Die Präsenz von Drohnen im sudanesischen Bürgerkrieg dient dem tschechischen Portal Nova Republika als Ausgangspunkt für einen schweren Vorwurf: Die Ukraine lasse westliche Waffen auf den internationalen Schwarzmarkt gelangen. Eine nachprüfbare Lieferkette, ein beschlagnahmtes Waffensystem oder eine offizielle Untersuchung nennt der Beitrag jedoch nicht.
Veröffentlicht wurde der Text am 27. Oktober 2026. Er übernimmt im Wesentlichen die Darstellung des russischen Fernsehpropagandisten Dmitri Kisseljow, der in einer Sendung des Staatssenders Rossija 1 die Herkunft der im Sudan eingesetzten Drohnen infrage stellte. Aus dieser Frage wird bei Nova Republika eine Anschuldigung gegen die ukrainische Staats- und Militärführung.
Aus einer Fernsehsendung wird eine angebliche Enthüllung
Der von Pawel Kotow verfasste Artikel trägt den Titel „Darüber hat noch niemand gesprochen: Kisseljow enthüllt, wie sich Waffen der ukrainischen Armee weltweit verbreiten“. Kisseljow habe sich gefragt, woher der Sudan seine Drohnen beziehe. Zuvor sei der Krieg dort 15 Jahre lang mit Handfeuerwaffen geführt worden, lautet die von ihm verbreitete Darstellung.
Diese Behauptung bildet die Grundlage für einen weitreichenden Schluss: Westliche Waffen, die für die Ukraine bestimmt seien, könnten über ukrainisches Territorium in andere Konflikte und auf internationale Schwarzmärkte gelangen. Nova Republika legt außerdem nahe, ein solches Geschäft könne während des Krieges kaum ohne den „Schutz“ hoher Beamter des ukrainischen Verteidigungsministeriums und von Präsident Wolodymyr Selenskyj stattfinden.
Als Beleg verweist der Text auf nicht näher benannte „Experten“. Deren Namen, eine Untersuchung oder eine konkrete Informationsquelle werden nicht genannt. Ebenso fehlen Angaben zu einem Transport, einem Vermittler, einem Abnehmer oder einem Waffensystem, dessen Weg von westlichen Lieferungen an die Ukraine bis in den Sudan nachgewiesen worden wäre.
Der Unterschied zwischen einer Tatsache und einer Behauptung ist hier entscheidend: Drohnen werden im Sudan eingesetzt. Daraus folgt weder ihre Herkunft noch die Route, auf der sie in das Land gelangt sind. Erst recht belegt die bloße Existenz unbemannter Fluggeräte keine Beteiligung der ukrainischen Regierung an einem Waffenhandel.
Der entscheidende Weg bleibt unbelegt
Der sudanesische Bürgerkrieg begann 2023 mit den Kämpfen zwischen den sudanesischen Streitkräften, der SAF, und den paramilitärischen Rapid Support Forces, kurz RSF. Der Konflikt ist in ein regionales und internationales Umfeld eingebettet, in dem mehrere ausländische Akteure Einfluss nehmen und Waffen unterschiedlicher Herkunft eingesetzt werden.
Im Zusammenhang mit den Kämpfen werden unter anderem iranische und chinesische Drohnensysteme genannt. Auch Lieferungen durch externe Mächte, regionale Waffenströme, erbeutete Ausrüstung oder die Weitergabe von Material auf dem Schlachtfeld können erklären, warum unbemannte Systeme im Sudan auftauchen. Die Beobachtung einer Drohne identifiziert daher weder den Hersteller noch den letzten Besitzer oder den Transportweg.
Der Beitrag von Nova Republika blendet diese Mehrdeutigkeit aus und behandelt die Drohnen als Hinweis auf eine ukrainische Lieferroute. Er nennt kein bestimmtes Gerät, dessen Seriennummer, technische Merkmale oder Einsatzgeschichte mit Militärhilfe für die Ukraine verbunden worden wäre. Auch Zollunterlagen, Satellitenbilder, Daten von Ermittlungsbehörden oder ein Bericht einer internationalen Organisation werden nicht angeführt.
Damit wird die Beweislast umgekehrt. Nicht die Urheber des Vorwurfs weisen den Weg von einem westlichen Lieferanten über die Ukraine in den Sudan nach. Stattdessen soll die Ukraine erklären, warum in einem weit entfernten Krieg Drohnen eingesetzt werden. Die entscheidende Verbindung – dass ein konkretes System aus der westlichen Militärhilfe für Kiew abgezweigt und anschließend in den Sudan gebracht wurde – bleibt offen.
