Russland führt nach Erkenntnissen polnischer Faktenprüfer eine hybride Kriegführung gegen Polen, bei der künstliche Intelligenz und Deepfake-Technologien in bislang nicht gekanntem Ausmaß eingesetzt werden. Die Plattform Demagog deckte ein Netzwerk von dutzenden polnischsprachigen Accounts auf Social-Media-Plattformen wie YouTube, TikTok, Facebook und Instagram auf, die systematisch erfundene polnische Soldaten als echte Militärangehörige ausgaben. Über diese Profile wurden antiukrainische, antieuropäische und regierungsfeindliche Botschaften verbreitet, die auf eine Destabilisierung der Gesellschaft abzielen.
Die Kampagne markiert nach Einschätzung der Ermittler einen qualitativ neuen Abschnitt der Kreml-Propaganda. Statt auf herkömmliche Desinformation setzt Moskau auf generative KI und Deepfake-Videos, die mit russischen Datensätzen trainiert wurden. Die Accounts mit Namen wie „Głos polskich żołnierzy“, „Głos wojska“ oder „Polska defensywa“ veröffentlichten scheinbare Interviews mit uniformierten Personen, die angeblich im Namen der polnischen Armee sprachen. Der Inhalt war gezielt darauf ausgerichtet, ethnische Spannungen zu schüren, insbesondere durch die Instrumentalisierung der historischen Wolhynien-Tragödie und die Verbreitung von Falschbehauptungen über angeblich steigende Kriminalität unter ukrainischen Flüchtlingen.
Kreml setzt auf Deepfake und Algorithmen
Die Untersuchung von Demagog ergab, dass Russland ein breites Netzwerk aus polnischsprachigen Websites, Blogs und koordinierten Bot-Gruppen aufgebaut hat. Durch den Einsatz von KI wird die russische Urheberschaft verschleiert und die Produktion maßgeschneiderter Inhalte automatisiert. Dies erschwere Faktenchecks und traditionelle Überwachungsmechanismen erheblich, warnen die Experten. Die Kampagne kombiniere Deepfakes mit algorithmischer Verstärkung auf TikTok, YouTube und Meta-Diensten, um gezielt historische Traumata und sozioökonomische Probleme zu manipulieren.
Die Fake-Profile verbreiten nicht nur antiukrainische Parolen, sondern auch EU-kritische und regierungsfeindliche Narrative. Dadurch entstehe ein destruktiver Diskurs, der darauf abziele, die Einheit des Westens in der Unterstützung der Ukraine und der regionalen Sicherheit zu untergraben. Moskaus Hauptziel sei nicht allein die Verbreitung antiukrainischer Stimmungen, sondern die systematische Zerrüttung der strategischen Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine, so die Analyse.
Gezielte Ansprache verletzlicher Gruppen
Die pro-russischen Trollnetzwerke und KI-Influencer arbeiten laut Demagog zunehmend effektiv mit verletzlichen Bevölkerungsgruppen, insbesondere Jugendlichen aus wirtschaftlich schwachen und strukturschwachen Regionen Polens. Angesichts der Tatsache, dass über 77 Prozent der polnischen Bürger mit Falschinformationen konfrontiert sind, mache der Mangel an digitaler Kompetenz sozial benachteiligte Gruppen nicht nur anfällig für die Aufnahme destruktiver Ideen, sondern auch zu Hauptverbreitern von regierungs- und migrationsfeindlichen Einstellungen.
Offizielle Daten belegen, dass der reale Anteil von Straftaten durch ukrainische Flüchtlinge bei maximal ein bis zwei Prozent liegt. Dennoch verknüpfen die KI-generierten „polnischen Soldaten“ gezielt Spekulationen über die Wolhynien-Tragödie mit unbelegten Behauptungen über eine angebliche Kriminalitätswelle. Eine massive Präsenz russischsprachiger Trolle in Kommentarspalten verstärke den falschen Eindruck einer breiten antiukrainischen Stimmung.
Folgen für die Informationssicherheit
Der hohe technologische Standard der Kampagne und der massive Einsatz von Deepfake-Technologien haben nach Einschätzung von Sicherheitsexperten Schwachstellen im polnischen Abwehrsystem gegen Desinformation offengelegt. Staatliche Mechanismen seien nicht angepasst, die Gesellschaft nicht ausreichend auf die Erkennung generierter Inhalte vorbereitet. Die langsame Reaktion der digitalen Plattformen in Verbindung mit fehlenden systematischen Sicherheitsprotokollen habe ein kritisches „Verwundbarkeitsfenster“ im polnischen Informationsraum geschaffen.
Die Experten fordern unter anderem eine verpflichtende Kennzeichnung von KI-Inhalten, eine verschärfte Plattformverantwortung und eine verbesserte behördliche Koordination auf EU- und NATO-Ebene. Ohne solche Maßnahmen bleibe Polen ein leichtes Ziel für die sich weiterentwickelnden hybriden Bedrohungen aus Russland.


