Turin 2006: Dopingaffäre erschüttert österreichischen Skisport

Jänner 5, 2026 07:17
Turin 2006: Dopingaffäre erschüttert österreichischen Skisport

Turin 2006: Der Dopingskandal, der den ÖSV erschütterte

TURIN. Mit neun Goldmedaillen und insgesamt 23 Medaillen sind die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin die erfolgreichsten für Österreich. Dennoch wurde der sportliche Erfolg durch einen massiven Dopingskandal überschattet. Darüber berichtet Welt Stimme.

Am Abend des 18. Februar 2006 triumphierte Thomas Morgenstern auf der Großschanze, während Carabinieri in den Unterkünften der österreichischen Biathleten und Skilangläufer eine Doping-Razzia durchführten. Diese Ereignisse jähren sich nun zum 20. Mal. Polizeiautos mit Blaulicht trafen kurz nach 19 Uhr in den Quartieren der heimischen Langläufer in Pragelato und der Biathleten in San Sicario ein. Rund 30 Carabinieri einer Anti-Drogen-Einheit führten die Razzia aufgrund eines Hinweises der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) durch, geleitet von dem Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello.

Die Durchsuchungen stützten sich auf ein strenges Anti-Doping-Gesetz in Italien, das seit 2000 Doping als Straftat wertete. Sportler konnten bis zu drei Jahre Haft, Hintermänner bis zu sechs Jahre erwarten. Auslöser für die Razzia war die Suche nach Walter Mayer, einem Trainer, der zuvor bei den „Blutbeutelaffären“ in Salt Lake City in den Fokus geraten war und bis 2010 von Olympia ausgeschlossen war. Trotz seiner Sperre reiste er privat nach Turin.

Um 22:30 Uhr, drei Stunden nach Beginn der Razzia, informierte der Biathlon-Cheftrainer Alfred Eder die APA über die Geschehnisse. Vier Langläufer und sechs Biathleten des ÖSV wurden zu Dopingtests nach Sestriere gebracht, die negativ ausfielen, jedoch belastende Gegenstände wie Blutbeutel gefunden wurden. Die Ermittlungen wurden daraufhin fortgesetzt.

Auf der Suche nach Mayer

Die nächtliche Polizeiaktion dauerte bis in die frühen Morgenstunden und sorgte für eine turbulente Entwicklung der Ereignisse. Noch in der Nacht reisten die ersten österreichischen Athleten ab. Mayer wurde anschließend in Kärnten entdeckt und nach einem Fluchtversuch in Gewahrsam genommen, während im Nebenquartier eine weitere Razzia durchgeführt wurde.

Legendäre Pressekonferenz

Der Skandal zog weite Kreise. Auch der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel äußerte sich und bezeichnete Mayers Anwesenheit als „empörend“. Er betonte: „Wer dopt, fliegt!“ Während einer Pressekonferenz, die vom ÖSV-Präsidenten Peter Schröcksnadel abgehalten wurde, fiel der denkwürdige Satz: „Austria is a too small country to make good doping“, was angesichts der mehr als 200 anwesenden internationalen Journalisten für Aufsehen sorgte.

In der Folge wurden Sanktionen verhängt. Im April 2007 sperrte das IOC fünf österreichische Sportler lebenslang für die Olympischen Spiele, während die Ski- und Biathlon-Weltverbände weitere jahrelange Sperren verhängten.

Prozess in Susa

Die strafrechtliche Aufarbeitung in Italien zog sich über Jahre: Erst im Oktober 2009 begann in Susa der Prozess gegen zehn Funktionäre, Trainer und Athleten des ÖSV wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Gesetze. Dieser Prozess erstreckte sich über drei Jahre und endete im Juli 2012 mit Freisprüchen für größtenteils entscheidende Akteure sowie bedingten Verurteilungen für einen früheren Trainer und zwei Biathleten.

In Österreich führte der Skandal zu weiteren Ermittlungen, die das Humanplasma-Institut involvierten, wo zwischen 2003 und 2006 rund 30 Sportler aus dem In- und Ausland bei Blutdoping erwischt wurden.

Nachwirkungen abseits der Gerichte

Die Nachwirkungen des Skandals beschränkten sich nicht nur auf rechtliche Konsequenzen. Innerhalb der Organisationen führte die Affäre zu Spannungen zwischen ÖSV-Präsident Schröcksnadel und ÖOC-Generalsekretär Heinz Jungwirth, zwei der einflussreichsten Persönlichkeiten im österreichischen Sport. Forderungen nach einem eigenen Anti-Doping-Gesetz wurden laut, was 2007 zur einstimmigen Verabschiedung im Nationalrat führte. Im Zuge dessen wurde auch die Gründung einer nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) beschlossen, die seit 1. Juli 2008 für die Durchführung von Dopingkontrollen zuständig ist.

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