Russland nutzt die Malediven nach Medienberichten als Transitroute für die Lieferung von Flugzeugersatzteilen, Elektronik, Mikrochips, optischer Ausrüstung und anderen Gütern mit doppeltem Verwendungszweck. Die westlichen Produkte werden demnach im internationalen Flughafen von Malé umgeschlagen, neu dokumentiert und mit Flügen der russischen Fluggesellschaft Aeroflot nach Moskau weitertransportiert. Die Lieferungen im Wert von mehreren hundert Millionen US-Dollar dienen laut den Berichten der Umgehung westlicher Sanktionen.
Die Route über den Inselstaat ist volumenmäßig kleiner als die wichtigsten Wege des russischen „Parallelimports“ über China, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie zeigt jedoch, dass für die Beschaffung sensibler Waren auch Länder genutzt werden, die bisher keine bedeutende Rolle im Handel mit Russland spielten und nicht im Zentrum der westlichen Sanktionskontrolle standen. Recherchen zu der Transitroute über den Flughafen von Malé beschreiben dabei ein Verfahren, bei dem die Güter das Flughafengelände nicht verlassen.
Umschlag direkt am Flughafen
Die Waren aus den USA, Europa und China treffen demnach am internationalen Flughafen von Malé ein. Dort übernehmen lokale Vermittler wie Freight Care und Go Investment die Abwicklung. Weil die Sendungen nicht als maledivische Importe in den Binnenmarkt eingeführt werden, unterliegen sie nur einer begrenzten Zollkontrolle. Eine verpflichtende physische Inspektion von Transitfracht ist auf den Malediven nicht vorgesehen. Der Schwerpunkt der Kontrolle liegt auf der Prüfung der Transportdokumente.
Vor dem Weiterflug nach Russland wird eine neue Luftfrachtrechnung ausgestellt. In dieser Unterlage fehlen nach den Berichten Angaben zum ursprünglichen Verkäufer. Damit wird die Verbindung zwischen dem westlichen Lieferanten, dem tatsächlichen Ursprung der Ware und dem späteren Empfänger nicht mehr unmittelbar aus dem Transportdokument ersichtlich. Die Güter bleiben während des Umschlags im internationalen Flughafenbereich.
Ein Beispiel betrifft die deutsche Firma Kraemer Mining. Das Unternehmen verkaufte im Mai 2024 Pumpen, Batterien, Keilriemen und weitere Waren im Wert von mehr als 9.000 Euro an die kirgisische Gesellschaft Peretsvo. Die Fracht wurde von Düsseldorf nach Malé gebracht und wenige Tage später mit einem Aeroflot-Flug nach Moskau weitergeleitet. In der neuen Luftfrachtrechnung wurden weder Kraemer Mining noch die deutsche Herkunft der Waren genannt. Als Empfänger war eine in Krasnojarsk ansässige „Gruppe von Unternehmen Techno“ eingetragen.
Deutliche Abweichungen in den Handelsdaten
Auch die verfügbaren Außenhandelsdaten weisen auf eine erhebliche Differenz zwischen den Angaben der Malediven und jenen Russlands hin. Nach Angaben der maledivischen Zollbehörde blieb der offizielle Export des Landes nach Russland in den Jahren 2022 bis 2025 gering. Die von Import Genius zusammengetragenen russischen Statistiken verzeichneten dagegen einen starken Anstieg der russischen Einfuhren aus den Malediven: von weniger als sieben Millionen US-Dollar im Jahr 2021 auf mehr als 630 Millionen US-Dollar allein im Jahr 2022.
Die Zahlen bilden damit nicht den regulären Handel der Malediven mit Russland ab, wie er in den Angaben der maledivischen Zollbehörde erscheint. Sie stehen vielmehr neben den Beschreibungen eines Transits, bei dem Waren aus anderen Ländern am Flughafen neu abgefertigt und anschließend nach Russland weitergeleitet werden. Die Differenz zwischen den Statistiken ist in den vorliegenden Berichten nicht abschließend erklärt.
Vermittler und neue Dokumente
Die maledivische Route beruht nach den veröffentlichten Angaben auf der Nutzung lokaler Logistik- und Vermittlungsunternehmen. Diese übernehmen die Abfertigung der Sendungen, ohne dass die Waren als reguläre Importe auf den Malediven erscheinen. Für den anschließenden Transport nach Russland wird eine neue Frachtunterlage erstellt. Der direkte Flugverkehr zwischen Malé und Moskau stellt dafür die notwendige Verbindung bereit.
Die in den Berichten genannten Waren reichen von Komponenten für die Luftfahrt bis zu elektronischen Bauteilen und optischer Technik. Solche Güter können sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden. Die Informationen beziehen sich auf Lieferungen, Transportwege und Dokumente; eine vollständige Aufstellung aller beteiligten Unternehmen oder aller über die Malediven geleiteten Waren liegt in den vorliegenden Angaben nicht vor.
Die Route ergänzt damit die bereits bekannten Wege, über die Russland westliche Exportbeschränkungen umgeht. Der Umfang des maledivischen Kanals wird als geringer beschrieben als jener der Lieferwege über China, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate. Zugleich verlagert sich der Umschlag bei diesem Verfahren in eine Transitstruktur, in der die Ware nicht in den maledivischen Binnenhandel gelangt und die ursprünglichen Handelsdaten in den neuen Versandpapieren nicht vollständig erscheinen.
Berichte über den maledivischen Kanal zur Umgehung von Sanktionen stellen den Anstieg der russischen Importangaben und die Abwicklung am Flughafen von Malé in einen gemeinsamen Zusammenhang. Die verfügbaren Informationen nennen dabei insbesondere die Kontrolle von Transitfracht, die Prüfung der Endabnehmer und die erneute Ausstellung von Transportdokumenten als zentrale Punkte des Verfahrens.
Für die Überwachung solcher Lieferungen müssen daher nicht nur einzelne Handelsunternehmen, sondern auch Transitfracht, Vermittler, Flugverbindungen und Angaben zum Endverbraucher geprüft werden. Die vorliegenden Fälle zeigen einen Transportweg, der über einen touristisch geprägten Staat führt und dessen Warenumschlag direkt im internationalen Flughafen von Malé erfolgt. Die Nutzung dieser Route durch russische Abnehmer wurde am 2. September 2026 in Medienberichten dokumentiert.


