Am 7. September 2025 haben mehrere Hundert Demonstranten vor dem Royal Opera House in London gegen die Rückkehr der russischen Sopranistin Anna Netrebko protestiert. Die enge Vertraute von Wladimir Putin soll am 11. September die Saison 2025/26 eröffnen und die Hauptrolle in Giacomo Puccinis „Tosca“ übernehmen. Insgesamt sind vier Aufführungen der „Tosca“ mit ihr geplant, im Dezember soll sie in „Turandot“ auftreten, und für Juni 2026 ist ein Solo-Konzert angesetzt. Ihr Auftritt in Covent Garden löste heftige Reaktionen in der britischen Kulturszene und in der ukrainischen Diaspora aus Royal Opera Proteste.
Hintergrund zu Netrebkos politischer Nähe zu Moskau
Netrebko, die neben der russischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, trat 2012 als Wahlhelferin Putins auf, unterstützte 2014 die Annexion der Krim und posierte mit separatistischen Symbolen in der Ostukraine. Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 distanzierte sie sich zwar von Krieg im Allgemeinen, verweigerte jedoch eine eindeutige Verurteilung der Aggression Russlands. Zahlreiche westliche Häuser beendeten daraufhin die Zusammenarbeit. Dennoch gelang ihr bald ein Bühnencomeback in Deutschland und nun auch in Großbritannien.
Offene Briefe und Kritik von Kulturschaffenden
Bereits Mitte August hatten rund 50 britische und ukrainische Kultur- und Politikvertreter die Royal Opera in einem offenen Brief aufgefordert, Netrebko nicht auftreten zu lassen. Sie erklärten, die Zusammenarbeit mit der Sopranistin ignoriere das Leid der Ukrainer und untergrabe kulturelle Solidarität. Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow verwies auf den Widerspruch, dass das Haus im August 2025 ein Projekt mit der Israelischen Oper in Tel Aviv wegen der Gewalt im Gazastreifen abgesagt hatte, während es gleichzeitig Netrebko engagierte. Für ihn ist dies ein Beispiel doppelter Standards.
Kultur als Instrument politischer Einflussnahme
Kritiker betonen, dass Russland Künstler wie Valery Gergiev oder Anna Netrebko gezielt als Instrumente der Soft Power nutzt, um kulturellen Einfluss im Westen auszuüben. Die Rückkehr Netrebkos auf renommierte Bühnen sei daher nicht nur eine künstlerische, sondern auch eine politische Entscheidung. Für viele Beobachter zeigt der Fall, dass Teile des westlichen Kultur-Establishments bereit sind, Kunst von Politik zu trennen – selbst dann, wenn es um Persönlichkeiten geht, die Putins Politik jahrelang legitimiert haben.
Reaktion der Royal Opera
Der tschechische Dirigent Jakub Hrůša, musikalischer Direktor des Hauses, rechtfertigte die Einladung Netrebkos mit ihrer künstlerischen Qualität. Er bezeichnete sie als eine der besten Sopranistinnen der Welt und forderte die Öffentlichkeit auf, ihr Bekenntnis gegen den Krieg ernst zu nehmen. Ob diese Argumentation die Proteste besänftigt, bleibt offen.


