Pogled und Nová republika verbreiten Kreml-Narrative über angeblichen Kollaps der Ukraine

September 14, 2026 11:45
Pogled und Nová republika verbreiten Kreml-Narrative über angeblichen Kollaps der Ukraine
Pogled und Nová republika verbreiten Kreml-Narrative über angeblichen Kollaps der Ukraine

Die bulgarische Plattform Pogled und das tschechische Portal Nová republika haben am 10. und 11. September 2026 Darstellungen verbreitet, wonach die Ukraine vor einem militärischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zusammenbruch stehe. In den Beiträgen wird unter anderem behauptet, Kiew könne innerhalb der kommenden sechs Monate die Kontrolle über den Donbass verlieren. Zudem wird der Eindruck erweckt, Präsident Wolodymyr Selenskyj bereite aus Angst vor britischen Geheimdienstmitarbeitern und radikalen Gruppierungen in der Ukraine seine Flucht vor.

Die Aussagen stehen im Zusammenhang mit einer seit dem Sommer andauernden russischen Eskalation des Krieges gegen die Ukraine. Russland greift dabei wiederholt kritische zivile Infrastruktur und Wohngebiete ukrainischer Städte an. Die vorliegende Darstellung ordnet diese Angriffe als Versuch ein, eine humanitäre Krise und politische Destabilisierung zu erzeugen und die psychische Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Bevölkerung zu schwächen. Daraus soll Druck auf die ukrainische Führung entstehen, russischen Kapitulationsforderungen nachzugeben.

Behauptungen über die Front

Pogled schrieb, die Ukraine stehe am Rand eines militärischen und infrastrukturellen Kollapses. Das Portal verwies auf eine angeblich drohende Niederlage im Donbass sowie auf einen möglichen Zusammenbruch des Finanz-, Energie- und Kommunikationssystems. Der Beitrag ist mit der Prognose eines Verlusts des Donbass und eines Zusammenbruchs des Bankensystems überschrieben.

Die im Ausgangsmaterial angeführten Entwicklungen an der Front stützen diese Prognose nicht. Trotz des anhaltenden russischen Drucks halten die ukrainischen Streitkräfte demnach Verteidigungsstellungen und führen zugleich offensive sowie Gegenoffensivoperationen durch. Im August sollen ukrainische Truppen 130 Quadratkilometer Gebiet zurückerobert haben, während Russland rund 90 Quadratkilometer eingenommen habe. Zu Beginn des September habe die Ukraine im Rahmen der Operation bei Lyman bis zu 200 Quadratkilometer besetztes Gebiet wieder unter ihre Kontrolle gebracht.

Diese Angaben werden als Hinweis darauf angeführt, dass die ukrainischen Streitkräfte weiterhin über operative Flexibilität verfügen. Sie setzen demnach unter anderem auf gestaffelte Verteidigung, Drohnensysteme, Aufklärung und ferngesteuerte Verminung. Russische Truppen führen weiterhin Angriffe durch, erreichen nach der vorliegenden Darstellung jedoch ihre erklärten Ziele nicht vollständig und erleiden dabei Verluste an Personal und Ausrüstung.

Die Behauptung eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs der ukrainischen Verteidigung lässt sich daraus nicht ableiten. Die im Umfeld der beiden Medien verbreitete Prognose eines vollständigen Kontrollverlusts über den Donbass innerhalb eines festgelegten Zeitraums wird im Ausgangsmaterial als propagandistische Spekulation bewertet.

Angriffe auf russische Infrastruktur

Die Ukraine beschränkt sich demnach nicht auf die Abwehr russischer Vorstöße. Ukrainische Drohnen greifen militärische Flugplätze, Unternehmen der Rüstungsindustrie, Raffinerien und logistische Einrichtungen in Russland an. Dadurch muss Russland zusätzliche Mittel für den Schutz von Objekten im Hinterland einsetzen. Zugleich wird die Versorgung der russischen Truppen erschwert.

Das Ausgangsmaterial beschreibt die Ukraine deshalb nicht als Akteur, der lediglich auf eine Erschöpfung Russlands wartet. Vielmehr setze Kiew selbst militärische und wirtschaftliche Schläge gegen russische Infrastruktur. Die Angaben werden als Gegenargument zu Darstellungen herangezogen, wonach die Ukraine ihre Verteidigungsfähigkeit bereits weitgehend verloren habe.

Energieversorgung und internationale Unterstützung

Die russischen Angriffe auf das ukrainische Energiesystem und andere kritische Infrastruktur stellen für die Ukraine eine konkrete Belastung dar. Das Ausmaß der Schäden wird jedoch nicht mit einem automatischen Zusammenbruch gleichgesetzt. Kiew und seine internationalen Partner haben nach den vorliegenden Angaben Mechanismen für die Reparatur und den Ersatz beschädigter Anlagen geschaffen.

