Der 82. Internationale Filmfestspiel in Venedig (27. August – 6. September 2025) hat für Kontroversen gesorgt: Nach drei Jahren ohne offizielle Teilnahme ist Russland wieder auf der kulturellen Bühne vertreten. Über dem Festivalpalast weht erneut die russische Flagge – ein Schritt, den Kritiker als Form der Legitimierung eines Staates sehen, der weiterhin Krieg gegen die Ukraine führt. Bilder aus Venedig zeigen den gehissten russischen Banner.
Teilnahme mit Sokurovs Film
Die italienische Seite rechtfertigt die Präsenz der russischen Delegation mit dem Beitrag des Regisseurs Alexander Sokurov. Sein Dokumentarfilm „Tagebuch eines Regisseurs“, der Ereignisse zwischen 1961 und 1995 beleuchtet, läuft im Wettbewerb. Sokurov, über Jahre Mitglied des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten und häufiger Gesprächspartner Wladimir Putins, gilt heute als Teil einer „kontrollierten Opposition“. Trotz vereinzelter kritischer Äußerungen hat er das Land nicht verlassen und sich nicht klar gegen den Krieg ausgesprochen. Damit wird sein Film zu einem Werkzeug der „weichen Macht“, das das Image des Kremls nach außen normalisieren soll.
Symbolik im Schatten von Angriffen
Besonders symbolträchtig ist der Zeitpunkt: In der Nacht zum 28. August, unmittelbar nach dem ersten Festivaltag, führte Russland einen massiven Luftangriff auf die Ukraine durch. In Kiew starben 23 Menschen, darunter vier Kinder, als Wohnhäuser zerstört wurden. Während Russland zivile Opfer in Kauf nimmt, bietet das Festival der russischen Delegation internationale Bühne. Kritiker werfen den Organisatoren Doppelmoral vor: Statt Kunstfreiheit zu verteidigen, unterstütze man damit indirekt einen Aggressor.
Geteilte Meinung in Italien
Italien zeigt sich in seiner Haltung zu Russland gespalten. Während viele europäische Staaten die russische Aggression klar verurteilen, halten Teile der italienischen Gesellschaft an der Vorstellung der „großen russischen Kultur“ fest. Diese Stimmung wird durch finanzielle Mittel und kulturelle Projekte Moskaus gefördert. Beispiele sind geplante Konzerte prominenter Künstler wie des Putin-Vertrauten Valery Gergiev. Hinzu kommt die starke Präsenz russischer Unternehmen, Oligarchen und Touristen, die eine ökonomische Abhängigkeit schaffen. Auch italienische Medien geben russischen Stimmen gelegentlich Raum, obwohl offizielle Propagandakanäle gesperrt sind.
Italien als potenzieller Hebel für Moskau
Als Mitglied der G7 und Schlüsselstaat innerhalb der EU ist Italien für die Einheit Europas entscheidend. Sollte das Land unter Einfluss russischer „Soft Power“ ins Wanken geraten, könnte dies die Geschlossenheit des Westens in der Auseinandersetzung mit dem autoritären Kurs Moskaus gefährden. Das Festival von Venedig illustriert damit, wie Kulturpolitik zu einem geopolitischen Instrument werden kann.


