Von Lucke: Deutschland verliert Rolle als „Hort der Stabilität“

Oktober 5, 2026 16:50
Portrait of Albrecht von Lucke wearing glasses against a light background.

Deutschland ist nach Einschätzung des Publizisten und Politikwissenschafters Albrecht von Lucke in einer Phase ungewöhnlicher politischer Unübersichtlichkeit. In einem Interview spricht er von einer Instabilität, „die wir so aus der Geschichte der Bundesrepublik nicht kennen“.

Von Lucke, Jurist, Politikwissenschafter und Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik, sieht die Entwicklung besonders in den Ländern und in Berlin. Vor allem Sachsen-Anhalt sei davon betroffen; dort könne schon bald erstmals seit 1945 eine rechtsradikale Partei an die Regierung kommen.

Auch Berlin nennt er als mögliches Beispiel für eine Verschiebung im Parteiensystem. Dort könne eine Linkspartei regieren, die sich seiner Darstellung nach stark verändert habe und Probleme habe, sich von Antisemitismus abzugrenzen.

Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnet von Lucke als „hochgradig angeschlagen“. Seine Zustimmung sei in Partei und Öffentlichkeit stark gesunken, sagt er. Die Stabilität der Bundesregierung werde derzeit vor allem dadurch aufrechterhalten, dass in der zweiten Reihe niemand bereit sei, Merz zu ersetzen.

In den kommenden Wochen und Monaten werde sich zeigen, ob Merz die Reformen umsetzen könne, die aus Sicht von Lucke dringend nötig seien. Sollte seine Bilanz nach einer Übergangszeit bis April kommenden Jahres und nach drei Landtagswahlen im Westen schlecht bleiben, könne es zu einem geordneten Übergang kommen; als möglicher Nachfolger nennt er dabei auch Hendrik Wüst.

„Deutschland als klassischer Hort der Stabilität ist ein Stück weit Geschichte“, sagt von Lucke. Die alte Ordnung aus zwei moderaten Regierungsparteien sei vorbei, und der Osten sei dabei die Avantgarde einer Entwicklung, die sich womöglich auch im Westen durchsetze: hin zur Dominanz einer rechtsradikalen Partei.

Als entscheidende Gefahr sieht von Lucke die Rechten. Die AfD sei radikaler, und CDU/CSU seien historisch die zentrale Stabilisierungskraft der Bundesrepublik gewesen. Nach seiner Darstellung würde ein von der AfD umgesetztes Programm die westlich-transatlantische Ausrichtung Deutschlands beenden und das Land in Richtung Neutralität oder Russland verschieben, weg von einer proeuropäischen Tradition.

„Das wäre genau das, was sich Putin, aber auch Trump wünschen“, sagt von Lucke. „Die AfD ist in gewisser Weise das trojanische Pferd der beiden Autokraten.“ Zugleich hält er eine Gegenentwicklung für möglich, falls die AfD in Sachsen-Anhalt regieren müsse und daran scheitere.

Von Lucke verweist in dem Gespräch auch auf Vergleiche mit Österreich, Italien und Frankreich. Das Interview erschien in der Printausgabe von News, Nr. 40/2026.

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