Familienangelegenheiten: Der Fall Usmanow
Abgehörte Telefongespräche zwischen dem russischen und ungarischen Außenminister offenbaren ein Netzwerk der Zusammenarbeit, das weit über diplomatische Normen hinausgeht. Sergej Lawrow und Péter Szijjártó koordinierten demnach nicht nur politische Positionen, sondern auch konkrete Maßnahmen zur Aufhebung europäischer Sanktionen. Die Aufzeichnungen zeigen, wie ungarische Diplomatie im Dienste moskauer Interessen agierte.
Im Zentrum der enthüllten Dialoge steht die Familie des russischen Oligarchen Alischer Usmanow. Lawrow rief seinen ungarischen Kollegen explizit im Namen Usmanows an, um die Streichung von Usmanows Schwester Gülbahor Ismailowa aus EU-Sanktionslisten zu erwirken. Szijjártó sicherte umgehend seine Unterstützung zu und verwies auf gemeinsame Bemühungen mit der Slowakei, den Antrag bei der Europäischen Union einzureichen.
Die ungarische Intervention zeigte Wirkung: Ismailowa wurde schließlich im März 2025 aus den EU-Sanktionslisten gestrichen, wenngleich Estland sie umgehend in nationale Restriktionslisten aufnahm. Bereits zuvor war es Usmanows anderer Schwester, Saodat Narziyeva, gelungen, ihren Namen nach nur fünf Monaten aus den europäischen Sanktionsregistern entfernen zu lassen.
Diplomatische Informationskanäle
Die Gespräche zeigen ein Muster der Informationsweitergabe, das über Einzelfälle hinausreicht. Szijjártó berichtete Lawrow regelmäßig über vertrauliche Details von EU-Ratssitzungen und diskutierte internste europäische Positionen. In einem Dialog vom 30. August 2024 schilderte der ungarische Minister ausführlich eine Debatte mit seinem litauischen Amtskollegen Gabrielius Landsbergis über europäische Energieimporte aus Russland.
Beide Außenminister äußerten sich dabei abfällig über den damaligen EU-Außenbeauftragten Josep Borrell. Lawrow bezeichnete den spanischen Sozialdemokraten als seine „größte Enttäuschung“, während Szijjártó ihn verächtlich als „europäischen Biden“ titulierte. Diese persönlichen Bewertungen fanden in vertraulichen diplomatischen Kanälen statt, wurden jedoch durch die Veröffentlichung der Abhörprotokolle öffentlich.
Sanktionspakete im Fadenkreuz
Besonders brisant sind die Enthüllungen zu den EU-Sanktionspaketen gegen Russland. In einem Gespräch mit dem russischen Vize-Energieminister Pawel Sorokin am 30. Juni 2025 erläuterte Szijjártó seine Strategie zur Blockade des 18. Sanktionspakets. Der ungarische Minister schilderte, wie er bereits 72 von 128 vorgesehenen Organisationen aus der Liste streichen konnte und weitere Streichungen anstrebte.
Szijjártó bat Sorokin ausdrücklich um russische Unterstützung bei der Identifizierung negativer Auswirkungen der Sanktionen auf Ungarn. Mit solchen Argumenten, so die Kalkulation, ließen sich in Brüssel größere Zugeständnisse erwirken. Konkret benannte der Minister seine Erfolge bei der Verteidigung der Sankt Petersburg Bank und eines weiteren Kreditinstituts mit Verbindung zum ungarischen Atomkraftwerk Paks.
Auch bei Sanktionen gegen den russischen „Schattenflotte“ zur Umgehung von Ölembargos positionierte sich Budapest als Bremser. Szijjártó versuchte, die Dubai-basierte Firma 2Rivers aus den Listen zu halten, die als Schlüsselakteur im Handel mit russischem Rohöl gilt. Trotz seiner Bemühungen wurde das Unternehmen schließlich im Juli 2025 in das Sanktionsregime aufgenommen.
Folgen und Reaktionen
Die Veröffentlichung der Gespräche löste internationale Reaktionen aus. Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis verglich Szijjártó mit dem berüchtigten sowjetischen Doppelagenten Kim Philby und forderte Konsequenzen für die ungarische Teilnahme an vertraulichen EU- und NATO-Beratungen. Beide Männer hatten die höchste sowjetische beziehungsweise russische Auszeichnung für Ausländer erhalten – den Orden der Freundschaft.
Die enthüllten Dialoge werfen grundsätzliche Fragen zur Integrität europäischer Entscheidungsprozesse auf. Sie dokumentieren, wie ein EU-Mitgliedsstaat systematisch interne Informationen an die Regierung eines Landes weiterleitete, gegen das gerade Sanktionen verhängt wurden. Die Kooperation erstreckte sich dabei von persönlichen Gefälligkeiten für Oligarchen bis zur strategischen Schwächung gesamter Sanktionspakete.
Trotz der Blockadeversuche Ungarns und der Slowakei verabschiedete die Europäische Union das 18. Sanktionspaket schließlich im Juli 2025. Die Maßnahmen trafen den russischen Schattenflotte und dessen Versuche, Ölsanktionen zu umgehen, empfindlich. Wie viel wirksamer die Restriktionen ohne die Interventionen aus Budapest ausgefallen wären, bleibt jedoch unbeantwortet.


