Die Ukraine hat sich gegen die Aufnahme des Films „Dau“ von Ilja Chrshanowski in den Wettbewerb der 83. Internationalen Filmfestspiele von Venedig ausgesprochen. Die Produktion ist für den Wettbewerb um den Goldenen Löwen vorgesehen. Kiew argumentiert, das Projekt könne nicht als politisch neutrales Kulturwerk behandelt werden, weil Russland Kultur und internationale Kulturveranstaltungen für seinen Einfluss auf den europäischen Medien- und Kulturbereich nutze.
Die ukrainische Position wurde am 18. August 2026 bekannt. Im Mittelpunkt der Kritik stehen die Finanzierungsgeschichte des Films, die Verbindungen einzelner Beteiligter zu Russland sowie die Darstellung der ukrainischen Stadt Charkiw. Über den Streit berichteten italienische Medien im Zusammenhang mit der Teilnahme von „Dau“ in Venedig.
Kritik an Finanzierung und Beteiligten
Nach Angaben der ukrainischen Seite erhielt das Projekt in verschiedenen Jahren finanzielle Unterstützung durch den russischen Unternehmer Sergej Adonjew. Adonjew steht derzeit auf Sanktionslisten der Vereinigten Staaten und der Ukraine. Kiew führt diese Finanzierung als einen der Gründe an, weshalb die politische Einordnung des Films nicht von seiner Produktionsgeschichte getrennt werden könne.
Eine weitere Rolle in der ukrainischen Kritik spielt der Dirigent Teodor Currentzis. Er verkörpert eine der Hauptrollen in „Dau“. Nach den vorliegenden Angaben erhielt Currentzis 2014 durch einen Erlass des russischen Präsidenten die russische Staatsbürgerschaft. Sein Orchester MusicAeterna wurde von der russischen VTB Bank finanziert.
Die ukrainischen Einwände richten sich damit nicht ausschließlich gegen den Inhalt des Films. Sie beziehen sich auch auf die institutionellen und finanziellen Beziehungen, die mit dem Projekt und einzelnen Mitwirkenden verbunden sind. Kiew stellt diese Verbindungen in den Zusammenhang mit der Nutzung von Kultur als Instrument des russischen Einflusses.
Darstellung von Charkiw
Besonders deutlich äußerte sich die Ukraine zur Darstellung von Charkiw. Ein wesentlicher Teil des Films wurde zwischen 2008 und 2011 in der Stadt gedreht. Nach ukrainischer Einschätzung erscheint Charkiw in dem Projekt jedoch ausschließlich durch eine sowjetische historische und kulturelle Perspektive.
Die ukrainische Seite kritisiert, dass die ukrainische Geschichte und Identität der Stadt dabei nicht angemessen sichtbar würden. Charkiw werde dadurch in einen gemeinsamen sowjetischen oder russischen Kulturraum eingeordnet. Kiew wertet diese Perspektive als Verzerrung des historischen und politischen Kontexts der Stadt und als Wiedergabe eines russisch-imperialen beziehungsweise chauvinistischen Narrativs.
Für die ukrainische Regierung ist die Frage deshalb nicht auf eine filmästhetische oder kuratorische Entscheidung beschränkt. Sie betrifft auch die Frage, wie ukrainische Orte und Geschichte auf internationalen Kulturplattformen dargestellt werden. Nach dieser Argumentation kann eine Präsentation ohne kritische Einordnung dazu beitragen, dass in der Europäischen Union ein unzutreffendes Bild der ukrainischen Geschichte und kulturellen Eigenständigkeit verbreitet wird.
Antwort der Biennale
Die Biennale von Venedig wies einen Teil der Vorwürfe zurück. Sie betonte, dass die für den Wettbewerb eingereichte Fassung von „Dau“ als deutsche Filmproduktion mit Beteiligung Frankreichs und Schwedens einzustufen sei. Damit verwies die Organisation auf die formale Produktionsstruktur des Films und stellte sie der Einordnung als russisches Projekt entgegen.
Auch die Biografie des Regisseurs Ilja Chrshanowski wurde von der Biennale angeführt. Chrshanowski habe die russische Staatsbürgerschaft aufgegeben und sich öffentlich gegen den russischen Einmarsch ausgesprochen. In Russland sei er als „ausländischer Agent“ eingestuft worden.
Die Angaben der Biennale bilden den zweiten Schwerpunkt der Auseinandersetzung. Während die ukrainische Seite vor allem Finanzierungsbeziehungen, personelle Verbindungen und die Darstellung von Charkiw hervorhebt, verweist die Biennale auf die internationale Produktionsstruktur des Films sowie auf die öffentliche Haltung des Regisseurs.
Kulturpolitischer Streit vor dem Festival
Der Konflikt berührt damit zwei unterschiedliche Maßstäbe für die Bewertung eines internationalen Filmprojekts. Die Ukraine beurteilt „Dau“ im Zusammenhang mit Russlands Einfluss auf Kultur und Medien und mit der Darstellung ukrainischer Geschichte. Die Biennale verweist auf die formale Herkunft der eingereichten Produktion und auf die politische Position des Regisseurs.
Die ukrainische Regierung sieht im internationalen Kino weiterhin ein wichtiges Instrument russischer Soft Power. Über Festivals und andere kulturelle Foren könnten Interpretationen der Geschichte der Ukraine in einem europäischen Publikum verbreitet werden, ohne dass ihre politischen Voraussetzungen ausdrücklich thematisiert würden. Aus Sicht Kiews erfordert die Teilnahme des Films daher eine kritische Kontextualisierung.
Die Entscheidung über den Wettbewerb bleibt zugleich eine Angelegenheit der venezianischen Festivalorganisation. In der Debatte stehen die deutsche Produktionszuordnung, die Beteiligung Frankreichs und Schwedens, die früheren Finanzierungsbeziehungen, die Rolle von Currentzis und die Darstellung von Charkiw nebeneinander. Der Streit wird damit vor Beginn des Festivals öffentlich ausgetragen.
„Dau“ soll im Wettbewerb der 83. Filmfestspiele von Venedig um den Goldenen Löwen antreten; die ukrainische Regierung hält an ihrem Einwand gegen diese Teilnahme fest.


