Bratislava prüft Moskaus zweiten Anlauf für einen Militärattaché

Oktober 29, 2026 08:30
Bratislava prüft Moskaus zweiten Anlauf für einen Militärattaché
Bratislava prüft Moskaus zweiten Anlauf für einen Militärattaché

Russland will nach vier Jahren wieder einen Militärattaché in Bratislava stationieren. Nachdem die Slowakei im August 2026 die erste vorgeschlagene Personalie zurückgewiesen hatte, beantragte Moskau im September das Agrément für den Marineoffizier Maxim Wereschan.

Seine mögliche Ankunft im Oktober oder November fällt in eine politisch und sicherheitspolitisch heikle Phase: In der Slowakei stehen am 24. Oktober Kommunal- und Regionalwahlen an, im Herbst 2027 soll ein neues Parlament gewählt werden. Die Regierung von Ministerpräsident Robert Fico spricht von einem „pragmatischen Dialog“ mit Moskau. Für Kritiker geht es dagegen um die Frage, ob Russland damit einen neuen Zugang zu einem EU- und NATO-Staat erhält.

Ein Posten mit begrenztem Protokoll, aber großer Reichweite

Seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 hatte Bratislava keinem russischen Militärattaché zugestimmt. Zunächst schlug Moskau den Kapitän 1. Ranges Maxim Garitschew vor. Im August ließ die slowakische Seite nach Angaben aus dem politischen Umfeld informell erkennen, dass sie seine Kandidatur für nicht akzeptabel halte. Öffentlich erläuterte die Regierung die Entscheidung nicht. Medienberichten zufolge wurden Verbindungen zu russischen Sicherheitsdiensten und Aktivitäten genannt, die mit den Regeln der Wiener Konvention unvereinbar sein könnten.

Russland gab den Versuch jedoch nicht auf und präsentierte mit Wereschan einen neuen Kandidaten. Ein Militärattaché ist zwar ein diplomatischer Vertreter und unterliegt den Auflagen des Gastlandes. Er kann aber Kontakte zu Streitkräften und Verteidigungsbehörden pflegen, an offiziellen Veranstaltungen teilnehmen, militärische Entwicklungen beobachten und Informationen über persönliche Netzwerke gewinnen. Daraus folgt kein automatischer Zugang zu geheimen Daten und kein Beweis für illegale Tätigkeit. Gerade in einem NATO-Land macht diese Schnittstelle den Posten dennoch sicherheitspolitisch bedeutsam.

Das slowakische Außenministerium begründet die Wiederaufnahme der militärischen Kontakte mit dem Wunsch, den Austausch mit Russland auf einen ausschließlich „pragmatischen Dialog“ zu beschränken. Ficos Regierung verfolgt gegenüber Moskau einen deutlich offeneren Kurs als viele andere EU-Staaten. Nach der politischen Neuordnung in Ungarn gehört die Slowakei zu den wenigen Ländern der Region, deren Regierung offizielle Gesprächskanäle zum Kreml ausdrücklich erhalten will.

Die zeitliche Nähe zu den Wahlen erhöht die politische Sensibilität. Ein russischer Militärvertreter könnte nicht nur die Verteidigungszusammenarbeit der Slowakei beobachten, sondern auch die innenpolitische Debatte über den Krieg, die Ukraine und die NATO. Ob und in welchem Umfang ein Attaché dabei Einflussaktivitäten unterstützen könnte, hinge von seinen tatsächlichen Aufgaben, den Kontakten und den Kontrollen der slowakischen Behörden ab. Die Möglichkeit solcher Aktivitäten ist jedoch einer der Gründe, warum die Personalie über einen normalen diplomatischen Vorgang hinausweist.

Wereschan und die offene Frage seiner früheren Aufgaben

Wereschan wurde 1980 in Dalnerechensk in der Region Primorje geboren und dient seit 1997 in den russischen Streitkräften. Er absolvierte das Pazifische Marineinstitut in Wladiwostok, diente bei der Pazifikflotte unter anderem auf einem Raketenkreuzer und einem Zerstörer und studierte anschließend an der Seekriegsakademie Kusnezow.

Später arbeitete er im Hauptstab der Marine und im Zentralen Gefechtsführungszentrum des russischen Generalstabs. Von Ende 2013 bis 2017 war er Assistent des Marineattachés an der russischen Botschaft in Italien. Nach seiner Rückkehr besuchte er Lehrgänge zum Truppendienst und zur Sicherheit des Militärdienstes. Zwischen 2017 und 2024 bekleidete er Funktionen in der entsprechenden Abteilung des russischen Verteidigungsministeriums. Zuletzt soll er eine Gruppe dieser Abteilung im Hauptkommando der Landstreitkräfte in Moskau geleitet haben. Den Rang eines Kapitäns 1. Ranges erhielt er 2018.

Seine Karriere in militärischen Stabs- und Sicherheitsstrukturen erklärt die Aufmerksamkeit, die seine mögliche Entsendung auslöst. Sie ist für sich genommen aber kein Beleg für Spionage oder eine Beteiligung an verdeckten Operationen. Entscheidend wäre, welche Aufgaben Wereschan tatsächlich ausübte und welche Kontakte er während seiner früheren Auslandsverwendung unterhielt.

