Die serbische Regierung hat einem Neffen des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow die Staatsbürgerschaft verliehen. Jakub Sakrijew, der seit 2023 den russischen Geschäftszweig des ehemaligen Danone-Konzerns leitet, erhielt den Pass per Dekret von Premierminister Đuro Macut. Die Begründung lautet „im Interesse der Republik“, doch welche Interessen genau gemeint sind, bleibt unklar. Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der Serbien seinen Balanceakt zwischen EU-Annäherung und traditioneller Russland-Nähe fortsetzt. Der Schritt wirft Fragen zur Wirksamkeit der EU-Sanktionen auf, denn Sakrijew steht selbst auf den Sanktionslisten der USA und Großbritanniens – und nun besitzt er ein Reisedokument, das visafreie Einreise in über 100 Länder ermöglicht. Das Dekret ist auf der Regierungswebsite veröffentlicht, wie aus einem Dekret der serbischen Regierung hervorgeht.
Ein umstrittener Akt der serbischen Regierung
Jakub Sakrijew ist kein Unbekannter. Der Neffe Kadyrows war zuvor Bürgermeister von Grosny, leitete die Verwaltung des tschetschenischen Regierungschefs und war Landwirtschaftsminister der Republik. Seit der Übernahme der russischen Danone-Aktivitäten durch den Kreml 2023 fungiert er als Generaldirektor der umbenannten Firma „Logika moloka“. Sowohl Sakrijew als auch sein Vater Salman Alisultanow wurden 2023–2024 von den USA und Großbritannien mit Sanktionen belegt. Die serbische Staatsbürgerschaft wurde ihm nun im beschleunigten Verfahren zuerkannt. Serbien vergibt Pässe in Sonderfällen an Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Sport oder Kunst, die sich um das Land verdient gemacht haben. Der Antragsteller muss dafür weder in Serbien wohnen noch seine bisherige Staatsangehörigkeit aufgeben. Mit dem serbischen Pass kann Sakrijew nun visafrei in die EU und viele weitere Staaten reisen – ein Privileg, das russischen Eliten seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine weitgehend verwehrt bleibt.
Warum Serbien russischen Eliten Pässe ausstellt
Belgrad bemüht sich seit Jahren, die Balance zwischen EU-Integration und engen Beziehungen zu Moskau zu halten. Offiziell strebt Serbien den Beitritt zur Europäischen Union an, weigert sich aber konsequent, Sanktionen gegen Russland zu verhängen. Die Ausstellung von Pässen an sanktionierte russische Geschäftsleute wie Sakrijew ist aus dieser Perspektive kein Einzelfall. Seit Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine im Februar 2022 haben mehr als 200 Russen die serbische Staatsbürgerschaft erhalten – viele von ihnen mit Verbindungen zur Kreml-Elite. Dahinter steht oft das Interesse Serbiens an russischen Investitionen und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Kritiker vermuten jedoch auch korrupte Absprachen zwischen serbischen Beamten und russischen Oligarchen. Der Fall Sakrijew könnte ein weiteres Beispiel für solche verdeckten Deals sein, bei denen finanzielle Vorteile für einzelne Politiker oder Regierungsmitglieder im Spiel sind.
Ein Schlupfloch für Sanktionen und hybride Einflussnahme
Mit der serbischen Staatsbürgerschaft erhalten russische Eliten einen „Umgehungskorridor“ in die EU. Der Pass erlaubt nicht nur visafreies Reisen, sondern auch die Nutzung des europäischen Finanzsystems, Geschäftsaktivitäten und Immobilienkäufe. Damit wird die Sanktionspolitik der EU faktisch untergraben. Besonders brisant ist die Verbindung zu Kadyrow: Dessen Umfeld wird mit Menschenrechtsverletzungen und politischen Morden in Verbindung gebracht. Russische Geschäftsstrukturen, die mit Kadyrow oder anderen Sicherheitsorganen verflochten sind, könnten den serbischen Pass für Geldwäsche, Sanktionsumgehung und den Aufbau von Schattennetzwerken nutzen. Diese Netzwerke könnten wiederum für hybride Operationen gegen die EU eingesetzt werden, etwa zur Destabilisierung oder zur illegalen Kapitalverschiebung. Experten sehen darin eine systemische Bedrohung für die europäische Sicherheit, die weit über einen einzelnen Visumfall hinausgeht.
Was die EU jetzt tun müsste
EU-Mitgliedstaaten sollten ihre Reaktion auf Serbiens Praxis der Passvergabe an russische Eliteangehörige besser koordinieren. Bisher fehlt eine gemeinsame Linie. Gefordert wird mehr Transparenz bei den Entscheidungsprozessen der serbischen Regierung – etwa durch Offenlegung der Kriterien, die zu einem „Interesse der Republik“ führen. Eine einheitliche EU-Strategie zur Schließung von „Pass-Schlupflöchern“ könnte Teil eines breiteren Ansatzes gegen russische hybride Instrumente werden. Solange Belgrad jedoch weiterhin sowohl EU-Beitrittskandidat als auch Partner Moskaus bleibt, wird die Ambivalenz Serbiens die Sanktionsarchitektur des Westens fortlaufend unterhöhlen. Der Fall Sakrijew ist ein weiterer Beleg dafür, dass die EU nicht nur die Ukraine militärisch unterstützen, sondern auch ihre eigenen Hintertüren schließen muss.


