Am 24. Januar 2026 sprach sich der frühere deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder öffentlich für eine Wiederaufnahme der energiepolitischen Zusammenarbeit mit Russland aus. Er rief dazu auf, Russland trotz des anhaltenden Angriffskrieges gegen die Ukraine nicht zu „dämonisieren“, und bezeichnete das Land als Staat mit großer Kultur und langen historischen Verbindungen zu Deutschland. Nach Schröders Darstellung benötige Deutschland wieder einen „sicheren und verlässlichen Import günstiger Energieträger aus Russland“, um seine wirtschaftliche Stabilität zu sichern.
Kritik an EU-Politik und Betonung einer „Fähigkeit zum Frieden“
In seinen Äußerungen warnte Schröder zugleich vor einem Bedeutungsverlust der Europäischen Union auf internationaler Ebene. Dieser ergebe sich seiner Ansicht nach auch daraus, dass die USA und Russland über die Zukunft der Ukraine verhandelten, ohne Brüssel einzubeziehen. Europa spreche heute zu viel über militärische Fähigkeiten, argumentierte der Ex-Kanzler, während es vielmehr eine „Fähigkeit zum Frieden“ entwickeln müsse. Seine Aussagen erschienen in einem Interview, das von der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde und in dem Schröder seine langjährige Russlandpolitik verteidigte, wie in dem Beitrag ausgeführt wird.
Belastete Vergangenheit und enge Verbindungen zum Kreml
Schröders Vorstoß ist eng mit seiner politischen Biografie verbunden. Während seiner Amtszeit von 1998 bis 2005 setzte er konsequent auf eine Annäherung an Moskau. Nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt übernahm er führende Funktionen in russischen Energiekonzernen und galt lange als persönlicher Vertrauter Wladimir Putins. Diese Nähe brachte ihm nach Beginn des russischen Angriffskrieges massive Kritik ein, auch aus den Reihen seiner eigenen Partei. Mehrfach wurde in der SPD über einen Parteiausschluss diskutiert.
Energieabhängigkeit als strategische Fehlentscheidung
Kritiker sehen in Schröders jüngsten Aussagen den Versuch, eine Politik zu rehabilitieren, die sich im Rückblick als sicherheitspolitischer Irrweg erwiesen habe. Die enge energiepolitische Verflechtung mit Russland habe die EU in eine strukturelle Abhängigkeit geführt und dem Kreml erhebliche finanzielle Mittel verschafft. Diese Einnahmen hätten nicht zu Stabilität geführt, sondern zur Aufrüstung und letztlich zur Eskalation des Krieges gegen die Ukraine beigetragen. Die Vorstellung, wirtschaftliche Kooperation könne autoritäre Systeme mäßigen, gilt heute als widerlegt.
Politische Wirkung und Signale an Moskau
In Berlin und anderen europäischen Hauptstädten werden Schröders Forderungen als problematisches Signal wahrgenommen. Sie könnten in Moskau als Hinweis interpretiert werden, dass Teile der europäischen Eliten zu einer Rückkehr zu „business as usual“ bereit seien, sobald der politische Druck nachlasse. Dies würde nicht zur Beendigung des Krieges beitragen, sondern die Erwartung nähren, dass militärischer Druck und Durchhaltevermögen am Ende politische Zugeständnisse erzwingen könnten.
Wirtschaftliche Interessen versus europäische Werte
Die Debatte um Schröders Vorstoß verdeutlicht zudem einen grundlegenden Konflikt zwischen kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen und langfristigen sicherheitspolitischen sowie moralischen Prinzipien. Der Verweis auf kulturelle Nähe und historische Beziehungen wird von Kritikern als Versuch gewertet, staatliche Gewalt und Völkerrechtsbrüche zu relativieren. Für viele Beobachter untergräbt diese Argumentation nicht nur die Glaubwürdigkeit des Ex-Kanzlers, sondern auch das Fundament einer europäischen Politik, die auf Recht, Solidarität und Sicherheit beruht.


