Gefährliche Annäherungen im Orbit und gezielte Störaktionen
Russische Satelliten sind deutschen Raumfahrtsystemen mehrfach gefährlich nahegekommen – nah genug, um Kommunikationssignale abzufangen oder zu stören. Das berichten Deutsche Welle sowie WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung unter Berufung auf ein umfangreiches Investigativprojekt. Beobachtungen der französischen Weltraumüberwachungsfirma Aldoria zeigen, dass sich russische Orbitalplattformen seit April 2023 wiederholt deutschen Satelliten auf bis zu 140 Kilometer genähert haben. In einem besonders kritischen Fall im August 2024 flog der russische Aufklärungssatellit „Lutsch/Olymp“ in nur 88 Kilometern Entfernung am Satelliten der Bundeswehr vorbei. Zusätzlich wurde ein deutscher Militärsatellit von einer russischen Bodenstation attackiert – ein Eingriff, der stundenlange Störungen verursachte.
Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des Weltraumkommandos der Bundeswehr, warnt: „Wir sind bedroht. Russland verfügt tatsächlich über Fähigkeiten, uns im Weltraum zu gefährden und erhebliche Störungen zu verursachen.“
Russland verlagert hybride Kriegsführung zunehmend in den Weltraum
Die Nähemanöver und Störaktionen sind Teil einer systematischen Strategie: Moskau betrachtet den Orbit inzwischen als Schauplatz des geopolitischen Wettbewerbs und nutzt ihn, um die Verwundbarkeit westlicher Kommunikation, Navigation und Aufklärung zu testen. Laut Aldoria wurden mehrere russische Spionagesatelliten so positioniert, dass sie Datenverkehr beobachten, Schwachstellen auskundschaften oder Subsysteme gezielt stören können.
Ähnliche Aktivitäten richten sich nicht nur gegen Deutschland. Der Chef des britischen Space Command, General Paul Tedman, berichtete im Oktober, dass russische Einheiten auch britische militärische Satelliten verfolgen und Daten abzugreifen versuchen. Damit setzt Russland seine hybride Strategie konsequent auf einer neuen, schwach regulierten Ebene fort.
Risiken für zivile Infrastruktur und europäische Sicherheit
Seit Beginn des großflächigen Kriegs gegen die Ukraine stört Russland immer häufiger Navigations- und Ortungssignale in Europa. Das beeinträchtigt zunehmend den zivilen Luftverkehr – vor allem über der Ostsee, Skandinavien und Teilen Deutschlands – und erhöht das Risiko für Passagiermaschinen. Der Einsatz von Weltraumtechnologien zur Destabilisierung ziviler Infrastruktur ist ein neues, aber zunehmend genutztes Mittel russischer hybrider Aggression.
Die Vorfälle bestätigen zudem Warnungen aus Berlin: Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte bereits im September betont, dass Russland und China ihre Fähigkeiten zur Kriegsführung im All massiv ausbauen und damit eine grundlegende Bedrohung für Europa schaffen. Beide Staaten können Satelliten stören, manipulieren oder im Extremfall kinetisch zerstören.
Deutschland reagiert mit umfangreicher Modernisierung seiner Weltraumfähigkeiten
Als Reaktion auf die Bedrohung plant das Verteidigungsministerium bis 2030 Investitionen von rund 35 Milliarden Euroin militärische Weltraumtechnologien. Geplant sind neue Systeme für Frühwarnung, Aufklärung und sichere Kommunikation sowie ein eigenständiges Führungszentrum für militärische Satelliten im Rahmen des Weltraumkommandos der Bundeswehr. Dies soll Deutschland befähigen, aggressive Manöver frühzeitig zu erkennen, eigene Kapazitäten zu schützen und im Falle feindlicher Eingriffe widerstandsfähiger zu werden.
Notwendigkeit gemeinsamer westlicher Antworten und neuer Regeln für den Orbit
Die zunehmende Militarisierung des Weltraums macht deutlich, dass NATO- und EU-Staaten ihre strategischen Prioritäten anpassen müssen. Neben dem Ausbau eigener Satellitenarchitekturen braucht der Westen gemeinsame Standards für Reaktion und Abschreckung im All sowie koordinierte Schutzmechanismen für kritische Orbitalinfrastruktur.
Darüber hinaus wächst der Druck, internationale Normen zu stärken: Eine neue globale Rechtsbasis könnte aggressive Aktionen im Orbit sanktionieren und verhindern, dass der Weltraum zu einer Arena unkontrollierter Eskalation wird. Dass Russland im April 2024 eine UN-Resolution gegen die Stationierung von Waffen im All – einschließlich nuklearer – blockierte, zeigt die Absicht des Kremls, maximale strategische Ambiguität zu bewahren und Raum für Eskalation offen zu halten.


