Der russische Föderale Steuerdienst (FNS) hat seine Kontrollen bei Großunternehmen im ersten Halbjahr 2026 deutlich ausgeweitet. Nach Angaben der Behörde führten die Inspektoren von Jänner bis Juni 60 Außenprüfungen bei Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 35 Milliarden Rubel durch. Das waren doppelt so viele Prüfungen wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die zusätzlichen Festsetzungen aus Steuern, Verzugszinsen und Strafen erreichten 16,3 Milliarden Rubel.
Über die Entwicklung berichteten russische Medien am 10. September 2026. Eine Auswertung zu den Nachforderungen bei großen Unternehmen beziffert den Vergleichswert für das erste Halbjahr 2025 auf 5,8 Milliarden Rubel. Damit lag die Summe im laufenden Jahr nahezu dreimal so hoch.
Experten führen die gestiegene Aktivität des Steuerdienstes mit dem Bedarf zusammen, zusätzliche Einnahmen für den russischen Staatshaushalt zu erschließen. Für das Gesamtjahr 2026 wird das Defizit des föderalen Budgets in verschiedenen Einschätzungen auf rund sieben Billionen Rubel veranschlagt. Die russische Zentralbank rechnet mit mehr als acht Billionen Rubel. Den Regionalbudgets könnten nach den vorliegenden Schätzungen weitere rund zwei Billionen Rubel fehlen.
Mehr Prüfungen bei den größten Steuerzahlern
Die betroffenen Unternehmen gehören zur Gruppe der größten Steuerzahler Russlands. Maßgeblich ist dabei ein Jahresumsatz von mehr als 35 Milliarden Rubel. Bei einer Außenprüfung untersucht der FNS unter anderem, ob Steuerzahlungen vollständig geleistet wurden und ob die Angaben in den Steuererklärungen mit den tatsächlichen Geschäftsvorgängen übereinstimmen.
Nachforderungen entstehen, wenn die Prüfer nicht entrichtete Steuern feststellen. Als mögliche Gründe gelten Fehler in Steuererklärungen, eine zu niedrig angesetzte Einkommensbasis, eine unzulässige Aufteilung von Geschäftsaktivitäten oder die nicht gerechtfertigte Nutzung von Vergünstigungen und Sonderregelungen. Zusätzlich werden Verzugszinsen für jeden Tag berechnet, an dem eine fällige Zahlung ausbleibt.
Der stellvertretende Leiter des Analysebereichs der russischen Rechtsberatung „Tschistoje sreda“, Alexej Matjusсhin, sagte, Unternehmen fochten Steuerforderungen besonders häufig an, wenn diese zwischen zehn und 100 Millionen Rubel lägen. Bei großen Konzernen gehe es jedoch zunehmend um mehrere hundert Millionen oder sogar Milliarden Rubel.
Eine Nachforderung von 50 Millionen Rubel habe noch vor einigen Jahren als Vorgang von regionaler Bedeutung gegolten, wird Matjusсhin in den Berichten zitiert. Für große Unternehmen seien Forderungen von 500 Millionen Rubel inzwischen keine Seltenheit mehr. Die gesetzliche Strafe beträgt in der Regel 20 Prozent des nicht entrichteten Betrags. Weist der FNS Vorsatz nach, kann sie 40 Prozent erreichen.
Forderungen in Moskau steigen deutlich
Besonders stark zeigt sich die Entwicklung in Moskau. Die durchschnittliche Forderung aus einer Außenprüfung stieg dort im Jahresvergleich um knapp 60 Prozent und erreichte im ersten Quartal 2026 rund 220 Millionen Rubel. In einzelnen Fällen lagen die Forderungen des Steuerdienstes bei mehr als einer Milliarde Rubel.
Die russische Wirtschaftszeitung berichtete über die Entwicklung der Steuerforderungen gegen Großunternehmen und verwies dabei ebenfalls auf die wachsende Größenordnung einzelner Verfahren. Die Daten betreffen Nachzahlungen, Zinsen und Sanktionen zusammen.
Für Unternehmen ist nicht nur die Höhe der Forderung relevant, sondern auch die Möglichkeit, sie erfolgreich anzufechten. Aus der russischen Gerichtsstatistik geht hervor, dass rund 85 Prozent der entsprechenden Verfahren zugunsten des FNS enden. Eine vollständige Aufhebung der Nachforderung gelingt demnach nur in etwa fünf Prozent der Fälle.
Haushaltsdefizit erhöht Druck auf Unternehmen
Die Ausweitung der Kontrollen fällt in eine Phase, in der die russischen öffentlichen Finanzen durch hohe Ausgaben belastet sind. In den vorliegenden Einschätzungen wird der Anstieg des Haushaltsdefizits auch mit den wachsenden Kosten des Krieges gegen die Ukraine und der Finanzierung des militärisch-industriellen Bereichs in Verbindung gebracht. Die genannten Prognosen für das Defizit des föderalen Haushalts reichen für 2026 von sieben bis mehr als acht Billionen Rubel.
Die Behörden begründen die Verschärfung der Kontrolle nach den vorliegenden Angaben mit der Digitalisierung der Steuerverwaltung und dem Ziel, mehr Transparenz im Markt herzustellen. Gleichzeitig verweisen Experten auf den finanziellen Druck des Staates. Die zusätzlichen Einnahmen aus Nachforderungen, Verzugszinsen und Strafen stellen dabei keine reguläre Anpassung der Steuersätze dar, sondern entstehen aus einzelnen Prüfverfahren gegen Unternehmen.
Die Belastung trifft Firmen in unterschiedlichen Formen. Werden Steuern und Strafen nachträglich festgesetzt, müssen Unternehmen Liquidität für Zahlungen bereitstellen, die in ihrer ursprünglichen Finanzplanung nicht enthalten waren. Bei Forderungen im dreistelligen Millionenbereich kann dies die verfügbaren Mittel für Investitionen, Ausrüstung oder eine Ausweitung der Produktion begrenzen. Der vorliegende Bericht stellt jedoch nicht für jedes einzelne Unternehmen fest, welche konkreten Folgen die Nachforderungen hatten.
Große Unternehmen versuchen nach Einschätzung der Experten, ihre wirtschaftliche Stabilität trotz der zusätzlichen Belastungen zu erhalten. Eine Möglichkeit besteht darin, höhere Kosten in die Kalkulation einzubeziehen. Ob und in welchem Umfang solche Forderungen an Abnehmer oder Endkunden weitergegeben werden, hängt von der jeweiligen Branche, der Wettbewerbssituation und der finanziellen Lage des Unternehmens ab.
Rechtliche Auseinandersetzungen bleiben schwierig
Die vergleichsweise geringe Zahl vollständig aufgehobener Nachforderungen erschwert Unternehmen die rechtliche Korrektur aus ihrer Sicht unberechtigter Forderungen. Zugleich weisen die Angaben darauf hin, dass nicht jede Anfechtung zu einer vollständigen Aufhebung führt. Verfahren können auch mit einer teilweisen Änderung der Forderung oder einer Bestätigung durch das Gericht enden.
Die Zahlen des ersten Halbjahres zeigen damit vor allem zwei Entwicklungen: Der FNS hat seine Außenprüfungen bei den größten russischen Steuerzahlern verdoppelt, und die daraus resultierenden zusätzlichen Festsetzungen sind deutlich gestiegen. Die weitere Entwicklung der Verfahren und der Haushaltslage wird in den kommenden Berichtszeiträumen sichtbar werden.


