AfD-Co-Chef Tino Chrupalla verbindet Deutschlandpolitik mit prorussischen Positionen

September 18, 2026 10:15
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla verbindet Deutschlandpolitik mit prorussischen Positionen
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla verbindet Deutschlandpolitik mit prorussischen Positionen

Der AfD-Co-Chef Tino Chrupalla präsentiert sich seit Jahren als Vertreter der deutschen Provinz und als Politiker, der die Interessen gewöhnlicher Bürger gegen Entscheidungen des politischen Establishments in Berlin und Brüssel verteidigen will. Sein früherer Beruf als Maler und Unternehmer ist dabei ein zentraler Bestandteil seines öffentlichen Bildes. Gleichzeitig haben mehrere Kontroversen und seine wiederholten Kontakte zu russischen Regierungsvertretern Zweifel an der politischen Eigenständigkeit und der sicherheitspolitischen Einordnung seiner Positionen ausgelöst.

Chrupallas politische Rhetorik stellt den Schutz der deutschen Identität und des kulturellen Erbes in den Mittelpunkt. Ein viel beachteter Auftritt im September 2021 vor der Bundestagswahl wurde jedoch zum Gegenstand von Spott und Kritik. In einer Sendung des ZDF sollte er sein deutsches Lieblingsgedicht nennen. Zunächst konnte er kein Werk anführen. Nach einer weiteren Frage nannte er Heinrich Heine als seinen Lieblingsdichter. Der Ausschnitt verbreitete sich anschließend in sozialen Netzwerken.

Der Vorfall wurde von Kritikern als Widerspruch zwischen kulturpolitischem Anspruch und persönlichem Auftreten interpretiert. Eine weitergehende Bewertung seiner Bildung lässt sich daraus nicht ableiten. Politisch trug die Szene jedoch dazu bei, dass Chrupallas Selbstinszenierung als Vertreter traditioneller deutscher Kultur öffentlich diskutiert wurde.

Der Vorfall in Ingolstadt

Am 4. Oktober 2023, wenige Tage vor der Landtagswahl in Bayern, unterbrach Chrupalla eine Wahlkampfveranstaltung in Ingolstadt und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Die AfD und der Politiker selbst sprachen unmittelbar danach von einem Angriff und einem möglichen Stich mit einer unbekannten Substanz.

Nach den vorliegenden Angaben sahen Sicherheitskräfte und Zeugen weder eine Spritze noch einen unmittelbaren körperlichen Angriff. Toxikologische Untersuchungen fanden im Blut Chrupallas keine verdächtigen oder giftigen Stoffe. Die festgestellte Verletzung entsprach nach den späteren Ermittlungen am ehesten einem Stich mit einer Büroklammer. Konkrete Hinweise auf eine Injektion oder eine Vergiftung wurden demnach nicht festgestellt.

Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt stellte das Verfahren im Dezember 2023 mangels konkreter Beweise und Anzeichen für einen Angriff ein. Im Mai 2024 wies das Oberlandesgericht München den Versuch Chrupallas zurück, eine Fortsetzung der strafrechtlichen Ermittlungen zu erreichen. Der Fall blieb dennoch ein Bestandteil der politischen Auseinandersetzungen um den AfD-Politiker. Die anfängliche Darstellung eines Angriffs stand den späteren Ermittlungsergebnissen gegenüber.

Kontakte nach Moskau und Positionen zum Krieg

Besonders umstritten ist Chrupallas außenpolitische Linie. Am 8. Dezember 2020 führte er gemeinsam mit dem damaligen AfD-Fraktionskollegen Armin-Paulus Hampel ein dreistündiges Gespräch mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow. Danach forderte Chrupalla, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben und die Gaspipeline Nord Stream 2 fertigzustellen. Er begründete dies mit den Interessen der deutschen Wirtschaft.

