Zwei tschechische Medien machen die Ukraine für eine angeblich geplante nukleare Katastrophe im Kernkraftwerk Saporischschja verantwortlich. Ihre Berichte stellen ukrainische Angriffe als zentrale Gefahr dar – obwohl die Anlage seit März 2022 unter russischer militärischer Kontrolle steht, in einem Kriegsgebiet liegt und wiederholt die externe Stromversorgung verloren hat.
Am 29. September 2026 verbreiteten Č und Nova Republika Behauptungen, wonach Kyjiw das größte Kernkraftwerk Europas absichtlich angreife. Č schrieb, die ukrainische Armee habe eine Nuklearanlage attackiert, während die ukrainische Führung bei den Vereinten Nationen ihre Bereitschaft zum Frieden erklärt habe. Zugleich sei eine Delegation der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) bedroht worden.
Nova Republika behauptete, ukrainische Truppen griffen Saporischschja monatlich an. Das Ziel bestehe darin, einen Reaktor oder ein Lager für radioaktive Abfälle zu beschädigen und eine Freisetzung radioaktiver Stoffe auszulösen, deren Folgen bis in große Teile Europas und Russlands reichen könnten. Für die Darstellung, dass die Ukraine eine nukleare Katastrophe provozieren wolle, liefern die Beiträge jedoch keinen unabhängigen Beleg.
Die beiden Veröffentlichungen greifen damit ein russisches Narrativ auf: Die Verantwortung für die Gefahren rund um das Kraftwerk wird Kyjiw zugeschoben, während die militärische Besetzung, die Gefechte in der Umgebung und die beschädigte Energieinfrastruktur in den Hintergrund treten.
Satellitenbilder stellen die russische Version infrage
Eine im September 2026 veröffentlichte Analyse hochauflösender Satellitenbilder von Greenpeace Ukraine und dem britischen Unternehmen McKenzie Intelligence Services (MIS) fand nach Angaben der Organisation keine Hinweise auf ukrainische Artillerietreffer gegen die Schaltanlage Ferrosplavnaja am 10. Februar 2026. Auch die russische Behauptung, am 4. Juni hätten mehr als 20 ukrainische Drohnen das Gelände angegriffen, wurde durch die Untersuchung nicht bestätigt.
Besonders wichtig ist der zeitliche Vergleich der Aufnahmen. Ein Schaden, den Russland einem ukrainischen Drohnenangriff am 4. Juni zuschrieb, war auf Satellitenbildern bereits vor diesem Datum zu erkennen. Das beweist nicht, wer den Schaden verursacht hat. Es zeigt aber, dass die russische Darstellung nicht als gesicherte Tatsache behandelt werden kann – und noch weniger als Beweis für einen ukrainischen Plan, das Kraftwerk zu zerstören.
Satellitenbilder ersetzen keine vollständige Untersuchung vor Ort. Sie können jedoch sichtbar machen, wann ein Schaden bereits vorhanden war, und damit offizielle Erklärungen auf ihre Vereinbarkeit mit den physischen Spuren prüfen. Diese Möglichkeit ist in Saporischschja besonders wichtig, weil die Mission der IAEO nicht uneingeschränkten Zugang zu allen Bereichen der Anlage hat.
Die Zugangsbeschränkungen erschweren eine unabhängige Überprüfung. Zugleich erhält die Seite, die das Gelände militärisch kontrolliert, mehr Möglichkeiten, die öffentliche Deutung von Zwischenfällen zu beeinflussen. Wo Inspektoren einen Vorfall nicht vollständig untersuchen können, kann sich eine unbewiesene Behauptung schnell in eine scheinbar schlüssige politische Erklärung verwandeln.
Ein abgeschaltetes Kraftwerk, das Strom zum Kühlen braucht
Saporischschja verfügt über sechs Reaktoren des Typs WWER-1000 und ist die größte Atomanlage Europas. Alle sechs Blöcke befinden sich in Kaltabschaltung und speisen keinen Strom in das Netz ein. Damit ist die Anlage jedoch nicht unabhängig von der Stromversorgung. Die Kühlsysteme und weitere sicherheitsrelevante Einrichtungen benötigen auch im abgeschalteten Zustand verlässliche externe Elektrizität.
Seit der Einnahme des Kraftwerks durch russische Truppen im März 2022 wurden die Verbindungen zum Stromnetz wiederholt beschädigt. Unterbrechungen der 750- und 330-Kilovolt-Leitungen führten mehrfach zum Verlust der externen Stromversorgung. In solchen Situationen musste die Anlage auf Notstrom-Dieselgeneratoren zurückgreifen.
Die IAEO unterhält eine ständige Präsenz am Kraftwerk und hat wiederholt vor den Folgen von Ausfällen der externen Stromversorgung sowie vor der allgemeinen Verschlechterung der nuklearen Sicherheitslage gewarnt. Diese Warnungen betreffen eine konkrete technische Verwundbarkeit: Auch ein Reaktor, der keinen Strom produziert, muss gekühlt und überwacht werden.
