Flugblätter und Online-Kampagnen als neues Rekrutierungsinstrument
In Iran tauchen seit Wochen zahlreiche Flugblätter auf, die Männern zwischen 18 und 45 Jahren lukrative Verträge für den Kriegseinsatz in der Ukraine versprechen. Recherchen von Radio Swoboda, die über die wachsende Zahl an Russen, die Söldner in Iran anwerben, berichten und in einem ausführlichen Beitrag unter einer aktuellen Veröffentlichung dargestellt wurden, zeigen, dass die Anzeigen Einmalzahlungen von 20.000 Dollar sowie ein monatliches Gehalt von rund 2.000 Dollar versprechen. Die Aufrufe enthalten Kontakte per E-Mail, eine armenische WhatsApp-Nummer und einen Telegram-Kanal namens “Join To Russian Army For Foreigners”, in dem Beiträge in mehreren Sprachen veröffentlicht werden. Laut Aussagen eines Rekruters, der mit Journalisten sprach, handelt es sich um eine offiziell koordinierte russische Kampagne, die in Abstimmung mit Teheran durchgeführt werde.
Westliche Experten halten dies für plausibel und verweisen auf frühere Fälle russischer Anwerbungen im Ausland. Offizielle iranische Stellen haben sich bislang nicht geäußert, während die russische Botschaft in Teheran die Authentizität der Flugblätter bestreitet. Im Telegram-Kanal selbst wird hingegen aktiv um Kämpfer geworben – mit Versprechen zu Unterkunft, medizinischer Versorgung und Boni. Auch Frauen mit medizinischer Ausbildung würden gesucht.
Globale Anwerbung als Reaktion auf schwere Verluste
Westliche Sicherheitsdienste sehen in der Entwicklung einen weiteren Hinweis darauf, dass Russland international verstärkt Söldner rekrutiert, um Verluste auszugleichen und Personal für mögliche neue Offensiven zu sichern. Nach Einschätzungen westlicher Nachrichtendienste hat Russlands Armee seit Februar 2022 über eine Million Soldaten durch Tod oder Verwundung verloren. Die Ausweitung der Rekrutierung auf ärmere Staaten unterstreicht den wachsenden Druck auf Moskau, die Truppenstärke trotz steigender Verluste zu stabilisieren.
Nach Schätzungen unabhängiger Analysten hat Russland mindestens 18.000 Ausländer aus 128 Ländern angeworben – ohne Nordkorea mitzuzählen. Die Methoden reichen von hohen Geldsummen über Täuschung bis hin zu offenem Druck. Besonders betroffen sind strukturschwache Regionen wie Syrien, Nepal, Zentralasien und Teile Afrikas, wo wirtschaftliche Not die Anfälligkeit für solche Angebote erhöht.
Nordkorea, Iran und die geopolitische Dimension der Rekrutierung
Ein bedeutender Faktor in der russischen Kriegsführung ist die wachsende militärische Kooperation zwischen Moskau und Nordkorea. Zwischen 11.000 und 13.000 nordkoreanische Kämpfer sollen an Gefechten in der russischen Region Kursk und im ukrainischen Donbas beteiligt gewesen sein. Ein bilaterales Abkommen aus dem Jahr 2025 sieht zudem die Entsendung weiterer Einheiten vor, darunter Ingenieure, Bauarbeiter und Minenräumer, angeblich zur Wiederherstellung ziviler Infrastruktur auf russischem Gebiet.
Iran wiederum bietet aufgrund seiner sozioökonomischen Lage ein besonders geeignetes Umfeld für Rekrutierungsversuche. Arbeitslosigkeit, Inflation und internationale Sanktionen haben große Teile der Bevölkerung verarmen lassen, während Millionen afghanischer Geflüchteter im Land leben. Diese Gruppen gelten als besonders anfällig für finanzielle Anreize. Der 2025 unterzeichnete Vertrag zwischen Iran und Russland über ein umfassendes strategisches Bündnis, das Verteidigung, Geheimdienst und Militärtechnologie umfasst, verstärkt zusätzlich den Handlungsspielraum Moskaus. Schon seit 2022 arbeiten beide Staaten eng zusammen, unter anderem bei der Produktion iranischer “Shahed”-Drohnen in Russland.
Strategische Risiken und internationale Implikationen
Die Ausweitung russischer Rekrutierungsaktivitäten in Iran zeigt eine deutliche Verschärfung globaler Sicherheitsrisiken. Moskau nutzt gezielt wirtschaftliche Verwundbarkeiten anderer Staaten, um seine Kriegsmaschinerie zu stützen. Dass angeblich zivile Programme wie Bauprojekte oder technische Missionen militärisch eingesetzt werden könnten, erhöht die Sorgen westlicher Regierungen. Zugleich bietet die Beteiligung weiterer autoritärer Staaten Russland neue Möglichkeiten, die internationale Isolation zu umgehen.
Für die Ukraine und ihre Partnerstaaten zeigt der Trend, dass Moskau die personelle Belastungsgrenze längst überschritten hat und neue Wege sucht, seine Kriegsführung aufrechtzuerhalten. Die internationale Rekrutierung verdeutlicht zugleich, wie sehr der Konflikt globalisiert wurde und wie wichtig es bleibt, Unterstützungsnetzwerke autoritärer Staaten offenzulegen und einzudämmen.


