidender Mechanismus: Botschaften, die in einem russlandnahen Umfeld entstehen, werden von tschechischen Akteuren aufgegriffen und dadurch für größere Teile der Öffentlichkeit anschlussfähig.

Im Zentrum stehen dabei keine einheitliche Partei und kein geschlossenes politisches Lager. SPD, JaSaN, PRO, Trikolora und die Kommunistische Partei Böhmens und Mährens (KSČM) unterscheiden sich deutlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Kritik an der Europäischen Union und der NATO, die Ablehnung weiterer Sanktionen gegen Russland und der Widerstand gegen militärische Hilfe für die Ukraine.

Die offizielle Fassade und ihre möglichen Ersatzstrukturen

Das russische diplomatische Netzwerk in Tschechien umfasst neben der Botschaft in Prag Generalkonsulate in Brünn und Karlsbad sowie ein Honorarkonsulat in Ostrava. Nach den vorliegenden Angaben wurden die Kontakte zu politischen, medialen und gesellschaftlichen Kreisen seit Ponomarjowas Amtsantritt intensiviert.

Ein wichtiger institutioneller Knotenpunkt bleibt das Russische Haus in Prag, das Russische Zentrum für Wissenschaft und Kultur. Es gehört zu Rossotrudnitschestwo, einer staatlichen russischen Agentur für internationale Zusammenarbeit, die von Sanktionen der Europäischen Union betroffen ist. Dennoch unterhält das Russische Haus weiterhin eigene Internetangebote und Auftritte in sozialen Netzwerken.

Der tschechische Sicherheits- und Informationsdienst BIS warnt seit Jahren davor, dass russische Kultur- und Bildungsstrukturen nicht ausschließlich als harmlose Begegnungsorte dienen, sondern auch zur Verbreitung politischer Narrative und zur Pflege von Einflusskontakten genutzt werden können. Für den Fall, dass das Russische Haus geschlossen oder eingeschränkt wird, sollen Teile seiner Funktionen bereits auf formal unabhängige Organisationen verlagert werden.

Dazu gehören digitale Medien, Videokanäle und Seiten in sozialen Netzwerken ebenso wie Bildungs- und Kulturinitiativen. Auf diese Weise könnten Inhalte, Kontakte und Reichweite unter anderen Namen fortbestehen. Gleichzeitig würde es schwieriger, direkte organisatorische Verbindungen zu russischen Behörden oder Sicherheitsdiensten festzustellen. Das beschreibt einen möglichen Einflusskanal, beweist aber nicht, dass jede beteiligte Organisation oder Person von russischen Stellen kontrolliert wird.

Der Weg von 42TČen in die breitere Debatte

Besonders deutlich zeigt sich das Prinzip bei der Website 42TČen, die zuvor unter dem Namen neČT24 auftrat. Die Bezeichnung spielt bewusst auf den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender ČT24 an. Nach Angaben der BIS handelt es sich um einen Informationskanal, der dem russischen Staatsapparat untergeordnet ist. Tschechische Medienfachleute bezeichnen die Plattform zudem als Nachfolger des russischen Propagandamediums Sputnik, das in Tschechien und in der Europäischen Union verboten ist.

42TČen veröffentlicht regelmäßig Interviews mit tschechischen Politikern, häufig mit Gästen, die gegen die EU, die NATO oder westliche Unterstützung für die Ukraine argumentieren. Anschließend werden Journalisten, Kommentatoren und gesellschaftliche Aktivisten eingeladen, diese Gespräche oder einzelne Aussagen zu kommentieren. Die Reaktionen verbreitet die Plattform über soziale Netzwerke und andere Internetangebote.

So entsteht eine Kette der lokalen Legitimation: Die Website liefert den ersten Auftritt, ein tschechischer Politiker verleiht dem Inhalt ein nationales Gesicht, und weitere Stimmen machen ihn zum Gegenstand einer scheinbar normalen öffentlichen Debatte. Wird eine Aussage später von anderen Medien aufgegriffen, tritt die Verbindung zur ursprünglichen Plattform in den Hintergrund.