Besonders genau wird deshalb auf seine Zeit in Italien geblickt. Während Wereschan dort als Assistent des Marineattachés tätig war, operierte in Neapel die russische Agentin Olga Kolobowa unter dem Namen Maria Adela Kufeledt Rivera. Recherchen von Bellingcat, Der Spiegel, The Insider und La Repubblica identifizierten sie als Mitarbeiterin des russischen Militärgeheimdienstes.

Kolobowa trat als erfolgreiche Unternehmerin und Schmuckdesignerin auf, eröffnete ein Geschäft und bewegte sich in der gesellschaftlichen Szene der Stadt. Über den Lions Club knüpfte sie Kontakte zu Mitarbeitern des NATO-Kommandos in Neapel sowie zu amerikanischen Soldaten und Offizieren aus Italien, Deutschland, Belgien und anderen Bündnisstaaten. Dass Wereschan im selben Zeitraum an der russischen Botschaft in Italien eingesetzt war, rechtfertigt eine gründliche Prüfung seiner damaligen Aufgaben. Es belegt jedoch weder, dass er von Kolobowas Aktivitäten wusste, noch dass er sie koordinierte.

Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Krieg

Weitere Fragen betreffen eine mögliche Abordnung Wereschans im Jahr 2023 zur 10. selbstständigen Garde-Spezialkräftebrigade. Die Einheit soll damals nahe Oleschky in der besetzten Region Cherson stationiert gewesen sein. Ihm wird zugeschrieben, dort an Aufklärungsarbeit und sogenannten Filtermaßnahmen beteiligt gewesen zu sein.

Das wäre ein schwerwiegender Vorwurf, ist damit aber noch kein festgestellter Tatbestand. Aus einer behaupteten Abordnung folgt nicht automatisch eine persönliche Beteiligung an Kriegsverbrechen. Dafür wären konkrete Einsatzunterlagen, Zeugenaussagen oder Ermittlungsergebnisse erforderlich. Die Angaben machen allerdings deutlich, warum die slowakischen Behörden vor einer Entscheidung eine vollständige und überprüfbare dienstliche Biografie verlangen müssten.

Der sicherheitspolitische Kontext in Europa verschärft die Debatte. Ende August 2026 meldete die slowakische Polizei, einen Brandanschlag auf das Werk des ukrainischen Drohnenherstellers Skyeton in Haniska bei Preschau verhindert zu haben. In der Nacht zum 3. September wurden außerdem Brandvorrichtungen aus einem Fahrzeug auf eine Baustelle nahe den Münchner Zentralen der Rüstungsunternehmen Rohde & Schwarz und Helsing geworfen.

Deutsche Sicherheitsbehörden bringen diese und andere mutmaßliche Sabotageaktionen mit einer Spezialeinheit des russischen Militärgeheimdienstes in Verbindung. Die Verantwortlichkeit muss in jedem einzelnen Fall gesondert ermittelt und nachgewiesen werden. Für die slowakische Debatte zeigen die Vorfälle dennoch, dass militärische Vertretungen in Europa nicht nur über protokollarische Kontakte verfügen, sondern in ein Umfeld eingebettet sind, in dem Einflussnahme, Informationsbeschaffung und Sabotagevorwürfe eng beieinanderliegen.

Die Sorge der Verbündeten

Der oppositionelle Abgeordnete Tomas Valasek von der Partei Progressive Slowakei warnte, ein russischer Militärattaché könne Operationen zur politischen Einflussnahme erleichtern, Desinformationskampagnen koordinieren und gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. Auch Deutschland und die Vereinigten Staaten sollen gegenüber dem slowakischen Verteidigungsministerium ihre Besorgnis geäußert haben.

Hinter der Sorge stehen auch praktische Verbindungen. Die slowakischen Streitkräfte verwenden militärische Systeme aus den USA und Deutschland. Wartung, Ersatzteillieferungen und die Ausbildung von Fachpersonal binden das Land eng an seine NATO-Partner. Ein russischer Vertreter erhielte dadurch nicht automatisch Zugang zu geschützten Informationen. Die Bündnispartner fürchten jedoch, dass ein zusätzlicher Kontaktpunkt die Risiken für den Schutz gemeinsamer Informationen erhöhen könnte.

Das Verteidigungsministerium soll deshalb klargestellt haben, dass der russische Attaché nicht an Veranstaltungen teilnehmen werde, zu denen die in der Slowakei akkreditierten ausländischen Militärvertreter eingeladen sind. Diese Einschränkung würde seine offiziellen Kontakte begrenzen, aber die grundsätzliche politische Wirkung einer Akkreditierung nicht aufheben.

Die Entscheidung über Wereschans Agrément steht noch aus. Lehnt Bratislava auch diesen Kandidaten ab, würde die Regierung ihren „pragmatischen Dialog“ mit Moskau auf andere Kanäle beschränken. Stimmt sie zu, kehrt ein russischer Militärvertreter in einen sensiblen Teil des europäischen Sicherheitsraums zurück. An dieser Personalentscheidung wird sich daher zeigen, wo Robert Fico die Grenze zwischen kontrollierter Diplomatie und einem sicherheitspolitischen Entgegenkommen an Russland zieht.

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