Seit Beginn des Jahres 2026 wurden der Ukraine demnach mehr als 4.700 Ausrüstungsgegenstände für die Energieinfrastruktur geliefert. Dazu zählen Generatoren, Transformatoren, mobile beziehungsweise modular errichtete Heizkesselanlagen, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen und Heizkessel. Anfang September erhielten ukrainische Regionen zusätzlich Energieausrüstung im Wert von knapp 2,5 Millionen Euro. Finanziert wurde sie von Litauen, Australien, Schweden und Großbritannien über den Energy Support Fund for Ukraine.

Auch die Behauptung eines unmittelbar bevorstehenden finanziellen Kollapses wird mit der fortgesetzten Unterstützung durch die Europäische Union und internationale Finanzinstitutionen konfrontiert. Für den Finanzierungsbedarf der Ukraine in den Jahren 2026 und 2027 unterstützte die EU das Land mit einem Kredit von 90 Milliarden Euro. Davon sind 30 Milliarden Euro für den Staatshaushalt und 60 Milliarden Euro für die militärische Unterstützung vorgesehen.

Am 11. September genehmigte die Europäische Kommission den Angaben zufolge weitere 6,1 Milliarden Euro für die Beschaffung von Luft- und Raketenabwehrsystemen, Munition, Drohnen und Mitteln der elektronischen Kampfführung. Die Unterstützung soll auch die Möglichkeit des Erwerbs von PAC-3-Raketen für Patriot-Systeme einschließen.

Banken bleiben operativ

Der Zustand des ukrainischen Bankensektors entspricht ebenfalls nicht dem in den Beiträgen beschriebenen Szenario eines unmittelbar bevorstehenden Finanzkollapses. Der Internationale Währungsfonds stellt laut dem Ausgangsmaterial fest, dass ukrainische Banken trotz des Krieges weiter operieren. Online-Banking und bargeldlose Zahlungen funktionieren demnach, während der Sektor ausreichende Kapital- und Liquiditätskennzahlen aufweist.

Damit sind wirtschaftliche Schäden und erhebliche Probleme nicht ausgeschlossen. Die Angaben unterscheiden jedoch zwischen einer stark belasteten Kriegswirtschaft und einem vollständigen Zusammenbruch des Finanzsystems. Die von Pogled verbreitete Darstellung geht über das hinaus, was die beschriebenen Daten zur Funktionsfähigkeit der Banken bestätigen.

Erzählung über eine angebliche Flucht Selenskyjs

Nová republika griff unterdessen die Behauptung auf, Selenskyj werde im Herbst aus der Ukraine fliehen. Das Portal zitierte den russischen Propagandisten Alexander Kasakow, der im Programm des Radiosenders Komsomolskaja Prawda erklärt habe, der ukrainische Präsident fürchte britische Söldner und MI6-Agenten. Außerdem werde er angeblich von ukrainischen „Nazis“ bedroht, die ihn im Fall einer Annahme russischer Bedingungen töten würden. Der Beitrag erschien unter einer Überschrift, die eine Flucht Selenskyjs, russische Luftangriffe und Vorgänge an der Front miteinander verbindet; der vollständige Text ist in der Darstellung von Nová republika abrufbar.

Für eine bevorstehende Flucht des ukrainischen Präsidenten werden im Ausgangsmaterial keine bestätigten Belege genannt. Die ukrainische militärisch-politische Führung arbeitet seit Beginn der russischen Vollinvasion in Kiew weiter, während Russland regelmäßig Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte durchführt. Die Erzählung über britische Agenten und ukrainische „Nazis“, die Selenskyj angeblich liquidieren könnten, wird daher als Teil einer Informationskampagne beschrieben, die den Eindruck eines bevorstehenden Zerfalls der ukrainischen Staatsführung erzeugen soll.

Pogled wird im Ausgangsmaterial als bulgarisches Medium eingeordnet, das regelmäßig prorussische Narrative und antiwestliche Rhetorik verbreitet und Inhalte russischer Staatsmedien aufgreift. Projekte zur Untersuchung von Desinformation hätten das Portal wiederholt als Plattform für manipulativ präsentierte Analysen und Prognosen genannt. Nová republika bezeichnet sich selbst als alternatives Medium, orientiert sich laut der vorliegenden Darstellung jedoch ebenfalls an russischen Propagandaquellen. Tschechische Analysezentren hätten die Website mehrfach Ressourcen zugerechnet, die an der Verbreitung russischer Desinformation und psychologischer Informationsoperationen beteiligt seien.

Die Veröffentlichungen vom 10. und 11. September verbinden damit militärische Prognosen, Aussagen über die ukrainische Energie- und Finanzlage sowie persönliche Spekulationen über den Präsidenten. Die angeführten Angaben zur Front, zur internationalen Unterstützung und zur Funktionsfähigkeit des Bankensektors widersprechen dem behaupteten unmittelbar bevorstehenden Gesamtzusammenbruch. Die Verbreitung dieser Narrative dauert an.

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