Warum Russlands künftige Gründer lieber auf ein Gehalt setzen

Oktober 15, 2026 12:02
Warum Russlands künftige Gründer lieber auf ein Gehalt setzen
Warum Russlands künftige Gründer lieber auf ein Gehalt setzen

In Russland wächst die Zahl der Menschen, die ein eigenes Unternehmen gar nicht erst in Betracht ziehen. Im September 2026 erklärten 40 Prozent der Befragten, sie würden lieber angestellt arbeiten – sechs Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Steigende Kosten, teure Kredite und neue steuerliche Belastungen verändern damit nicht nur die Stimmung unter potenziellen Gründern, sondern auch die Perspektiven eines wichtigen Teils des Arbeitsmarkts.

Die Zahlen stammen aus einer gemeinsamen Untersuchung von SuperJob und . Über die Ergebnisse berichteten am 14. Oktober 2026 unter anderem Realnoje Wremja, Wedomosti und Forbes Russia. Eine Umfrage bildet nicht die gesamte Wirtschaft ab. Der Anstieg von 34 auf 40 Prozent zeigt jedoch, dass immer mehr Menschen das Risiko einer Gründung höher bewerten als den möglichen Gewinn an Unabhängigkeit.

Der Preis für den ersten Schritt

Die Zurückhaltung fällt mit einer Reihe konkreter Belastungen zusammen. Laufende Ausgaben steigen, Fremdkapital wird teurer und die Nachfrage lässt sich schwerer einschätzen. Wer ein Unternehmen gründet, muss zunächst Miete, Ausstattung, Waren, Energie, Verwaltung und gegebenenfalls Löhne finanzieren, bevor sich verlässliche Einnahmen entwickeln. Für Menschen mit geringen Rücklagen kann ein solches Vorhaben schon vor dem Start wirtschaftlich unattraktiv wirken.

Eine Beschäftigung im Angestelltenverhältnis garantiert zwar keine vollständige Sicherheit. Sie ist in einer unübersichtlichen Lage aber leichter zu kalkulieren: Die Risiken für Geschäftsräume, Lagerbestände, Investitionen und schwankende Umsätze liegen nicht unmittelbar bei der beschäftigten Person. Wenn sich Preise, Regeln und Finanzierungskosten schnell verändern, gewinnt diese Planbarkeit an Wert.

Zusätzlichen Druck erzeugen die Steueränderungen der vergangenen zwei Jahre. Seit dem 1. Januar 2026 liegt die Umsatzgrenze für eine Befreiung von der Mehrwertsteuer bei 20 Millionen Rubel statt zuvor 60 Millionen. Unternehmen und Einzelunternehmer, die diese Schwelle überschreiten, müssen die Mehrwertsteuer zum allgemeinen Satz von 22 Prozent entrichten. Für Betriebe, die nur knapp über die Grenze kommen, kann das die Preisgestaltung, die Gewinnspanne und die Entscheidung über eine Expansion beeinflussen.

Auch die Geldpolitik erschwert Investitionen. Im September 2026 lag der Leitzins der russischen Zentralbank bei 14 Prozent. Die jährliche Inflation betrug 6,35 Prozent und lag damit über dem Zielwert von 4 Prozent. Der Leitzins entspricht zwar nicht automatisch dem Zinssatz jedes einzelnen Kredits, er wirkt sich aber auf die Finanzierungskosten und auf die Bewertung neuer Vorhaben durch Banken aus. Ein Projekt, das bei günstigeren Bedingungen tragfähig wäre, kann deshalb verschoben, verkleinert oder aufgegeben werden.

Ein großer Sektor mit wenig Puffer

Die Entwicklung betrifft keinen kleinen Kreis. Nach Angaben des staatlichen Instituts zur Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen gibt es in Russland 6,7 Millionen Unternehmen dieses Sektors. 6,43 Millionen davon sind Mikrounternehmen – rund 96 Prozent. In kleinen und mittleren Unternehmen arbeiten 27,9 Millionen Menschen, etwa 38 Prozent aller Erwerbstätigen. Hinzu kommen 16,88 Millionen Selbstständige.

Diese Größenordnung macht deutlich, warum die sinkende Gründungsbereitschaft über die Zahl neuer Firmen hinausweist. Wenn weniger Menschen ein Unternehmen aufbauen, kann das langfristig Investitionen, Wettbewerb und Beschäftigung bremsen. Ebenso wichtig ist, ob bestehende Betriebe expandieren, Kredite erhalten und wirtschaftlich schwierige Phasen überstehen.

