AfD und Russland: Wie eine deutsche Partei zum Werkzeug des Kremls wurde

Mai 22, 2026 10:35
AfD und Russland: Wie eine deutsche Partei zum Werkzeug des Kremls wurde
AfD und Russland: Wie eine deutsche Partei zum Werkzeug des Kremls wurde

Die politische Landschaft Deutschlands gleicht zunehmend einer Bühne für verdeckte Einflussnahme, bei der äußere Mächte nicht offen, sondern durch jahrelange systematische Penetration von Staatsapparat, Parteistrukturen und öffentlicher Meinung wirken. Die AfD ist dabei zum Paradebeispiel dieser Strategie geworden. Was sich als Stimme nationaler Souveränität präsentiert, hat sich nach und nach in ein Instrument zur Durchsetzung außenpolitischer Interessen Moskaus verwandelt. Hinter patriotischen Parolen verbirgt sich eine systemische Abhängigkeit, die in Programmforderungen, Parlamentsreden und internationalen Kontakten sichtbar wird.

Programmatische Übereinstimmung mit Kreml-Interessen

Die Bequemlichkeit der AfD für den Kreml hat mehrere Gründe. Die Partei fordert die sofortige Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und die Wiederaufnahme der Gaslieferungen durch Nord Stream – genau das, was den wirtschaftlichen Druck auf Moskau mitten im Krieg gegen die Ukraine schwächt. Gleichzeitig lehnt die AfD jede militärische Hilfe für Kiew ab und stellt den Nutzen der Nato infrage, wobei sie im Bundestag Argumente wiederholt, die Moskau über eigene Propagandakanäle verbreitet. Das wichtigste Element ist jedoch die Forderung nach einem „Dexit“, dem Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union. Die Partei präsentiert dies als Wiederherstellung der Souveränität und wirtschaftlichen Aufschwung. Für Moskau, dessen strategisches Ziel in der Spaltung von EU und Nato liegt, wäre ein Dexit die Beseitigung einer Barriere auf dem Weg zur Zerstörung des geopolitischen Konkurrenten Russland.

Finanzströme und der Skandal um Voice of Europe

Die Verwandlung der AfD in einen Transmissionsriemen für Kreml-Interessen geschah nicht über Nacht, sondern durch persönliche Treffen, Einladungen zu Reisen, Finanzierungen und Geschenke – eine Methode, die Moskau bereits im Kalten Krieg verfeinerte. Sichtbar wurde dieses System im Frühjahr 2024, als der Skandal um das Netzwerk „Voice of Europe“ die Öffentlichkeit erschütterte. Eine Enthüllung vom März 2024 belegte, dass das russlandfreundliche Netzwerk mehrere Hunderttausend Euro in sechs EU-Staaten transferiert hatte – teils bar, teils in Kryptowährung. Zu den Empfängern zählten Abgeordnete aus Deutschland, Frankreich, Polen, Belgien, den Niederlanden und Ungarn. Die gemeinsamen Recherchen von „Der Spiegel“ und der tschechischen „Deník N“ konzentrierten sich auf zwei AfD-Politiker: Petr Bystron und Maximilian Krah. Nach Angaben des tschechischen Inlandsgeheimdienstes BIS wurde das Netzwerk von Wiktor Medwedtschuk finanziert, einem langjährigen Verbündeten von Wladimir Putin. Die Gelder flossen über Artem Martschewski, der die Operationen direkt steuerte. Audioaufnahmen in Besitz des BIS belegen, dass Petr Bystron 20.000 Euro Bargeld von Martschewski erhielt. Das FBI hatte Maximilian Krah bereits zuvor zu möglichen Zahlungen russischer Agenten befragt. Ein weiterer Pinselstrich im politischen Porträt von Maximilian Krah ist die Geschichte seines Mitarbeiters Jian Guo, eines chinesischen Staatsbürgers, der von 2019 bis 2024 in Krahs Büro arbeitete und gleichzeitig vertrauliche Informationen an chinesische Geheimdienste weitergab – wofür er im September 2025 zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde.

