Ein bisher nicht bekanntes Telefonprotokoll aus dem Oktober zeigt das Ausmaß der Zusammenarbeit zwischen Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und Russlands Staatschef Wladimir Putin. Während des etwa 15-minütigen Gesprächs signalisierte Orbán umfassende Unterstützungsbereitschaft für Moskau, darunter die Organisation eines möglichen US-russischen Gipfels in Budapest. Die Veröffentlichung des Dokuments erfolgt wenige Tage vor den Parlamentswahlen in Ungarn, bei denen Orbáns regierende Fidesz-Partei um ihre Mehrheit kämpft.
Dialog der Verbündeten: Persönliche Zusicherungen
Das Gespräch am 17. Oktober begann mit Geburtstagsglückwünschen an den russischen Präsidenten, der kurz zuvor 73 Jahre alt geworden war. Orbán betonte die gewachsene Freundschaft zwischen beiden Politikern, die auf ein erstes Treffen in Sankt Petersburg im Jahr 2009 zurückgehe. Der ungarische Regierungschef verwies auf seine Hilfsbereitschaft in allen relevanten Fragen und brachte diese mit einer Tierfabel zum Ausdruck, in der eine kleine Maus einem gefangenen Löwen die Freiheit schenkt. Diese Anmerkung löste bei Putin Heiterkeit aus.
Beide Seiten äußerten Anerkennung für die ungarische Haltung im Ukraine-Konflikt, die der Kreml als „ausgewogen“ und „unabhängig“ charakterisierte. Putin zeigte sich verwundert darüber, dass diese Position innerhalb der Europäischen Union auf Widerspruch stoße. Orbán seinerseits bedauerte, dass persönliche Treffen seit der Pandemie seltener geworden seien, obwohl der direkte Austausch früher regelmäßig stattgefunden habe.
Wahlkampfkontext: Außenpolitik im Fokus
Die Enthüllung des Gesprächsinhalts fällt in die entscheidende Phase des ungarischen Wahlkampfes. Oppositionskandidat Péter Magyar, ein ehemaliger Insider des regierenden Establishments, hat angekündigt, das Land bei einem Sieg zurück in die europäische Mitte zu führen und die Moskau-orientierte Politik zu beenden. Umfragen deuten darauf hin, dass Orbáns 16-jährige Herrschaft möglicherweise zu Ende gehen könnte.
Der amtierende Ministerpräsident hat seine Kampagne stark auf außenpolitische Themen ausgerichtet, wobei die Ablehnung von Waffenlieferungen an die Ukraine und Kritik an Präsident Wolodymyr Selenskyj zentrale Elemente darstellen. Ungarn blockiert derzeit ein wichtiges EU-Darlehen für Kiew in Höhe von 90 Milliarden Euro und beschlagnahmte kürzlich Geldtransporte, die über sein Territorium in die Ukraine gelangen sollten.
Transatlantische Dimension: Trump als verbindende Figur
Das Oktober-Telefonat enthielt auch bemerkenswerte Verweise auf die Vereinigten Staaten. Sowohl Orbán als auch Putin äußerten Bewunderung für Präsident Donald Trump, mit dem beide am Vortag gesprochen hatten. Der ungarische Regierungschef lobte den „tornado-artigen“ Geschäftsstil des amerikanischen Staatschefs, während Putin Trumps Fähigkeit hervorhob, mehrere internationale Krisen gleichzeitig zu bewältigen.
Konkret diskutierten die beiden Gesprächspartner die Möglichkeit eines Gipfeltreffens zwischen Washington und Moskau in der ungarischen Hauptstadt. Putin bezeichnete Budapest als einen der wenigen – wenn nicht den einzigen – in Europa akzeptablen Ort für ein solches Treffen, da Orbán als Freund beider Präsidenten gelte. Die Pläne sahen zunächst Gespräche auf Außenministerebene vor, scheiterten jedoch später an inhaltlichen Differenzen zwischen den Großmächten.
Kontroverse Hintergrundaktivitäten
Die Veröffentlichung des Telefonprotokolls folgt auf mehrere investigative Berichte, die enge Kontakte zwischen ungarischen und russischen Regierungsvertretern dokumentieren. Medien enthüllten zuvor, dass Außenminister Péter Szijjarto seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow regelmäßig über vertrauliche EU-Beratungen informiert haben soll. Zudem gab es Vorwürfe, Ungarn habe versucht, eine Schwester eines russischen Oligarchen von Sanktionslisten streichen zu lassen.
Die ungarische Regierung wies diese Vorwürfe als Produkt ausländischer Geheimdiensttätigkeit zurück und betonte, ihre ablehnende Haltung gegenüber EU-Sanktionen sei allgemein bekannt. Dennoch haben mehrere europäische Regierungen in den vergangenen Wochen Besorgnis über die Moskau-freundliche Linie Budapests geäußert.
Fortdauernde bilaterale Beziehungen
Orbán und Putin stehen weiterhin in regelmäßigem Kontakt. Erst Anfang März dieses Jahres telefonierte das russische Staatsoberhaupt erneut mit seinem ungarischen Amtskollegen und würdigte dabei die „prinzipientreue Haltung“ Ungarns in der Ukraine-Frage. Bei ihrem letzten persönlichen Treffen Ende November vergangenen Jahres handelte es sich bereits um die 14. Begegnung der beiden Politiker.
Das Oktober-Gespräch endete mit persönlichen Fragen nach dem Gesundheitszustand. Putin erwähnte seine sportlichen Aktivitäten wie Skifahren, während Orbán auf sein gelegentliches Fußballspiel verwies. Der ungarische Regierungschef verabschiedete sich schließlich auf Russisch, was die Vertrautheit der Beziehung unterstrich. Diese Details gewinnen vor dem Hintergrund der anstehenden Wahl besondere Bedeutung, da sie die Kontinuität der bilateralen Beziehungen unabhängig von innenpolitischen Entwicklungen illustrieren.