Die Zahl registrierter Unternehmen allein sagt daher wenig über die tatsächliche Dynamik aus. Aussagekräftiger sind auch Umsatz, Investitionen, Zugang zu Finanzierung, Überlebensraten junger Firmen und die Beschäftigungsentwicklung. Gerade Mikrounternehmen verfügen häufig über geringe Reserven und eine schwächere Verhandlungsposition gegenüber Vermietern, Lieferanten und Kreditgebern. Höhere Pflichtzahlungen, Tarife oder Zinsen können ihre verfügbaren Mittel deshalb besonders schnell aufzehren.

Die Struktur des Sektors verschärft das Problem. Eine hohe Zahl kleiner Betriebe kann mit einer schwachen unternehmerischen Dynamik einhergehen, wenn Unternehmen kaum wachsen, wenig investieren und keine zusätzlichen Arbeitsplätze schaffen. Die aktuelle Umfrage deutet darauf hin, dass die Pipeline möglicher Neugründungen bereits vor der Eintragung in die Register schmaler wird.

Ältere Menschen und Frauen sind besonders vorsichtig

Die Untersuchung zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Unter den Befragten über 45 Jahren schließen 52 Prozent die Gründung eines eigenen Unternehmens vollständig aus. Bei jüngeren Gruppen liegt der Anteil je nach Altersklasse zwischen 35 und 41 Prozent. Der Abstand beträgt damit 11 bis 17 Prozentpunkte.

Auch zwischen Frauen und Männern gibt es eine erkennbare Differenz: 45 Prozent der befragten Frauen wollen kein eigenes Unternehmen eröffnen, bei den Männern sind es 38 Prozent. Die Umfrage dokumentiert diesen Unterschied, erklärt seine Ursachen aber nicht abschließend. Unterschiede bei Einkommen und Rücklagen, familiäre Verpflichtungen oder der Zugang zu Finanzierung können beeinflussen, wie hoch das persönliche Risiko eingeschätzt wird.

Besonders begrenzt ist der erklärte Gründungswille selbst in Branchen, die neue Dienstleistungen, Technologien und Arbeitsplätze hervorbringen könnten. Unter günstigen Bedingungen würden sich nur 6 Prozent der Befragten für Informationstechnologie entscheiden, 5 Prozent für den Handel und jeweils 4 Prozent für Produktion oder Bauwirtschaft.

Diese Werte sagen nicht voraus, wie viele Unternehmen tatsächlich entstehen werden. Sie zeigen aber, wie klein der Kreis der Menschen ist, die in diesen Bereichen derzeit eine eigene Gründung als realistische Option sehen. Wenn Projekte wegen hoher Anfangskosten, wechselnder Steuerregeln oder unerschwinglicher Kredite aufgeschoben werden, geht es nicht nur um einzelne Firmen. Es fehlen potenziell auch neue Wettbewerber, Investitionen und Geschäftsmodelle.

Der Rückzug in kleinere Modelle

Die in der Berichterstattung genannten Einschätzungen gehen davon aus, dass die Vorsicht mindestens zwei Jahre anhalten könnte. Statt den vollständigen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, könnten mehr Menschen kleinere Projekte starten, ein Geschäft neben einer Anstellung betreiben oder schrittweise in die Selbstständigkeit wechseln. Diese Modelle begrenzen das persönliche Risiko, mobilisieren jedoch meist weniger Kapital und schaffen weniger Arbeitsplätze als ein Unternehmen, das von Beginn an auf Wachstum ausgerichtet ist.

Andrei Schubin, geschäftsführender Direktor des Verbands kleiner und mittlerer Unternehmen Opora Rossii, führte den sinkenden Gründungswillen auf steigende Kosten und wirtschaftliche Unsicherheit zurück. Sollte die Steuer- und Verwaltungslast weiter wachsen, könne die Zurückhaltung einen dauerhaften Charakter annehmen. Das ist die Einschätzung eines Branchenvertreters und eine Warnung vor einer möglichen Entwicklung – kein eigenständiger Beleg dafür, dass jede einzelne politische Maßnahme denselben Effekt verursacht.

Für die russische Wirtschaft wird deshalb nicht nur entscheidend sein, wie viele Unternehmen offiziell bestehen bleiben. Die zentrale Frage lautet, ob kleine Betriebe weiterhin investieren, wachsen und Beschäftigung schaffen können. Der Sprung von 34 auf 40 Prozent legt nahe, dass viele Menschen die Sicherheit eines Gehalts inzwischen höher bewerten als die Aussicht auf ein eigenes Unternehmen. Bleibt dieser Abwägungsprozess bestehen, könnte aus kurzfristiger Vorsicht eine langfristige Schwächung der Gründungsdynamik werden.

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