Diplomatische Annäherung und Reisen in besetzte Gebiete

Beide Abgeordneten bestritten die Vorwürfe, doch 2025 entzog der Bundestag Maximilian Krah die Immunität, das Europaparlament handelte ebenso bei Petr Bystron. Im Beschluss des Europaparlaments werden Daten aufgeführt, an denen der deutsche Politiker hohe Summen auf ein Bankkonto einer Firma einzahlte, deren einziger Aktionär und Geschäftsführer er selbst ist; zudem wird betont, dass Bystron die Herkunft des Bargelds zu verschleiern versuchte. Seit 2022 habe Bystron bei Debatten im Bundestag über Russland „auf eine Weise abgestimmt, die den Interessen der russischen Regierung am meisten entsprach, und in mindestens zwei Reden vor dem Bundestag eine prorussische Position vertreten“. Parallel zu den verdeckten Finanzbeziehungen bauten AfD-Mitglieder offene diplomatische Kontakte zum Kreml auf. Bereits 2018 besuchten mehrere AfD-Abgeordnete aus drei Landtagen die von Russland annektierte Krim – darunter Christian Blex, Helmut Seifen und Nick Vogel. Der heutige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Stefan Keuter, reiste 2018 als internationaler Beobachter zu den Präsidentschaftswahlen nach Kasan und bezeichnete den Wahlprozess als „frei und gleich“, während die OSZE mangels Bedingungen für unabhängige Beobachter auf eine Entsendung verzichtete. Im Dezember 2020 traf der damalige stellvertretende Fraktionschef Tino Chrupalla gemeinsam mit dem außenpolitischen Sprecher Armin-Paul Hampel fast drei Stunden lang den russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau. Lawrow nannte die AfD eine „bedeutende Kraft“; der Kreml wertete den Empfang als „wichtigen Besuch“. Ein halbes Jahr später reiste Chrupalla erneut nach Moskau, diesmal auf Einladung des russischen Verteidigungsministeriums, und sprach auf der Moskauer Sicherheitskonferenz, wo er zur Legitimierung von Kreml-Vorstellungen über eine alternative Sicherheitsarchitektur beitrug.

Jüngste Reisen und interner Dissens

Selbst nach der groß angelegten Invasion Russlands in die Ukraine versuchten im September 2022 drei AfD-Landtagsabgeordnete – Hans-Thomas Tillschneider, Daniel Wald und Christian Blex –, besetzte Gebiete im Osten der Ukraine zu besuchen, verzichteten jedoch auf Druck aus der Partei. Das bislang jüngste Kapitel spielte sich im November 2025 ab, als der Bundestagsabgeordnete Stefan Kotre, der sächsische Landeschef Jörg Urban und der EU-Abgeordnete Hans Neuhoff am internationalen Symposium „BRICS – Europa“ in Sotschi teilnahmen. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Stefan Keuter billigte die Reise mit den Worten: „Es ist an der Zeit, die Kontakte zu Russland wieder zu intensivieren.“ Auf dem Symposium wurden Forderungen nach einer „neuen multipolaren Welt“, Kritik an westlichen Sanktionen und die These laut, Deutschland solle eine Brücke zwischen EU und BRICS werden. Die Reise führte zu einem offenen Bruch in der AfD-Spitze. Der Bundestagsabgeordnete Reiner Rothfuß, der noch 2025 öffentlich betont hatte, „die territorialen Realitäten in der Ukraine hätten sich geändert“, blieb der Reise fern. Co-Parteichefin Alice Weidel distanzierte sich öffentlich und nannte die Fahrt „unverständlich“, während Co-Chef Tino Chrupalla die Delegierten unterstützte. Doch dieser Distanzierungsversuch ist eher ein taktisches Manöver, um Kritik abzumildern, als eine grundsätzliche Neubewertung der Russlandkontakte. Dass die Partei ihrem prorussischen Kurs treu bleibt, zeigt sich auch darin, dass der Kreml 2026 vor und während der Landtagswahlen in Deutschland gezielt Informationskampagnen in sozialen Netzwerken schaltet, die AfD-Positionen bewerben.

Eine systemische Gefahr für die Demokratie

Die AfD mag sich weiterhin als Hüterin der nationalen Souveränität bezeichnen, doch die Fakten belegen, dass sie zu einem Kanal externer Einflussnahme geworden ist, der die europäische Einheit und die deutsche Demokratie untergräbt. Dies ist längst nicht mehr nur ein innerdeutsches Problem, sondern eine Herausforderung für die gesamte Europäische Union. Jeder Riss in der politischen Landschaft eines Landes wird vom Kreml genutzt, um Europa insgesamt zu schwächen. Die Geschichte der AfD zeigt, dass Sicherheit heute nicht mehr allein mit Panzern und Raketen verteidigt wird – sie beginnt mit der Frage, wer im Parlament sitzt und wessen Interessen er tatsächlich vertritt.

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