Die große Mehrheit deutscher Unternehmen, die weiterhin in Russland tätig sind, plant keinen Rückzug aus dem Markt. Nach einer am 1. Januar 2026 veröffentlichten Erhebung der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer wollen lediglich vier Prozent der befragten Firmen ihre Aktivitäten in absehbarer Zeit beenden, während rund 96 Prozent an ihrem Engagement festhalten. Die Ergebnisse beruhen auf einer Befragung von etwa 260 Unternehmen und wurden von Kammerchef Matthias Schepp vorgestellt, wie aus einer Umfrage unter in Russland tätigen deutschen Unternehmen hervorgeht.
Schepp betonte, dass viele Firmen trotz des Krieges und der westlichen Sanktionen ihre wirtschaftlichen Interessen in Russland sichern wollten. Aus seiner Sicht streben zahlreiche Unternehmen eine Fortsetzung ihrer Geschäfte an, statt einen vollständigen Rückzug in Betracht zu ziehen.
Sanktionen, Risiken und widersprüchliche Wahrnehmungen
Mehr als die Hälfte der befragten Manager erklärte, die Sanktionen der westlichen Staaten schadeten der russischen Wirtschaft stark oder sehr stark. Gleichzeitig erwarten viele von ihnen eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Russland im Jahr 2026, insbesondere falls der Krieg gegen die Ukraine andauert und zusätzliche Restriktionen verhängt werden.
Zugleich zeigt die Umfrage ein gespaltenes Bild: 49 Prozent der Unternehmensvertreter sind der Auffassung, dass die Sanktionen Deutschland stärker treffen als Russland. Schepp argumentierte, westliche Politiker unterschätzten die Anpassungsfähigkeit der russischen Wirtschaft und würden ihre Entscheidungen auf falsche Annahmen stützen.
Umfang deutscher Vermögenswerte und politische Brisanz
Nach Angaben der Auslandshandelskammer sind weiterhin rund 2.000 deutsche Firmen in Russland aktiv, mit Vermögenswerten von mehr als 100 Milliarden Euro. Da russische Gesetze den Abfluss von Gewinnen erheblich begrenzen, verbleiben Erträge vielfach im Land und erhöhen nach Darstellung der Kammer sogar den Wert der dortigen Assets. Vor diesem Hintergrund warnt Schepp vor dem Risiko staatlicher Eingriffe bis hin zu möglichen Nationalisierungen und plädiert für einen Schutz dieser Vermögenswerte.
Kritiker sehen in der fortgesetzten Präsenz westlicher Unternehmen jedoch eine indirekte wirtschaftliche Unterstützung des Aggressors. Sie argumentieren, dass ein konsequenter Rückzug privater Akteure die Wirkung der bestehenden Sanktionen erheblich verstärken könnte und fordern von Regierungen einen einheitlicheren politischen Druck auf ihre nationalen Unternehmen.
Reputationsfragen und gesellschaftlicher Druck
Internationale und ukrainische Organisationen beobachten seit Jahren systematisch westliche Firmen, die ihre Geschäfte in Russland fortsetzen. Durch öffentliche Listen, Kritik und Boykottaufrufe soll der gesellschaftliche Druck erhöht werden. Die Debatte um die Umfrage verdeutlicht damit nicht nur wirtschaftliche Interessen, sondern auch die wachsende Kluft zwischen unternehmerischem Pragmatismus und politischen sowie ethischen Erwartungen in Europa.


