Der Vorsitzende der Partei Futuro Nazionale, Roberto Vannacci, hat am 5. September 2026 bei einem wirtschafts- und politischen Forum im norditalienischen Cernobbio eine weitgehende Rücknahme europäischer Integration gefordert. Er sprach sich gegen den Green Deal, gegen die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Armee und für die Beibehaltung des Einstimmigkeitsprinzips in der Europäischen Union aus. Mehr Zuständigkeiten sollten nach seiner Vorstellung an die Mitgliedstaaten zurückgegeben werden. Die Europäische Union riskiere sonst, „ihre Aktualität zu verlieren“.
Die Rede löste eine scharfe Reaktion des früheren italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti aus. Monti saß neben Vannacci und erklärte, er sehe zwar keine Wiedergeburt einer faschistischen Partei. Zugleich sagte er jedoch, der „hinterhältigste Teil des Faschismus – die Rhetorik und das Narrativ“ – zeige sich bereits in den Äußerungen Vannaccis.
Streit über die europäische Integration
Vannacci verband seine Forderungen mit einer grundsätzlichen Kritik an der politischen Richtung der EU. Besonders der Green Deal steht im Zentrum seiner Ablehnung. Der Parteichef verlangt, die entsprechenden europäischen Vorgaben aufzugeben, und wendet sich gegen eine weitere Vertiefung gemeinsamer europäischer Politik.
Auch die institutionelle Architektur der Union stellte Vannacci infrage. Er trat dafür ein, das Einstimmigkeitsprinzip zu bewahren. Entscheidungen auf europäischer Ebene könnten damit weiterhin von der Zustimmung aller Mitgliedstaaten abhängen. Gleichzeitig forderte er, eine Reihe von Zuständigkeiten wieder den nationalen Regierungen zu übertragen.
Zur europäischen Verteidigungspolitik bezog Vannacci ebenfalls klar Stellung. Eine gemeinsame europäische Armee lehnt er ab. Seine Position richtet sich damit gegen eine stärkere Bündelung verteidigungspolitischer Fähigkeiten innerhalb der EU. Die Forderung steht im Zusammenhang mit seinem allgemeinen Plädoyer für mehr nationale Entscheidungsfreiheit und gegen eine weitere politische Integration.
In den politischen Einschätzungen zu seinem Auftritt wird diese Linie als Rückbau gemeinsamer europäischer Politik beschrieben. Eine Rückkehr von Zuständigkeiten an die Mitgliedstaaten, die Beibehaltung der Einstimmigkeit und der Verzicht auf eine vertiefte Verteidigungsintegration könnten demnach die Fähigkeit der EU einschränken, auf äußere Bedrohungen rasch mit gemeinsamen Entscheidungen zu reagieren. Verwiesen wird dabei auf den fortdauernden russischen Krieg gegen die Ukraine und auf hybride Herausforderungen durch Russland.
Monti warnt vor Identitätspolitik
Monti richtete seine Kritik nicht nur gegen einzelne Forderungen, sondern gegen die politische Sprache, in der sie vorgetragen werden. Er sagte, er sei „entsetzt“ über den Versuch, die Psychologie eines „kleinen Italiens“ wiederherzustellen. Die Bevölkerung werde dabei mit Verweisen auf Identität beruhigt, anstatt mit einer tatsächlichen Verbesserung des Wohlstands.
Der frühere Regierungschef stellte damit einen Gegensatz zwischen identitätspolitischer Ansprache und wirtschaftlicher Entwicklung her. Nach seiner Darstellung liegt das Problem nicht allein in der Forderung nach mehr nationaler Zuständigkeit, sondern auch in einem Narrativ, das gesellschaftliche Erwartungen über Identität und Abgrenzung ordnet. Monti bezeichnete diese rhetorische Entwicklung als den besonders gefährlichen Bestandteil des Faschismus.
Vannacci wies in Cernobbio zudem eine angebliche „Unterordnung“ Italiens unter die europäischen Institutionen zurück. Die Kritik an der EU verbindet sich damit mit einem nationalen Souveränitätsverständnis, das europäische Vorgaben als Einschränkung italienischer Handlungsfreiheit darstellt. Die Forderungen betreffen damit zugleich die Wirtschafts-, Energie- und Verteidigungspolitik der Union.
Die Debatte über den Green Deal wird in diesem Zusammenhang nicht als isolierte Auseinandersetzung über einzelne Klimavorgaben geführt. Vannacci stellt die gemeinsame europäische Politik grundsätzlich infrage und verbindet dies mit der Forderung nach einer Rückverlagerung von Kompetenzen. In den vorliegenden Bewertungen wird darin kein Vorschlag zur Modernisierung der EU-Politik gesehen, sondern ein Ansatz, der bestehende gemeinsame Strukturen zurücknehmen würde.
Zu den von Vannacci angesprochenen Themen gehört auch das Verhältnis zwischen Italien und den europäischen Institutionen. Seine Warnung, die EU könne an Bedeutung verlieren, richtet sich gegen eine weitere Zentralisierung europäischer Entscheidungen. Zugleich bleibt seine Forderung nach Einstimmigkeit aufrecht, obwohl dadurch einzelne Mitgliedstaaten gemeinsame Beschlüsse blockieren könnten.
Der Wortwechsel zwischen Vannacci und Monti in Cernobbio machte die unterschiedlichen Vorstellungen über Italiens Rolle in Europa öffentlich sichtbar. Vannacci plädiert für mehr nationale Kontrolle und gegen eine Ausweitung gemeinsamer Zuständigkeiten. Monti warnt vor der politischen Rhetorik, mit der solche Forderungen begründet werden.
Die Auseinandersetzung reiht sich damit in die italienische Debatte über europäische Zuständigkeiten, wirtschaftliche Vorgaben und die künftige Verteidigungskooperation ein. Eine weitere Stellungnahme oder Entscheidung zu den von Vannacci geforderten Änderungen wurde bei dem Forum nicht bekannt.


