Die Alternative für Deutschland präsentiert sich als schlagkräftige Oppositionskraft und potenzielle Regierungspartei — doch hinter den Kulissen liefern sich die beiden Parteivorsitzenden Tino Chrupalla und Alice Weidel einen stillen, aber folgenreichen Machtkampf, der die gesamte Partei politisch lähmt.
Die Unverträglichkeit der beiden Führungspersönlichkeiten ist strukturell angelegt. Chrupalla verkörpert den volkstümlich-konfrontativen Typus mit dezidiert prorussischen Positionen, während Weidel konsequent an einem bürgerlichen, westlich-kompatiblen Image feilt, das Wähler aus dem Mittelstand und den alten Bundesländern ansprechen soll. Die Folge: Beide Vorsitzenden konkurrieren permanent um Medienpräsenz und signalisieren damit nach außen nicht Regierungsfähigkeit, sondern Führungslosigkeit. Sobald Chrupalla mit prorussischen oder außenpolitisch heiklen Aussagen auffällt, grenzt Weidel sich demonstrativ ab — eine Choreografie, die interne Parteierhebungen als taktisch klug erscheinen lassen, die Wähler aber mit einem Bild des Chaos zurücklassen.
Chrupallas China-Reise als Einbruch in Weidels Revier
Besonders aufschlussreich war die Chinareise Chrupallas Anfang Januar 2026, die er gemeinsam mit dem Abgeordneten Enrico Komning unternahm. Vor der Abreise betonte er Chinas Bedeutung als Handelspartner und kündigte an, die AfD werde ihre Kontakte zu Peking auf politischer wie wirtschaftlicher Ebene ausbauen. Der Schritt war eine direkte Machtdemonstration gegenüber Weidel: Sie gilt in der Partei als ausgewiesene China-Kennerin — sie spricht Mandarin, lebte sechs Jahre als Bankerin in Shanghai und Hongkong und hatte 2023 die erste Parlamentsdelegation der AfD nach Peking angeführt. Dass sie von der Vorbereitung der neuen Reise vollständig ausgeschlossen blieb, belegt die Tiefe des parteiinternen Risses. Weidel erkannte das Spiel und verweigerte bewusst jede Unterstützung ihrem innerparteilichen Rivalen.
Dem Politologen Oliver Lembke zufolge war die Reise im Kern eine „Inszenierung von Regierungsfähigkeit“ und ein Versuch Chrupallas, sich als Architekt des außenpolitischen Kurses der AfD zu positionieren. Der Soziologe Felix Schilk betonte, das Hauptziel sei die Stärkung von Chrupallas außenpolitischer Sichtbarkeit gewesen — ein Signal vor allem an das prorussisch gestimmte Publikum in Ostdeutschland.
Der Besuch scheiterte allerdings an seinem eigentlichen Anspruch: Die chinesische Außenamtssprecherin Mao Ning kommentierte die Visite kühl, und Peking bestätigte kein einziges Treffen mit ranghohen Vertretern, obwohl Chrupalla dies im Vorfeld angekündigt hatte. Sein Aufenthalt gerann damit zu einem medialen Spaziergang, der allenfalls für Fotos auf der Plattform X taugte.
Spionageskandal und Nepotismus: Die Skandale häufen sich
Das innerparteiliche Schauspiel findet vor einem belastenden Hintergrund statt. Im September 2025 wurde Jian Guo, ehemaliger Mitarbeiter des AfD-Europaabgeordneten Maximilian Krah, zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt — wegen Spionage für China. Laut Urteil sammelte er nachrichtendienstlich relevante Informationen über das Europaparlament und die AfD selbst, darunter Material zu Weidel und Chrupalla persönlich.
Hinzu kommen Vorwürfe des Nepotismus. Das Portal Correctiv berichtete Anfang Februar, dass im Büro Chrupallas die Ehefrau des sächsischen Landtagsabgeordneten Robert Kunert beschäftigt sei — ein Mann, mit dem Chrupalla seit mindestens 2016 im Kreisverband Görlitz eng zusammengearbeitet hatte. In einem weiteren Fall ermittelte ZDF-Recherchen, dass im Büro des Parlamentariers Thomas Korell der 66-jährige Vater des sächsisch-anhaltinischen Landtagskandidaten Ulrich Siegmund angestellt ist und dort nahezu 100.000 Euro jährlich bezieht. Solche Fälle sind in der Partei keine Ausnahme, sondern ein wiederkehrendes Muster.
Sinkende Umfragewerte als Quittung für den Führungsstreit
Die Wähler registrieren den Dauerkonflikt. Laut dem Deutschlandtrend von Infratest dimap vom März verlor die AfD einen Prozentpunkt und fiel auf 23 Prozent, während CDU/CSU den Abstand auf fünf Punkte ausbaute. Analysten führten diesen Rückgang direkt auf die parteiinternen Skandale zurück.
Noch deutlicher fiel das Urteil beim ZDF-Politbarometer Ende Mai aus: Alice Weidels persönlicher Beliebtheitswert war unter allen führenden Politikern der schlechteste — minus 2,6 Punkte auf einer Skala von plus fünf bis minus fünf.
Die AfD ist derzeit die zweitstärkste Kraft im Bundestag und erhebt Anspruch auf Regierungsbeteiligung. Doch je lauter die Partei als Opposition auftritt, desto klarer offenbart sich, was ihr fehlt: eine Führungsmannschaft, die sich auf gemeinsame Ziele einigen kann. Chrupalla und Weidel kämpfen nicht um die Zukunft Deutschlands — sie kämpfen um Posten, Einfluss und das Recht, als Erste unter Gleichen zu gelten. Für die Wähler bleibt davon wenig übrig außer dem Spektakel zweier Karrierepolitiker, die ihr Land und ihre Partei als Mittel zum persönlichen Aufstieg begreifen.