Der Einfluss beruht damit nicht zwangsläufig auf einer einzelnen spektakulären Falschmeldung. Wiederholt werden vielmehr bestimmte Deutungen: Die NATO provoziere den Konflikt, westliche Hilfe für die Ukraine bereite einen Krieg mit Russland vor, die Sanktionen seien die Hauptursache wirtschaftlicher Schwierigkeiten oder russisches Gas sei praktisch unersetzlich. Durch ihre Wiederholung in tschechischen Stimmen können solche Botschaften aus einem politischen Randmilieu in die allgemeine Diskussion gelangen.

Eine ähnliche Rolle spielen Nová republika, Pravyprostor, Protiproud und Ruska Pravda. Diese Plattformen suchen gezielt Politiker, die bereits EU und NATO kritisieren, in russischen Medien aufgetreten sind oder über politische, finanzielle oder reputative Angriffsflächen verfügen.

Politiker mit eigener Reichweite

Ein wichtiger Zugang zur Partei Freiheit und direkte Demokratie (SPD) ist Ivan David. Er gehört seit 2019 dem Europäischen Parlament an und ist Mitglied der Parteiführung. Zugleich betreibt er Nová republika. In der Rubrik „Ausländische Quelle“ stammen nach den vorliegenden Angaben durchschnittlich rund 60 Prozent der Beiträge von russischen Internetseiten.

Das tschechische Innenministerium kam zu dem Schluss, dass Nová republika wichtige Themen fast ausschließlich aus der Perspektive des Kremls darstellt. Die Prager Denkfabrik European Values beschrieb das Medium als eine der meistgelesenen Desinformationsseiten Tschechiens und dokumentierte die systematische Verbreitung russischer Narrative.

David tritt außerdem im landesweiten Sender ČT24 auf. Dort hat er die Gefahr eines russischen Angriffs auf die Europäische Union heruntergespielt und westliche Unterstützung für die Ukraine als Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland dargestellt. Im September 2026 stimmte er gegen eine Entschließung des Europäischen Parlaments, die die Wahlen zur russischen Staatsduma als manipuliert bezeichnete und ihre Durchführung in den besetzten Gebieten der Ukraine verurteilte. Neben ihm stimmten nur die tschechischen Abgeordneten Ondřej Dostál und Kateřina Konečná dagegen.

Konečná führte die KSČM von 2021 bis 2026 und ist weiterhin Europaabgeordnete. Sie fordert seit Langem die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland, gibt der NATO und der Ukraine eine Mitverantwortung für die russische Invasion und weist die Verantwortung russischer Agenten für die Explosionen in den Munitionslagern von Vrbětice zurück. 2024 erklärte sie, einen Austritt Tschechiens aus der EU und der NATO zu unterstützen.

Eine personell und organisatorisch mit der KSČM verbundene Nichtregierungsorganisation, Česká nadace 2000, vergibt seit dem Jahr 2000 Fördermittel an Gruppen, die einen Austritt aus der NATO befürworten oder prorussische Positionen vertreten. Zu den genannten Empfängern gehören der Slovanský výbor ČR, České mírové hnutí und Klub českého pohraničí. Einige dieser Organisationen waren in Räumen der KSČM untergebracht. Seit Februar 2022 veröffentlicht die Stiftung die genauen Beträge für einzelne Empfänger nicht mehr. Der jährliche Gesamtumfang soll jedoch weiterhin zwischen zwei und 3,5 Millionen Kronen je Organisation liegen.

Parlamentarische Brücken

Zu den politischen Ansprechpartnern der russischen Botschaft zählen nach den vorliegenden Angaben der parteilose Abgeordnete Miroslav Ševčík aus dem SPD-Fraktionsklub und Jindřich Rajchl, der Vorsitzende der Partei PRO. Rajchl gab Interviews für Voice of Europe, das Tschechien wegen seiner Rolle in einer russischen Einflussoperation auf die Sanktionsliste setzte.

Rajchl wies die Einschätzung zurück, das Medium sei gefährlich, und bezeichnete Warnungen vor einer russischen Bedrohung Tschechiens als bewusste Lüge der Regierung. Er tritt regelmäßig bei 42TČen auf. Auch nachdem die BIS die russische Herkunft der Plattform festgestellt hatte, erklärte er, darin kein Problem zu sehen. Er halte sie für zuverlässiger als einen großen Teil der tschechischen Medien.

