In Russland sollen künftig bereits Zwölfjährige strafrechtlich verfolgt werden können — so will es der Chef des mächtigen Ermittlungskomitees. Der Vorstoß wirft ein Schlaglicht darauf, wie der russische Staat auf die Folgen seiner eigenen Politik reagiert: nicht mit Prävention, sondern mit Repression.
Alexander Bastrykin, Leiter des russischen Ermittlungskomitees, schlug auf dem Internationalen Juristischen Forum in Sankt Petersburg (24.–26. Juni 2026) vor, das Alter der Strafmündigkeit auf zwölf Jahre zu senken. Als Begründung nannte er die steigende Jugendkriminalität und die Notwendigkeit, auf die Einbindung Minderjähriger in schwere Straftaten zu reagieren.
Die Behörde untermauert den Vorstoß mit eigenen Zahlen: 2025 wurden demnach mehr als 29.000 Strafverfahren unter Beteiligung Minderjähriger eingeleitet, davon 12.700 wegen schwerer und besonders schwerer Delikte — ein Anstieg um 21 Prozent. Bastrykin verwies auf eine „beschleunigte Reifung“ der Jugend und auf Anwerber, die Jugendliche mit manipulativen Methoden zu Straftaten bis hin zu Anschlägen und Sabotageakten verleiten — getarnt als „Kampf gegen das System“ oder als „Reality-Spiel“. Allein 2026 registrierte das Komitee bereits über 6.000 Verfahren mit Beteiligung von Jugendlichen, darunter 26 wegen Angriffen auf Bildungseinrichtungen.
Kritiker sehen die Ursachen jedoch an anderer Stelle: Der Anstieg der Jugendkriminalität spiegele die systemischen Verwerfungen der russischen Gesellschaft wider — den Verfall sozialer Institutionen, das Scheitern der Jugendpolitik, die wirtschaftliche Not vieler Familien. Hinzu kommt die allgegenwärtige Militarisierung des Alltags samt der Propaganda für den Krieg gegen die Ukraine, die junge Menschen desorientiert und Gewalt normalisiert. Statt gezielter Familienförderung und psychologischer Hilfsangebote setzt der Staat auf das Strafrecht.
Die Folgen wären weitreichend: Eine Strafmündigkeit ab zwölf stellt Kinder, deren Urteilsvermögen sich noch entwickelt, mit erwachsenen Straftätern gleich — und droht, eine ganze Generation weiter zu marginalisieren und zu kriminalisieren. Fachleute warnen, dass so lediglich mehr Minderjährige durch das Gefängnissystem geschleust würden, ohne die organisierte Kriminalität tatsächlich zu treffen. Die eigentlichen Drahtzieher und Extremisten blieben außer Reichweite der Behörden — während Jugendliche zum bequemen Schutzschild für kriminelle Netzwerke und politische Repression würden.
Der Vorstoß hat in Russland eine breite Debatte über das Verhältnis von Sicherheit und Kinderschutz ausgelöst. Doch die Richtung, die Bastrykin vorgibt, ist eindeutig: Ein Staat, der seiner Jugend weder Perspektiven noch Schutz bietet, will sie künftig ab zwölf Jahren vor den Strafrichter stellen