Das ukrainische Personal arbeitet weiterhin unter den Bedingungen der Besatzung in der Anlage. Der russische Staatskonzern Rosatom entsandte eigene Vertreter für deren Verwaltung. Damit treffen am selben Ort mehrere Risikofaktoren aufeinander: militärische Kontrolle, Kämpfe in der Umgebung, beschädigte Leitungen und die Abhängigkeit von einer stabilen Versorgung von außen.
Militärische Infrastruktur auf einem zivilen Gelände
Eine weitere Satellitenanalyse von Greenpeace Ukraine und MIS aus dem Februar 2026 dokumentierte nach Angaben der Organisation befestigte Stellungen, Bunker, Vorrichtungen zur Drohnenabwehr und militärische Ausrüstung auf dem Kraftwerksgelände und in seiner Umgebung.
Diese Beobachtungen beweisen nicht, wer für jeden einzelnen Schaden verantwortlich ist. Sie dokumentieren jedoch die fortgesetzte Militarisierung einer zivilen Nuklearanlage. Die Präsenz von Soldaten, Munition und schweren Waffen in der Nähe eines Kernkraftwerks erhöht die möglichen Folgen von Gefechten, Unfällen oder Schäden an wichtigen Stromverbindungen.
Internationale Fachleute für nukleare Sicherheit betrachten militärische Aktivitäten und Kampfhandlungen rund um die Anlage als zentrale Risikofaktoren. Die militärische Nutzung macht das Kraftwerk zudem zu einem möglichen Schutz für russische Einheiten. Dadurch wird die Sicherheit der Anlage noch stärker mit dem Verlauf des Krieges verknüpft.
Die von Č und Nova Republika verbreitete Darstellung kehrt diesen Zusammenhang um. Sie behandelt eine angebliche ukrainische Absicht als Ausgangspunkt und macht die Besatzung sowie die militärische Präsenz zur Nebensache. Die Verwundbarkeit des Kraftwerks begann jedoch nicht mit den jüngsten Anschuldigungen. Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Krieg, beschädigter Infrastruktur und der Notwendigkeit, die Sicherheitssysteme dauerhaft mit Energie zu versorgen.
Die Zusammenarbeit mit der IAEO widerspricht der Blockadebehauptung
Die tschechischen Beiträge behaupten außerdem, die Ukraine behindere die Arbeit der IAEO oder gefährde deren Mitarbeiter. Diese Darstellung steht im Widerspruch zu den praktischen Vereinbarungen, durch die die Mission ihre dauerhafte Präsenz am Kraftwerk aufrechterhalten kann. Die Ablösungen des Personals werden organisiert, indem die Mitarbeiter über ukrainisch kontrolliertes Gebiet reisen und sichere Bedingungen für ihre Arbeit geschaffen werden.
Im Jahr 2026 wurden mit Unterstützung der IAEO lokale Feuerpausen ermöglicht, damit wichtige Arbeiten an den externen Stromverbindungen durchgeführt werden konnten. Das löst nicht alle Streitfragen über den Zugang zu einzelnen Bereichen und klärt nicht automatisch jeden Zwischenfall. Es widerspricht jedoch dem Bild, Kyjiw wolle die internationale Überwachung beenden oder IAEO-Mitarbeiter absichtlich in Gefahr bringen.
Auch die Behauptung, die Ukraine strebe bewusst eine nukleare Katastrophe an, widerspricht den absehbaren Folgen eines solchen Ereignisses. Eine schwere Havarie würde zunächst ukrainische Gemeinden, landwirtschaftliche Flächen und Wasserwege bedrohen. Ihre ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen würden sich darüber hinaus auf andere europäische Staaten erstrecken.
Eine vorsätzliche Zerstörung des Kraftwerks würde zudem die Beziehungen der Ukraine zu ihren europäischen Partnern belasten und die militärische sowie finanzielle Unterstützung gefährden, auf die das Land angewiesen ist. Das allein beweist nicht, was bei einem einzelnen Zwischenfall geschehen ist. Ein mögliches Motiv kann keine fehlenden Beweise ersetzen.
Nicht jeder Vorfall in Saporischschja ist abschließend aufgeklärt, und Satellitenaufnahmen können die Inspektion vor Ort nicht ersetzen. Sie erlauben aber eine klarere Trennung zwischen belegbaren Tatsachen, offenen Fragen und politischen Anschuldigungen. Derzeit ist die dokumentierte Gefahr die eines besetzten und militarisierten Kernkraftwerks, das wiederholt von der externen Stromversorgung abgeschnitten wurde.
Die Veröffentlichungen der beiden tschechischen Medien verschieben den Blick von diesen konkreten Bedingungen auf einen unbelegten ukrainischen Plan. Die entscheidende Sicherheitsfrage bleibt deshalb praktischer: Kann die Anlage trotz Krieg und Besatzung zuverlässig mit Strom versorgt und wirksam international kontrolliert werden?
Beitrag von Nova Republika


