Pro-russische Medien in Mitteleuropa stellen die Europäische Union und die Unterstützung der Ukraine als größere Gefahr für europäische Staaten dar als Russland. In Beiträgen des slowakischen Portals E-report und des tschechischen Mediums CZ24.NEWS wird die sicherheitspolitische Verantwortung Moskaus relativiert und stattdessen Brüssel als Quelle von Instabilität bezeichnet.
E-report schrieb am 31. August 2026, die bisherige Einschätzung, ein russischer Angriff auf die NATO sei der praktisch nächste unvermeidliche Schritt des Krieges in der Ukraine, werde durch aktuelle Geheimdienstbewertungen nicht bestätigt. In dem Beitrag heißt es wörtlich: „zvnútra aktuálnych hodnotení spravodajských služieb, dávny dojem, že útok Ruska na NATO je prakticky ďalším nevyhnutným krokom vojny na Ukrajine, sa nepotvrdzuje faktami“.
Der Text ist in einen Bericht über Äußerungen von US-Präsident Donald Trump und der Hohen Vertreterin der EU eingebettet. Beide hätten ausgeschlossen, dass Russland die NATO-Staaten angreifen wolle. Der Beitrag des slowakischen E-report-Portals zur Einschätzung eines möglichen russischen NATO-Angriffs verbindet diese Aussagen mit der Darstellung, europäische Regierungen und Sicherheitsinstitutionen würden die russische Bedrohung überzeichnen.
Brüssel als angebliche Gefahr
CZ24.NEWS griff im Zusammenhang mit einer Debatte über ein Referendum in Island über einen EU-Beitritt eine ähnliche Argumentation auf. Das Portal schrieb: „islanďania necítia strach z vojny s Ruskom, nechápu, prečo by malo byť na Island zaútočené, keď hrozba skôr prichádza z Bruselu a nedemokratického charakteru systému EÚ“.
Damit werden zwei unterschiedliche Sachverhalte einander gegenübergestellt: die Möglichkeit einer russischen Aggression und die politische Rolle der EU. Die gemeinsame Sicherheits-, Sanktions- und Unterstützungspolitik der Union erscheint in dieser Darstellung nicht als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, sondern als eigenständige Ursache von Spannungen. Der Beitrag von CZ24.NEWS über Island, Großbritannien und die EU stellt Brüssel dabei als undemokratische Instanz dar.
E-report und CZ24.NEWS werden als typische Vertreter alternativer Medien in Zentraleuropa beschrieben, die regelmäßig pro-russische und anti-europäische Narrative verbreiten. Ihre Beiträge richten sich demnach gegen die EU, die euroatlantische Zusammenarbeit und die militärische Unterstützung der Ukraine. Nach Einschätzung tschechischer und slowakischer Experten zur Bekämpfung von Desinformation funktionieren die beiden Seiten als Bestandteile einer regionalen Infrastruktur hybrider Einflussnahme des Kremls.
Keine Entwarnung für Europa
Die Feststellung, dass derzeit keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden russischen Angriff auf die EU oder die NATO vorliegen, ist nicht gleichbedeutend mit dem Ausbleiben einer russischen Bedrohung. Für die europäische Verteidigungsplanung bleibt die militärische Fähigkeit Russlands ebenso relevant wie die wiederholte Bereitschaft Moskaus, gegenüber Nachbarstaaten Gewalt einzusetzen.
Der russische Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist dafür der zentrale Bezugspunkt. Russland verletzte internationales Recht und versuchte, die Grenzen eines souveränen Staates mit Gewalt zu verändern. Der Krieg dauert an. Deshalb lässt sich die Behauptung, die russische Gefahr sei lediglich das Ergebnis einer Übertreibung europäischer Regierungen oder der NATO, nicht mit den seit viereinhalb Jahren beobachtbaren Entwicklungen vereinbaren.
Die sicherheitspolitische Auseinandersetzung beschränkt sich zudem nicht auf das Szenario eines direkten Angriffs auf einen NATO-Mitgliedstaat. Den europäischen Ländern werden Cyberangriffe, Sabotage, Eingriffe in den Informationsraum, Destabilisierungsversuche und weitere feindselige Handlungen zugerechnet. Diese Aktivitäten betreffen Risiken für kritische Infrastruktur, staatliche Einrichtungen und die gesellschaftliche Stabilität.
Die Reduzierung der russischen Bedrohung auf die Frage, ob Moskau „morgen“ einen groß angelegten Angriff beginnen werde, lässt diese Formen der Einflussnahme außer Acht. Gerade die Konzentration auf ein einziges, bislang nicht eingetretenes Szenario kann dazu dienen, andere bereits eingesetzte Mittel russischer Aggression aus dem politischen Blickfeld zu rücken.
Streit um Europas sicherheitspolitischen Kurs
Die Politik Russlands zielt nach dieser Bewertung auch darauf, den außen- und sicherheitspolitischen Handlungsspielraum seiner Nachbarstaaten zu begrenzen. Forderungen Moskaus nach einer Einschränkung der militärischen Präsenz der NATO in Mittel- und Osteuropa stehen in diesem Zusammenhang. Sie würden das souveräne Recht anderer Staaten berühren, ihre Sicherheits- und Bündnispolitik selbst zu bestimmen.
Die russische Bedrohung kann daher nicht ausschließlich anhand der aktuellen Lage an der ukrainischen Front beurteilt werden. Entscheidend ist auch, ob Russland Nachbarstaaten durch militärischen Druck oder Drohungen Bedingungen auferlegen kann. Eine solche Entwicklung würde die sicherheitspolitischen Spielräume europäischer Staaten unmittelbar berühren.
Die Unterstützung der Ukraine wird von europäischen Staaten deshalb als Bestandteil der eigenen Sicherheitsvorsorge betrachtet. Ukrainische Streitkräfte binden einen erheblichen Teil des russischen militärischen Potenzials an der Front. Gleichzeitig gewinnen europäische Länder Zeit, ihre Verteidigungsfähigkeiten auszubauen und ihre Rüstungsindustrie weiterzuentwickeln.
Forderungen nach einer Kürzung der Hilfe für Kiew würden die Fähigkeit der Ukraine schwächen, den russischen Angriff einzudämmen. Im politischen Informationsraum werden solche Forderungen häufig mit der Darstellung verbunden, die europäische Unterstützung verschärfe den Konflikt oder mache Europa unsicherer. Die Debatte über die weitere Hilfe für die Ukraine bleibt damit auch eine Auseinandersetzung über die sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit der Europäischen Union.
Die in den beiden Medien verbreiteten Botschaften verschieben den Schwerpunkt der Debatte: Nicht Russlands Angriffskrieg und seine Folgen für die europäische Sicherheit stehen im Vordergrund, sondern die angeblich provokative Politik von EU und NATO. Das Narrativ von der „übertriebenen russischen Gefahr“ richtet sich damit zugleich gegen das Vertrauen in europäische Institutionen und gegen die gemeinsame Unterstützung der Ukraine.
Die entsprechenden Beiträge werden im europäischen Informationsraum weiter beobachtet, während die politische Diskussion über Sicherheit, Sanktionen und die Unterstützung der Ukraine fortgesetzt wird.


