Die russische Zentralbank hat ihre Goldreserven im Jahr 2026 deutlich reduziert. Nach dem September-Bericht des World Gold Council (WGC) verkaufte sie im Juli sechs Tonnen des Edelmetalls und war damit der größte Goldverkäufer unter den Zentralbanken weltweit. Bereits im zweiten Quartal hatte Russland 22 Tonnen Gold abgegeben. Seit Jahresbeginn summieren sich die Verkäufe nach WGC-Berechnungen auf rund 50 Tonnen.
Die Angaben zum russischen Goldverkauf wurden am 9. September 2026 von russischen Medien aufgegriffen. Demnach sanken die Goldbestände der Zentralbank auf etwa 2.277 Tonnen. Das ist der niedrigste Stand seit rund sechs Jahren.
Goldreserven sinken trotz hoher Preise
Gold gilt als Reserveinstrument, das nicht von Korrespondenzbanken, ausländischen Regulierungsbehörden oder dem Zugang zu einzelnen Finanzplätzen abhängig ist. Zentralbanken halten das Metall daher häufig als Absicherung gegen finanzielle und geopolitische Unsicherheit. Russland hatte seine Goldbestände über Jahre systematisch ausgebaut und dabei eine Alternative zu Dollar-Vermögenswerten geschaffen.
Der nun beobachtete Richtungswechsel fällt in eine Phase hoher Goldpreise. Das Edelmetall wird nahe historischer Höchststände gehandelt. Ein Verkauf kann deshalb auch durch den Versuch begründet sein, hohe Preise zur Liquiditätsbeschaffung oder zur Gewinnrealisierung zu nutzen. Die russische Regierung verwendet Teile der Reserven nach den vorliegenden Angaben zugleich zur Auffüllung der Staatskasse.
Der Vorsitzende des Finanzausschusses der russischen Staatsduma, Anatoli Aksakow, erklärte, das Interesse der Zentralbanken an Gold stehe mit der Diversifizierung ihrer Reserven vor dem Hintergrund geopolitischer und finanzieller Unsicherheit in Zusammenhang. Für Russland kommt hinzu, dass der Zugang zu traditionellen internationalen Handelsplätzen durch Sanktionen eingeschränkt ist.
Alternative Absatzwege erhöhen den Aufwand
Die gegen Russland wegen des Krieges gegen die Ukraine verhängten internationalen Sanktionen haben den Zugang russischen Goldes zu etablierten Märkten, darunter London, begrenzt. Russland muss das Metall deshalb stärker über alternative Handelskanäle in Richtung Nahost und Asien verkaufen.
Diese Umorientierung erschwert die Vermarktung und erhöht nach den vorliegenden Angaben die Kosten. Zugleich wird der Zugang zu Devisenerlösen komplizierter. Ein Teil des Goldes kann dadurch nur mit Abschlägen verkauft werden, was die Nettoerlöse des Staates verringert. Die Goldreserven bleiben damit zwar grundsätzlich liquide, ihre tatsächliche Verwertung ist unter Sanktionsbedingungen jedoch aufwendiger als vor dem Ausschluss von traditionellen Handelsplätzen.
Der Verkauf von 22 Tonnen im zweiten Quartal war nach den Angaben der veröffentlichten Berechnungen zu den Reserven der Zentralbank höher als die Goldverkäufe jeder anderen Zentralbank in diesem Zeitraum. Insgesamt wurden seit Jahresbeginn etwa 50 Tonnen aus dem staatlichen Bestand abgegeben. Die Verkäufe erfolgten damit nicht nur in einem einzelnen Monat, sondern über mehrere Berichtszeiträume hinweg.
Haushaltsdefizit erreicht 6,4 Billionen Rubel
Parallel dazu hat sich die Lage im russischen Staatshaushalt verschärft. Für den Zeitraum von Januar bis Juli 2026 wird ein Haushaltsdefizit von 6,402 Billionen Rubel genannt. Als Faktoren werden sinkende Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor sowie stark gestiegene staatliche Ausgaben im Zusammenhang mit dem fortgesetzten Krieg gegen die Ukraine angeführt.
Die Goldverkäufe werden in diesem Zusammenhang als Maßnahme zur Deckung des Finanzierungsbedarfs des Staates dargestellt. Neben den Goldreserven nutzt die russische Regierung liquide Mittel aus dem Nationalen Wohlstandsfonds. Diese Mittel waren ursprünglich auch für längerfristige Investitionen und als finanzielle Reserve vorgesehen. Ihre Verwendung für laufende Ausgaben reduziert den verfügbaren Puffer für spätere wirtschaftliche Belastungen.
Nach den vorliegenden Angaben reichen die herkömmlichen Einnahmequellen des Staates nicht mehr aus, um den gestiegenen Ausgaben vollständig zu begegnen. Gleichzeitig erschweren eine straffe Geldpolitik der Zentralbank und hohe Kreditzinsen den Unternehmen die Erwirtschaftung zusätzlicher Gewinne. Dadurch verringern sich auch die Möglichkeiten, über höhere Steuerzahlungen zusätzliche Einnahmen zu erzielen.
Risiken für Rubel und Kaufkraft
Die Finanzierung des Defizits über Reserven und eine mögliche Ausweitung der Geldmenge stehen im Zentrum der wirtschaftlichen Belastungen. Wenn die Geldmenge schneller wächst als das Angebot an Waren und Dienstleistungen, kann dies den Preisdruck verstärken. In den vorliegenden Einschätzungen wird zudem auf das Risiko einer weiteren Schwächung des Rubels verwiesen.
Als mögliche Folge werden steigende Preise für Lebensmittel, Treibstoff, kommunale Dienstleistungen und technische Geräte genannt. Sollten diese Preise schneller steigen als die nominalen Einkommen, würde die reale Kaufkraft der Bevölkerung sinken. Die Angaben beschreiben damit nicht nur eine Veränderung bei den Reserven der Zentralbank, sondern auch eine Belastung für die laufende Finanzierung des russischen Staates und für die wirtschaftliche Lage der Haushalte.
Mit dem Rückgang auf rund 2.277 Tonnen verfügt Russland weiterhin über einen großen Goldbestand. Gleichzeitig ist ein Teil jener Reserve, die in den vergangenen zehn Jahren als Absicherung aufgebaut wurde, im Jahr 2026 zur Finanzierung staatlicher Ausgaben verkauft worden.