Rajchl lehnt höhere Verteidigungsausgaben ab und stellt Waffenbeschaffungen als Ergebnis künstlich erzeugter Angst vor Russland dar. Dadurch verschiebt sich die Debatte von der russischen Aggression auf die wirtschaftlichen Folgen der EU-Sanktionen. In seiner beruflichen Vergangenheit arbeitete Rajchl mit Bwin, einem Online-Unternehmen für Glücksspiele und Sportwetten. Tätigkeiten ohne nationale Lizenz waren vom tschechischen Staat als illegal eingestuft worden. Zwei ehemalige Mitarbeiter erhielten in dem Zusammenhang Haftstrafen; Rajchl trat als Zeuge auf. Der Finanzbericht der PRO für 2025 enthielt zudem mehrere Widersprüche: Die Partei meldete Einnahmen von sieben Millionen Kronen, davon vier Millionen aus freiwilligen Spenden.

Zuzana Majerová, die Vorsitzende der Trikolora und eine 2025 über die SPD-Liste gewählte Abgeordnete, gehört ebenfalls zu den regelmäßigen Gästen von 42TČen. Sie verteidigt die Zusammenarbeit und erklärt, die Redaktion habe ihre Antworten nie manipuliert. Im März 2026 sagte sie, wenn die Vereinigten Staaten andere Staaten wegen eines empfundenen Bedrohungsgefühls angreifen dürften, könne man Russland dasselbe Recht nicht absprechen.

Majerová lehnt westliche Unterstützung für die Ukraine ab. Im April 2026 forderte sie in russischen Medien einen raschen Dialog zwischen Moskau und Prag sowie die Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Russland. Russische Medien nutzten ihren Auftritt als Beleg für einen politischen Wunsch nach einer Normalisierung der Beziehungen zu Moskau, ohne dass die russische Aggression zuvor beendet werden müsse.

Auch V. Štěpán, der Vorsitzende der Bewegung JaSaN, tritt häufig bei 42TČen auf. Die offizielle Internetseite seiner Organisation kündigt seine Interviews an und verbreitet sie weiter. Als Energieexperte fordert Štěpán eine schnelle Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen in die Europäische Union und nach Tschechien. Für die Energieprobleme des Landes macht er vor allem die Ukraine, Polen, die Europäische Kommission und die Vereinigten Staaten verantwortlich. Russisches Gas beschreibt er als praktisch unersetzlich.

Štěpán erklärte außerdem, er habe über „inoffizielle Kanäle“ aus Russland ein Signal erhalten, Moskau sei bereit, Gas an Prag zu verkaufen, wenn er selbst die Verhandlungen führe. Diese Aussage belegt weder einen Kontakt zur russischen Botschaft noch zu russischen Geheimdiensten. Sie deutet nach seiner eigenen Darstellung jedoch auf die Möglichkeit eines informellen Kommunikationswegs zwischen einzelnen tschechischen Politikern und russischen Gesprächspartnern hin.

Einfluss durch Gewöhnung

Die beteiligten Politiker und Organisationen bilden keinen einheitlichen Block. Sie reichen von der kommunistischen Linken bis zu rechtspopulistischen Parteien und unabhängigen Abgeordneten. Gerade diese Mischung kann für die russische Botschaft nützlich sein: Dieselben Themen lassen sich in unterschiedlichen politischen Milieus und mit jeweils eigener Sprache verbreiten.

Das Ziel wäre dann nicht unbedingt eine abrupte institutionelle Kehrtwende. Einfluss kann auch entstehen, wenn Zweifel an der NATO alltäglich werden, Unterstützung für die Ukraine vor allem als wirtschaftliche Belastung erscheint, russische Energie als einzige realistische Option gilt und der Widerstand gegen Sanktionen zu einer normalen Wahlkampfforderung wird.

Ob dieses Netzwerk die öffentliche Meinung oder die Politik Tschechiens dauerhaft verändert, bleibt offen. Seine Bedeutung zeigt sich nicht allein an der Reichweite offen prorussischer Webseiten. Entscheidend ist, ob deren Botschaften über tschechische Politiker und formal unabhängige Organisationen jene Teile der Gesellschaft erreichen, die direkte russische Propaganda kaum ansprechen kann.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Rescue workers train atop a suspended gondola at a ski area.
Vorheriger artikel

Großübung bei Schlick 2000 trainiert Evakuierung aus Gondeln und Brandfall

Nicht verpassen