Der österreichische Ökonom Gabriel Felbermayr hält die jüngste Zuversicht über die deutsche Wirtschaft für nur vorübergehend. Er führt den besseren Ausblick vor allem auf staatliche Impulse zurück und warnt zugleich, dass Deutschlands Schuldenpolitik die Finanzierungskosten in der Euro-Zone erhöht.
Felbermayr sagte, in Deutschland werde derzeit „sehr viel an Konjunkturstimulus betrieben“: durch Infrastrukturinvestitionen und durch die Bereichsausnahme von der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben. „Das sind positive Impulse, die schlagen sich jetzt nieder“, sagte der Chef des österreichischen Wifo und Mitglied des deutschen Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.
Zusätzlichen Rückenwind sieht er in einer stärkeren Nachfrage aus dem Ausland nach Maschinen und Chemieprodukten aus Deutschland. Dazu zählten auch Effekte des KI-Booms in den USA sowie Lieferstörungen bei chemischen Produkten aus dem Nahen Osten. Felbermayr sagte dazu: „Davon dass sich die Welt wegen der Sperre der Straße von Hormus nicht mehr aus Chemieanlagen im Nahen Osten beliefern lassen kann, profitiert die deutsche Chemieindustrie“.
Im Vergleich zu Österreich sprach Felbermayr von einem gegenteiligen Kurs. „Im Gegensatz zu Österreich, wo ein Sparpaket die Konjunktur dämpft, hat Deutschland genau das Gegenteil: ein großes Anti-Sparpaket“, sagte er. Kurzfristig sei es für die Konjunktur gleich, ob der Staat Brücken baut, Universitäten besser ausstattet oder über Steuerentlastungen Geld in die Wirtschaft gebe.
Die aktuellen Treiber hält Felbermayr aber für nicht dauerhaft. In der deutschen Chemiebranche blieben strukturelle Probleme bestehen, darunter hohe Energiepreise, eine dichte Regulierung und Schwierigkeiten bei der Verkehrsinfrastruktur. Er verwies außerdem darauf, dass Verbraucherausgaben derzeit kein Wachstumstreiber seien und die Unsicherheit seit zwei Jahren anhalte, weil eine Reformagenda nicht in Gang komme.
Die wirtschaftlichen Erwartungen für Deutschland bleiben laut den im Artikel genannten Prognosen dennoch vorerst positiv, fallen aber ab 2028 wieder ab. Für 2026 wird ein Wachstum von 1,4 Prozent erwartet, für 2027 von 1,2 Prozent und ab 2028 von nur noch 0,8 Prozent.
Zur Lage der öffentlichen Finanzen sagte Felbermayr, Deutschlands Fiskalposition sei noch nicht schlecht. Die Schuldenquote liege bei rund 63 Prozent, in Österreich dagegen bei über 80 Prozent. Nach der Prognose des Sachverständigenrats laufe Deutschland aber auf eine Schuldenquote von 90 Prozent zu; ein EU-Defizitverfahren könne dann zum Thema werden, möglicherweise schon 2028.
Gleichzeitig sieht Felbermayr Folgen für die gesamte Euro-Zone. Als Deutschland die Schuldenbremse gelockert habe, seien die Renditen auf Bundesanleihen um 0,4 Prozentpunkte gestiegen. Dadurch sei Schuldaufnahme auch in anderen Euro-Ländern teurer geworden, obwohl diese ihre Schuldenpolitik nicht verändert hätten.
Felbermayr sagte, es sei für die Europäische Union insgesamt von Vorteil, wenn Deutschland wachse. Zugleich gebe es aber Gegenbuchungen. „der Welthandel läuft nach wie vor – aber in Deutschland nicht“, sagte er mit Blick auf eine Weltwirtschaft, die sich aus seiner Sicht insgesamt als widerstandsfähig erwiesen habe.
Der Artikel verweist zudem darauf, dass Felbermayr seit März 2026 Mitglied des deutschen Sachverständigenrats ist. Zuvor leitete er das Kieler Institut für Weltwirtschaft; heute steht er an der Spitze des Wifo. Der Text erschien ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026.