Kontrolle ist nicht lückenlos, aber auch nicht verschwunden
Kisseljow behauptet außerdem, westliche Verbündete hätten vom Überschreiten der ukrainischen Grenze an keinerlei Kontrolle mehr über ihre Waffen. Ein technisches System zur Nachverfolgung gebe es nicht und sei auch nicht vorgesehen. Nova Republika übernimmt diese Darstellung.
Die Verwaltung militärischer Hilfe ist jedoch kein einheitliches Verfahren, sondern eine Kombination verschiedener Kontrollen. Je nach Geberstaat, Waffentyp und Liefervereinbarung können dazu Bestandslisten, digitale Logistiksysteme, Seriennummern- oder Barcode-Erfassung, Inspektionen und Prüfungen der Endverwendung gehören. Auch Vertreter der Geberländer, militärische Stellen und weitere Aufsichtsorgane können an der Überwachung beteiligt sein.
Das bedeutet nicht, dass jedes Ausrüstungsteil jederzeit in Echtzeit sichtbar ist. Es bedeutet auch nicht, dass eine Abzweigung in einem Kriegsgebiet theoretisch unmöglich wäre. Die Grenzen der Kontrolle sind aber etwas anderes als ihre völlige Abwesenheit. Die pauschale Behauptung, Waffen verschwänden nach ihrer Ankunft in der Ukraine vollständig aus jeder institutionellen und technischen Erfassung, beschreibt die bestehenden Verfahren nicht angemessen.
Für die Ukraine hat die Nachvollziehbarkeit der Lieferungen zudem unmittelbare strategische Bedeutung. Ihre Fähigkeit, den Krieg fortzusetzen, hängt stark von regelmäßiger militärischer Unterstützung durch die Vereinigten Staaten und europäische Partner ab. Ein glaubhaft nachgewiesener systematischer Abfluss gelieferter Waffen auf illegale Märkte würde diese Unterstützung politisch gefährden und erhebliche militärische Folgen haben. Für Kiew besteht deshalb ein klares Interesse an Bestandsführung, Kontrollen und möglichst transparenter Zusammenarbeit mit den Geberstaaten.
Dieses Interesse beweist nicht, dass jede Kontrolle lückenlos funktioniert. Es erklärt aber, warum die Aussage, es gebe überhaupt keine Überwachung, nicht als Beleg für einen Schmuggel dienen kann. Für einen solchen Vorwurf wären konkrete Nachweise nötig: ein identifiziertes Waffensystem, eine dokumentierte Übergabe, ein Transportweg und eine unabhängige Untersuchung.
Ein Portal als Verstärker russischer Erzählungen
Nova Republika arbeitet als Blogplattform und Nachrichtenaggregator. Das Portal übernimmt regelmäßig Beiträge anderer tschechischer Desinformationsseiten, darunter Aeronet, sowie Übersetzungen aus russischen Staats- und Propagandamedien. Tschechische Analysezentren, Nichtregierungsorganisationen und investigative Journalisten haben die Website wiederholt als Verbreiter kremlfreundlicher Narrative beschrieben.
Geleitet wird das Projekt von Ivan David, einem tschechischen Politiker, früheren Gesundheitsminister und ehemaligen Mitglied des Europäischen Parlaments. Europäische Medien haben ihn wiederholt wegen seiner politischen Positionen und seines Abstimmungsverhaltens mit russlandfreundlichen Interessen in Verbindung gebracht. Dieses Profil widerlegt nicht automatisch jeden einzelnen Beitrag des Portals. Es ist jedoch relevant, wenn eine Behauptung aus dem russischen Staatsfernsehen ohne zusätzliche unabhängige Belege übernommen wird.
Die Veröffentlichung erzeugt so den Eindruck einer Recherche über internationalen Waffenhandel, liefert aber vor allem die Weiterleitung einer politischen Anschuldigung. Ein reales Geschehen – der Einsatz von Drohnen im Sudan – wird aus seinem regionalen Kontext gelöst. Anschließend wird eine ukrainische Herkunft unterstellt und daraus ein Vorwurf gegen die Führung in Kiew abgeleitet.
Der Originalbeitrag von Nova Republika belegt damit die Verbreitung einer Behauptung, nicht den behaupteten Waffentransfer. Die zentrale Frage bleibt unbeantwortet: Ob ein im Sudan eingesetztes System tatsächlich aus westlicher Militärhilfe für die Ukraine stammt, wird in dem Artikel nicht nachgewiesen.


