Selenskyj warnt vor Teilnahme an Moskauer Parade – Russland ruft erneut zur Flucht aus Kiew auf
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Vertreter mit Russland verbündeter Staaten davor gewarnt, am Samstag an der Weltkriegsparade in Moskau teilzunehmen. Russland rief angesichts eines möglichen Vergeltungsangriffs auf Kiew die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt und ausländische Diplomaten erneut dazu auf, die Stadt zu verlassen.
Das russische Verteidigungsministerium hatte zuvor eine Feuerpause vom 8. bis zum 10. Mai angekündigt und diese später auf die Zeit von Freitag 0.00 Uhr Ortszeit (Donnerstag 23.00 Uhr MESZ) bis zum 10. Mai präzisiert. Ursprünglich war eine Waffenruhe nur für den 8. und 9. Mai vorgesehen, an denen Russland den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland mit einer Militärparade in Moskau begeht. Die Ukraine wirft Moskau vor, die Feuerpause solle vor allem die Parade vor ukrainischen Drohnenangriffen schützen, und hatte stattdessen eine unbefristete Waffenruhe ab dem 6. Mai angeboten, auf die Russland bisher nicht eingegangen ist.
Zum Beginn der einseitig ausgerufenen Waffenruhe herrschte in den meisten Teilen der Ukraine zunächst kein Luftalarm. In Russland meldete die staatliche Nachrichtenagentur TASS kurz nach Mitternacht vorübergehende Einschränkungen aus Sicherheitsgründen am Moskauer Flughafen Wnukowo unter Berufung auf die Luftfahrtbehörde Rosawiazija. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, die russische Luftabwehr habe mehr als 50 Drohnen im Anflug auf die Hauptstadt innerhalb von rund 15 Stunden abgefangen; Rettungskräfte untersuchten Trümmerteile am Boden. Das Verteidigungsministerium in Moskau sprach von 95 abgeschossenen ukrainischen Drohnen über zentralen und südlichen Regionen Russlands.
Selenskyj sagte in seiner abendlichen Videoansprache, einige an Russland angrenzende Staaten hätten angekündigt, Vertreter zur Parade nach Moskau zu entsenden, und nannte dies einen „seltsamen Wunsch“ in diesen Tagen. Er riet von einer Teilnahme ab. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, die Zivilbevölkerung Kiews und Mitarbeiter ausländischer diplomatischer Vertretungen müssten die Stadt „rechtzeitig verlassen“ und drohte im Falle eines ukrainischen Angriffs auf Moskau mit einer Reaktion „mit gleicher Münze“. Im Unterschied zu früheren Jahren sollen in Moskau aus Furcht vor ukrainischen Angriffen keine Panzer oder anderes schweres Gerät aufmarschieren. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, die Sicherheitsdienste bereiteten sich wegen einer „terroristischen Bedrohung“ durch die Ukraine auf die Parade vor, auch mit Blick auf die Sicherheit von Präsident Wladimir Putin, und kündigte zusätzliche Internetblockaden in Moskau an.
Die ukrainische Armee griff in den vergangenen Tagen russische Städte weit hinter der Front mit Drohnen an. Selenskyj bezeichnete diese Angriffe als „spiegelbildliche Reaktion“ auf russische Luftangriffe und sprach von „Langstrecken-Sanktionen“, womit er Drohnenangriffe tief ins russische Hinterland meinte. Das russische Verteidigungsministerium meldete am Donnerstag über Nacht den Abschuss von 347 feindlichen Drohnen in fast allen Regionen West- und Zentralrusslands; diese Zahlen sind nicht unabhängig überprüfbar. Sobjanin berichtete von insgesamt elf Drohnen, die beim Anflug auf die Hauptstadtregion zerstört worden seien. Der Telegramkanal Baza meldete Gebäudeschäden in der Stadt Rschew nordwestlich von Moskau. In Lettland stürzten nahe der russischen Grenze zwei nicht identifizierte Drohnen ab, zeitlich parallel zu den ukrainischen Angriffen.
Das ukrainische Militär gab an, ein russisches Raketenschiff im Kaspischen Meer beschossen zu haben. Getroffen worden sei eine Korvette der Karakurt-Klasse, die Marschflugkörper vom Typ Kalibr abfeuern könne, teilte der Generalstab in Kiew auf Facebook mit. Das Ausmaß der Schäden sei noch unklar; zur Untermauerung veröffentlichte das Militär eine Wärmebildaufnahme des Schiffs, das sich demnach im Hafen der Stadt Kaspijsk in der russischen Teilrepublik Dagestan befand. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Die Ukraine hatte zuletzt mehrfach Angriffe auf russische Kriegsschiffe der Schwarzmeer- und der Ostseeflotte gemeldet. Russland setzt seine Marine, einschließlich Einheiten im Kaspischen Meer, seit mehr als vier Jahren vor allem für Raketen- und Marschflugkörperangriffe auf ukrainische Städte ein, bei denen Kalibr-Lenkwaffen erhebliche Schäden verursachen.
Im Norden der Ukraine kämpfen Forstleute im Gebiet Tschernihiw nahe der russischen Grenze gegen einen großen Waldbrand, der nach Angaben des staatlichen Forstbetriebs Lissy Ukrajiny durch russischen Beschuss ausgelöst wurde und 2.400 Hektar Wald erfasst hat. Das Grenzgebiet bei den Orten Jelyne und Tychonowytschi ist für Förster aus Sicherheitsgründen seit Langem nicht zugänglich. Mit Traktoren werden Schneisen in den Wald geschlagen, um eine Ausbreitung der Flammen zu verhindern. In der Luft seien ständig feindliche Drohnen, gegen die Störsender eingesetzt würden; ein Großteil der Löschtechnik könne dennoch nicht genutzt werden. In diesem Abschnitt der Grenze hat die russische Armee bisher nicht versucht, in die Ukraine vorzudringen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warf Russland mangelnde Friedensbemühungen vor. Die jüngsten Luftangriffe auf die Ukraine zeigten, dass Moskau es nicht ernst meine, wenn von Waffenruhe oder Frieden die Rede sei, erklärte sie im Onlinedienst X.
Einordnung
Mit der einseitig ausgerufenen Feuerpause und den gleichzeitigen Drohnen- und Raketenangriffen verschärft sich der Widerspruch zwischen russischen Ankündigungen und der Lage vor Ort. Die wechselseitigen Angriffe mit unbemannten Flugkörpern weiten den Krieg tief in das jeweilige Hinterland aus und binden zusätzliche Luftabwehr- und Zivilschutzressourcen. Die Warnungen an ausländische Diplomaten und die Einschränkungen in Moskau zeigen, dass beide Hauptstädte mit weiteren Angriffen rund um die Weltkriegsparade rechnen.


