Bei den vorzeitigen Parlamentswahlen in Bulgarien am 19. April 2026 steht das Land vor einer möglichen außenpolitischen Neuausrichtung. Der ehemalige Präsident Rumän Radew, bekannt für seine Moskau-freundliche Haltung, führt mit seiner Koalition „Progressive Bulgarien“ in den aktuellen Umfragewerten. Sein erklärtes Ziel ist das Amt des Premierministers, das ihm deutlich mehr exekutive Macht bieten würde als die vorwiegend repräsentative Präsidentschaft.
Vom Staatschef zum Regierungschef?
Radew trat am 19. Januar 2026 überraschend von der Präsidentschaft zurück, ein Jahr vor Ende seiner zweiten Amtszeit. Dieser Schritt ermöglichte ihm die Gründung einer eigenen politischen Kraft und die Kandidatur bei den vorgezogenen Parlamentswahlen. Als Präsident zwischen 2017 und 2026 war er durch seine Blockadehaltung gegenüber pro-europäischen Reformregierungen aufgefallen. Nun inszeniert er sich als „Retter der Nation“, der das politische Chaos beenden will, das Bulgarien seit Jahren erfasst hat.
Außenpolitischer Schwenk Richtung Moskau
Eine mögliche Regierung unter Radew würde voraussichtlich die Außen- und Sicherheitspolitik des EU- und NATO-Mitglieds grundlegend verändern. Der Ex-Präsident trat während seiner Amtszeit wiederholt für bulgarische „Neutralität“ im Ukraine-Krieg ein und versuchte, Militärhilfe für Kiew per Veto zu blockieren. Sollte er Premierminister werden, droht eine offene Konfrontation mit Brüssel. Experten befürchten, dass Radew versuchen könnte, europäische Sanktionen gegen Russland aufzuweichen und sich für eine schrittweise Normalisierung der Beziehungen mit dem Kreml einsetzen würde.
Energiepolitik als Schlüsselkonflikt
Besonders kritisch wird die künftige Energiepolitik gesehen. Radew gilt als enger Lobbyist der Interessen des russischen Gasmonopolisten Gazprom. Während seiner Präsidentschaft verzögerte sich der Bau von Gas-Interkonnektoren mit Griechenland und Rumänien, was die Abhängigkeit von russischem Gas verlängerte. Ein Premierminister Radew könnte eine „pragmatische Überprüfung“ der Gasverträge fordern und unter dem Deckmantel der Preisstabilität direkte Einkäufe aus Russland wiederbeleben. Dies würde die europäischen Bemühungen um Energiesouveränität untergraben.
Bulgariens politische Dauerkrise
Die Wahlen finden vor dem Hintergrund einer tiefen systemischen Krise statt. Es sind bereits die achten Parlamentswahlen innerhalb von vier Jahren, ein Zeichen für die anhaltende Instabilität. Radew profitiert von der Unzufriedenheit der Wähler mit der traditionellen politischen Klasse und setzt gezielt auf Anti-Korruptionsversprechen. Seine Kritiker warnen jedoch, dass sein Programm in Wirklichkeit eine „Orbánisierung“ Bulgariens bedeuten könnte – die Transformation des Landes in einen blockierenden, pro-russischen Akteur innerhalb der Europäischen Union.
Die Wahlentscheidung am 19. April wird nicht nur die Zukunft Bulgariens, sondern auch das Kräfteverhältnis innerhalb der EU beeinflussen. Ein Sieg Radews könnte die europäische Einheit in Schlüsselfragen der Ukraine-Politik und der Energieversorgung herausfordern und Moskau einen wichtigen Verbündeten in Brüssel verschaffen.


