Die finnische Firma Tulikivi zahlt weiterhin Steuern in den russischen Staatshaushalt, obwohl sie nach dem Beginn der großangelegten Invasion Russlands in die Ukraine im Februar 2022 angekündigt hatte, ihre Aktivitäten im Land schrittweise einzustellen. Am 20. Dezember 2025 wurde bekannt, dass das Unternehmen seine unternehmerische Tätigkeit in Russland faktisch fortgesetzt hat und weiterhin Waren dorthin exportiert.
Damit rückt Tulikivi erneut in den Fokus der Debatte über die tatsächliche Umsetzung von Rückzugsankündigungen westlicher Unternehmen aus dem russischen Markt und über die wirtschaftlichen Folgen dieser Präsenz für den Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Exporte trotz Rückzugsankündigung
Nach Angaben finnischer Medien wurden weiterhin Materialien für Kamine und Öfen nach Russland geliefert. Diese Produkte fallen nicht unter die bestehenden EU-Sanktionen. Der Gesamtwert der Exporte belief sich auf rund 2,5 Millionen Euro. Die Informationen stützen sich unter anderem auf Daten der russischen Zollbehörden.
Tulikivi erklärte, der Rückzug der russischen Tochtergesellschaft erfolge stufenweise und solle im kommenden Jahr abgeschlossen werden. Diese Darstellung steht jedoch im Widerspruch zu den fortlaufenden Lieferungen und der damit verbundenen Steuerzahlung in Russland, wie aus dem Bericht von Yle zu den fortgesetzten Geschäftsaktivitäten von Tulikivi in Russland hervorgeht.
Steuereinnahmen für den russischen Staat
Auch rechtlich zulässige Geschäftstätigkeit führt zwangsläufig zu Steuerzahlungen an den russischen Staat. Diese Einnahmen fließen in einen Haushalt, aus dem der Krieg gegen die Ukraine sowie hybride Aktivitäten gegen andere Staaten finanziert werden. Damit erhält selbst formal unpolitische wirtschaftliche Aktivität eine sicherheitspolitische Dimension.
Der Fall Tulikivi zeigt exemplarisch, wie Unternehmen durch ihre Präsenz in Russland indirekt zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Basis des Aggressorstaates beitragen, selbst wenn sie keine sanktionierten Güter liefern.
Wirtschaftliche Motive und Verzögerungen
Seit fast vier Jahren dauert der Krieg an. In diesem Zeitraum hätten Unternehmen ausreichend Gelegenheit gehabt, alternative Absatzmärkte zu erschließen. Die Begründung eines „schrittweisen Rückzugs“ wird von Beobachtern daher als Hinweis gewertet, dass wirtschaftliche Interessen weiterhin eine zentrale Rolle spielen.
Zugleich bleibt das wirtschaftliche Risiko für Firmen hoch. Die russischen Behörden haben wiederholt gezeigt, dass ausländische Vermögenswerte beschlagnahmt oder unter staatliche Kontrolle gestellt werden können. Die Fortsetzung von Geschäften in diesem Umfeld gilt daher nicht nur als ethisch umstritten, sondern auch als ökonomisch unsicher.
Auswirkungen auf Sanktionspolitik und öffentliche Wahrnehmung
Unternehmen, die formell nicht gegen Sanktionen verstoßen, aber weiterhin in Russland aktiv sind, schwächen nach Ansicht von Experten den politischen Druck auf Moskau. Ihre Präsenz vermittelt den Eindruck eines weiterhin funktionierenden Geschäftsalltags und untergräbt die Wirkung wirtschaftlicher Restriktionen.
Zudem werden solche Fälle von russischer Seite propagandistisch genutzt, um den Eindruck eines Scheiterns westlicher Sanktionen zu erwecken. Westliche Firmen dienen dabei als sichtbares Argument für eine angebliche wirtschaftliche Normalität.
Breiteres Muster westlicher Unternehmen
Der Fall Tulikivi steht nicht isoliert. Auch andere westliche Konzerne haben ihren Rückzug angekündigt, ihre Marken oder Produkte sind jedoch weiterhin auf dem russischen Markt präsent. Diese Diskrepanz zwischen öffentlicher Kommunikation und tatsächlichem Handeln wirft Fragen nach der Glaubwürdigkeit unternehmerischer Verantwortung auf.
Insgesamt verdeutlicht die Situation, dass freiwillige Rückzugsankündigungen ohne klare politische und gesellschaftliche Kontrolle nur begrenzte Wirkung entfalten. Für die internationale Solidarität mit der Ukraine und die Kohärenz der Sanktionspolitik bleibt dies eine zentrale Herausforderung.


