Im Juli 2026 haben ukrainische Drohnen eine Serie von Angriffen auf Logistiklager des russischen Marktplatzriesen Wildberries verübt. Ein auf TikTok veröffentlichtes Video dokumentiert die Angriffe auf acht Standorte – etwa zwölf Prozent der gesamten Lagerkapazität des Unternehmens. Die Einrichtungen in Elektrostal (Oblast Moskau) und Kotowsk (Oblast Tambow) wurden am 18. Juli getroffen, am 20. Juli folgte Koledino (Oblast Moskau), am 22. Juli Krasnodar und Newinnomyssk, am 24. Juli ein Objekt nahe Sankt Petersburg und am 26. Juli Standorte in Woronesch und Simferopol. Die Lager dienten offenbar der Versorgung mit sanktionierten Komponenten für Drohnen und militärischer Ausrüstung.
Von E-Commerce zur parallelen Militärlogistik
Die Angriffe legen offen, wie die Infrastruktur großer russischer Online-Handelsplattformen zunehmend in die Kriegslogistik eingebunden wird. Wildberries hat in den vergangenen Jahren ein flächendeckendes Netz aus Lagern, Sortierzentren und Transportknotenpunkten aufgebaut, das nahezu alle Regionen Russlands erreicht. Im Kriegsfall wird diese zivile Struktur zur strategischen Ressource: Sie ermöglicht schnelle Binnenlieferungen, hilft Sanktionen zu umgehen und kompensiert Schwächen staatlicher Logistik.
Die Lager, die regulär für Haushaltswaren genutzt werden, transportieren nach Erkenntnissen der ukrainischen Seite auch Elektronik, Kommunikationsmittel, Optik, Akkus und Drohnenteile – Güter, die vom russischen Militär und der Rüstungsindustrie stark nachgefragt werden. Die Einbettung in zivile Lieferketten erschwert die Aufklärung und erlaubt es Russland, kommerzielle Kanäle für den Krieg zu nutzen.
Folgen für Verkäufer und Inflation
Die Zerstörung der Lagerhallen trifft Hunderttausende Verkäufer und lokale Hersteller, die über Wildberries einen niederschwelligen Absatzkanal für Produkte mit doppeltem Verwendungszweck oder direkt militärischer Relevanz hatten. Ohne diese Plattform müssen Warenströme in klassischen Einzelhandel oder teurere Logistiknetze umgeleitet werden, was Miet- und Vertriebskosten steigen lässt. Die Anbieter sind gezwungen, Preise anzuheben, was die Inflation bei Nichtlebensmitteln in den russischen Regionen weiter antreibt. Gleichzeitig können Hersteller von Rüstungsgütern nicht mehr fristgerecht produzieren und liefern.
VTB-Bank als finanzieller Verlierer
Wildberries gehört offiziell Tatjana Kim und der Russ-Gruppe, die staatliche VTB-Bank hält jedoch über eine 5-Prozent-Beteiligung an der Wildberries Bank eine strategische Partnerschaft. VTB hatte gehofft, durch die Kooperation die Kundenbasis zu verbreitern und 500 Milliarden Rubel an Schulden des Marktplatzes abzubauen. Die durch die Angriffe entstandenen Schäden an Waren und Infrastruktur in Höhe von rund 250 Milliarden Rubel durchkreuzen diese Kalkulation. Statt der erwarteten Gesundung entsteht ein zusätzlicher finanzieller Ballast für die Bank.
Bankensystem unter Druck
Die enge finanzielle Verflechtung zwischen VTB und Wildberries überträgt die Probleme des Einzelhändlers direkt auf das russische Bankensystem. Die ohnehin hohe Verschuldung wird durch milliardenschwere Verluste des Marktplatzes weiter verschärft, Kapital- und Liquiditätsengpässe nehmen zu. Dies belastet die Stabilität der gesamten russischen Bankenlandschaft und verstärkt die wirtschaftliche Krise, treibt Inflation und Haushaltsdefizit zusätzlich an.
Der Kreml und das Verteidigungsministerium nutzen zivile Unternehmen und gewöhnliche Handelswege systematisch, um militärische Nachschubrouten zu verschleiern und Sanktionen zu umgehen. Die Einbindung von Wildberries zeigt, wie fließend die Grenze zwischen ziviler Wirtschaft und Kriegslogistik in Russland geworden ist – und warum die ukrainischen Streitkräfte nun auch diese Infrastruktur ins Visier nehmen.