2021 trat Chrupalla in Moskau bei der Internationalen Sicherheitskonferenz auf, die vom russischen Verteidigungsministerium organisiert wurde. In seiner Rede sprach er über die politische und gesellschaftliche „Umerziehung“ der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Alliierten. Dabei verglich er einzelne Formen psychologischer Einflussnahme nach 1945 mit Propagandapraktiken des nationalsozialistischen Deutschlands. Die Aussagen entsprachen in zentralen Punkten der Darstellung des Kremls, wonach die Nachkriegsordnung Deutschland seine politische Unabhängigkeit genommen habe.

Nach dem Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 blieb die AfD gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und gegen wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland positioniert. In einem Interview mit der „Welt“ im Dezember 2024 sagte Chrupalla, Russland habe „diesen Krieg gewonnen“. Zugleich stellte er einzelne Grundlagen der heutigen Rolle Deutschlands in der NATO infrage.

In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ im November 2025 bestritt Chrupalla eine aktuelle Bedrohung Deutschlands durch Russland. Über den russischen Präsidenten Wladimir Putin sagte er: „Mir hat er nichts getan.“ Als mögliches Sicherheitsrisiko nannte er zugleich Polen und verwies auf die Ermittlungen zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Die Äußerungen lösten erneut eine Debatte über die sicherheitspolitische Orientierung des AfD-Co-Chefs aus.

Auftritt in der russischen Botschaft

Am 9. Mai 2023 nahm Chrupalla gemeinsam mit Alexander Gauland an einem Empfang in der russischen Botschaft in Berlin teil. Während zahlreiche westliche Diplomaten die Veranstaltung boykottierten, überreichte Chrupalla dem russischen Botschafter Sergej Netschajew einen Bierkrug mit preußischem Adler. Nach Kritik, die auch aus den eigenen Reihen kam, erklärte er, er habe die deutsche Sichtweise vermitteln wollen.

Im November 2025 unterstützte Chrupalla trotz öffentlicher Kritik seiner Co-Vorsitzenden Alice Weidel den Besuch von AfD-Politikern in Russland. Er sagte, die Reisen seien angekündigt und genehmigt worden. Damit verteidigte er eine Form des politischen Kontakts, die innerhalb der AfD selbst umstritten ist.

Anfragen zu militärischer Infrastruktur

Seit 2020 stellten AfD-Fraktionen in den deutschen Landtagen mehr als 7.000 sicherheitsbezogene parlamentarische Anfragen. Nach den vorliegenden Angaben lagen sie damit deutlich vor den anderen Parteien. Die Fragen betrafen unter anderem Routen von Militärfahrzeugen, Abstellplätze, Sicherungssysteme und Schutzvorkehrungen gegen Drohnen.

Im Bundestag stieß die Detailtiefe der Anfragen auf Kritik. Abgeordnete verwiesen darauf, dass einzelne Informationen auch für russische Nachrichtendienste von Interesse sein könnten, die nach Angaben aus dem politischen Raum Erkenntnisse über militärische Logistik sammeln. Direkte Beweise dafür, dass die Daten an Moskau übermittelt wurden, liegen nicht vor.

Chrupalla bezeichnete die Anfragen als normale parlamentarische Arbeit. Die Bevölkerung sehe Militärkolonnen auf den Straßen ohnehin, argumentierte er. Die Debatte betrifft damit nicht nur die politische Kontrolle staatlicher Einrichtungen, sondern auch den Umgang mit Angaben über die Verteidigung und kritische Infrastruktur Deutschlands.

Chrupallas öffentliches Profil verbindet die Darstellung eines handwerklich geprägten Politikers aus der deutschen Provinz mit einer außenpolitischen Linie, die wiederholt russischen Positionen entgegenkommt. Dazu gehören die Forderung nach einer Aufhebung der Sanktionen, die Unterstützung von Nord Stream 2, Kontakte zu russischen Regierungsvertretern und die Zurückweisung einer aktuellen Bedrohung durch Russland. Die AfD und ihr Co-Vorsitzender weisen die daraus abgeleiteten Vorwürfe zurück und verweisen auf ihre parlamentarischen und politischen Positionen. Die Diskussion über Chrupallas Kontakte und die sicherheitsbezogenen Aktivitäten der Partei dauert an.

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