Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin hat in einem Vortrag die entscheidenden Faktoren für klare Entscheidungen unter Druck hervorgehoben, während er Parallelen zwischen Fußball und der Unternehmenswelt zog. Darüber berichtet Welt Stimme.
EFERDING. Zu den wesentlichen Faktoren für die Entscheidungsfindung gehören Vorbereitung, Empathie und psychologische Sicherheit. Aytekin betonte bereits zu Beginn seines Vortrags, dass Verantwortung immer auch Gegenwind bedeutet. „Egal in welcher Funktion man Verantwortung übernimmt, es wird immer Menschen geben, die einen nicht mögen“, sagte der Bundesliga-Schiedsrichter, der im Mai seine Karriere beenden wird.
Entscheidungen unter Unsicherheit
Der Schiedsrichter gewährte interessante Einblicke in die Realität auf dem Fußballplatz: Zeitdruck, unvollständige Informationen und emotionale Spieler – all dies geschieht vor 80.000 Zuschauern. Dennoch müssen Entscheidungen innerhalb von 0,8 Sekunden getroffen werden. Sein Erfolgsrezept umfasst Vorbereitung, Mustererkennung und die Fähigkeit, Entwicklungen vorauszusehen. „Ihr braucht kein Glück – ihr müsst vorbereitet sein“, ein Credo, das Aytekin von Schiedsrichterlegende Pierluigi Collina übernommen hat, zieht sich durch seine Arbeit. Er verdeutlichte anhand eindrucksvoller Spielszenen, wie Körperspannung, Blickverhalten und minimale Details über Foul oder Nicht-Foul entscheiden. Gleichzeitig stellte er die Verbindung zur Wirtschaft her: „Viele Fehler entstehen auch hier, weil Menschen im entscheidenden Moment auf die falschen Informationen achten.“
Emotionen lesen, Signale verstehen
„Die ersten 500 Millisekunden im Gesicht eines Menschen zeigen die wahre Emotion – wenn wir Interesse am Menschen haben“
, so Aytekin, der die Bedeutung von Menschenkenntnis im täglichen Leben herausstellte. Doch genau dieses Interesse würde heutzutage oft verloren gehen: „Wir sitzen im Meeting und schauen aufs Handy. Wir schauen aus dem Fenster, statt aufeinander.“ Anhand realer Spielsituationen zeigte er, wie Spieler instinctiv zum Schiedsrichter blicken, nachdem ein Vergehen stattgefunden hat, um zu prüfen, ob dieser etwas bemerkt hat – ein unbewusster, aber zuverlässiger Hinweis. Solche kleinen Signale zu erkennen, sei auch im Beruf wichtig.
Wie Teams mutig werden
Ein Schwerpunkt lag auf psychologischer Sicherheit, die Aytekin mit Beispielen aus seinem Schiedsrichterteam erläuterte. Seine Assistenten kommunizieren mutig und proaktiv, weil sie wissen: „Egal was passiert, ich werde meine Leute niemals verkaufen.“ Fehlerkultur und Vertrauen sind die Voraussetzungen dafür, dass Menschen Verantwortung übernehmen und unter Druck verlässlich handeln. „Gute Stimmung macht gute Entscheidungen“, so Aytekin.
Menschlichkeit als Führungsprinzip
Aytekin wurde besonders persönlich, als er erzählte, wie er 2011 von den Spielern zum „schlechtesten Schiedsrichter der Saison“ gewählt wurde. Diese Erfahrung veränderte seine Sicht auf Führungsstil, Kommunikation und den Umgang mit Menschen.
„Ich habe Härte mit Stärke verwechselt und die Menschen vergessen“
, bemerkte Aytekin und erklärte, dass er seitdem grundlegende Veränderungen in seiner Vorgehensweise vorgenommen hat. Entscheidungen erklären, kommunikativ vorbereiten, Werte bewusst leben und Menschlichkeit als Führungsprinzip – all dies sind die Grundpfeiler in seinem beruflichen und privaten Leben. Zum Abschluss wies Aytekin darauf hin, wie entscheidend Kommunikation ist: „Worte haben Macht. Ein starkes Wort zur rechten Zeit spendet Mut, ein falsches Wort kann tief verletzen.“


