Der politische Wettbewerb in Ungarn verlagert sich zunehmend in digitale Räume. Neben traditionellen Wahlkampfformen wie öffentlichen Veranstaltungen oder Fernsehdebatten spielen soziale Netzwerke eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung von Wählern und der Verbreitung politischer Botschaften. Gleichzeitig wächst die Sorge über organisierte Netzwerke künstlicher Konten, die politische Inhalte gezielt verstärken könnten.
Untersuchungen ungarischer Investigativjournalisten weisen darauf hin, dass eine umfangreiche Infrastruktur von Facebook-Seiten existieren könnte, die koordiniert agieren und Inhalte verbreiten, die mit der Regierungspartei Fidesz verbunden sind. Beobachter sehen darin ein Beispiel dafür, wie digitale Plattformen zunehmend zum strategischen Instrument politischer Kommunikation werden.
Analysen legen nahe, dass solche Netzwerke nicht unbedingt darauf abzielen, eigenständige Inhalte zu produzieren. Vielmehr könnten sie die Sichtbarkeit bestimmter politischer Botschaften erhöhen und damit indirekt die öffentliche Debatte beeinflussen.
Analyse identifiziert Netzwerk aus mehr als tausend Facebook-Seiten
Nach Auswertung öffentlich zugänglicher Daten identifizierten Forscher bislang 1198 Facebook-Seiten mit auffällig ähnlichen Eigenschaften. Experten gehen davon aus, dass diese Zahl möglicherweise nur einen Teil einer größeren Infrastruktur darstellt.
Ein charakteristisches Merkmal des Netzwerks ist, dass die Konten überwiegend als Facebook-Seiten und nicht als persönliche Profile angelegt wurden. Während Nutzerprofile laut Plattformregeln grundsätzlich auf eine Person beschränkt sind, lassen sich Seiten nahezu unbegrenzt erstellen und von mehreren Administratoren gleichzeitig verwalten.
Diese Struktur bietet zusätzliche Funktionen wie Statistik-Tools, Werbemöglichkeiten und zentrale Steuerung mehrerer Konten. Dadurch eignen sich Seiten besonders für groß angelegte digitale Kommunikationsstrategien.
Synchronisierte Aktivitäten und ungewöhnliche Entstehungsmuster
Die Analyse der Aktivitätsmuster zeigt mehrere Hinweise auf koordinierte Abläufe. Ein erster auffälliger Faktor ist der Zeitpunkt der Erstellung: Nahezu alle identifizierten Seiten entstanden innerhalb eines kurzen Zeitraums zwischen Mitte Dezember und Mitte Februar.
Darüber hinaus enthalten die meisten Profile nur minimale Inhalte. Häufig beschränken sich die Seiten auf ein Profilbild, eine Hintergrundgrafik sowie ein oder zwei kurze Beiträge. Einige der verwendeten Fotos wirken nach Einschätzung von Experten wie computergenerierte Bilder, während die Beschreibungen häufig stark standardisiert erscheinen.
Auffällig ist außerdem, dass die Seiten nur selten echte Abonnenten besitzen. Stattdessen interagieren sie hauptsächlich untereinander, folgen denselben Konten und reagieren häufig zeitgleich auf identische Beiträge.
Politische Knotenpunkte innerhalb des Netzwerks
Die Untersuchung zeigt, dass sich ein Großteil der Aktivitäten auf einige zentrale Profile konzentriert. Dazu gehört eine Facebook-Seite mit dem Namen „Hajrá, Magyarország“, die mit einer Stiftung verbunden ist, die sich mit der Geschichte und Gesellschaft Mittel- und Osteuropas beschäftigt. Geleitet wird die Organisation von der Historikerin Mária Schmidt, die als politisch einflussreiche Persönlichkeit in Ungarn gilt.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Profil des Fidesz-Politikers Márk Kocsondi, einem Kommunalpolitiker aus dem Budapester XXII. Bezirk und Kandidaten bei kommenden Wahlen. Nach den vorliegenden Analysen folgt ein Großteil der identifizierten Seiten seinem Profil und reagiert regelmäßig auf dessen Beiträge.
Auch eine Seite mit der Bezeichnung „Asszú István-ketes“ nimmt eine besondere Rolle ein. Sie folgt einer großen Zahl der identifizierten Konten und erscheint bei vielen von ihnen als einer der wenigen sichtbaren Follower.
Mechanismen künstlicher Reichweitensteigerung
Die Funktionsweise solcher Netzwerke ist vergleichsweise einfach. Die meisten Seiten veröffentlichen kaum eigene Inhalte, reagieren jedoch massenhaft auf Beiträge bestimmter politischer Akteure. Durch diese Reaktionen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Plattformalgorithmen die betreffenden Beiträge häufiger anzeigen.
In sozialen Netzwerken gilt eine hohe Interaktionsrate als Signal für Relevanz. Entsprechend können künstlich erzeugte Reaktionen dazu führen, dass Beiträge auch bei realen Nutzern größere Reichweiten erzielen.
Kommentare treten in diesem System seltener auf als einfache Reaktionen wie „Gefällt mir“. Experten vermuten, dass dadurch der Eindruck natürlicher Aktivität gewahrt werden soll.
Internationale Dimension der Debatte
Die Entdeckung des Netzwerks wirft auch Fragen nach möglichen internationalen Einflussversuchen auf. Einige Berichte verweisen darauf, dass vor den ungarischen Parlamentswahlen 2026 Spezialisten für Informationsoperationen nach Budapest entsandt worden sein könnten.
Oppositionspolitiker äußerten zudem die Vermutung, dass Vertreter russischer Militärstrukturen unter diplomatischem Schutz an entsprechenden Aktivitäten beteiligt sein könnten. Offizielle Bestätigungen für solche Vorwürfe liegen jedoch nicht vor.
Der Fall verdeutlicht, wie stark sich politische Kommunikation verändert hat. Digitale Plattformen sind zu einem zentralen Schauplatz politischer Auseinandersetzungen geworden. Für demokratische Systeme in Europa stellt sich damit zunehmend die Frage, wie Transparenz und Glaubwürdigkeit öffentlicher Debatten in einem Umfeld gesichert werden können, in dem künstlich erzeugte Online-Unterstützung immer schwerer zu erkennen ist.


