IV-Konjunkturbarometer: Österreichs Industrie in tiefer Stagnation und inflationären Herausforderungen

Oktober 21, 2025 22:02
IV-Konjunkturbarometer: Österreichs Industrie in tiefer Stagnation und inflationären Herausforderungen

Die österreichische Industrie befindet sich laut dem aktuellen IV-Konjunkturbarometer weiterhin in einer tiefen Krise. Hoffnung auf Erholung schwindet, während geopolitische Spannungen, sinkende Aufträge und schwache Ertragsaussichten die Situation weiter verschärfen. Die Industriellenvereinigung fordert dringend Strukturreformen, eine Ausgabenbremse und eine Senkung der Staatsquote, um den Standort Österreich wettbewerbsfähig zu machen. Darüber berichtet Welt Stimme.

Die Industrie steckt in einem gravierenden wirtschaftlichen Stillstand, geprägt von einer anhaltenden Rezession und hartnäckiger Inflation. Nach einer kurzen Stabilisierung zeigt das IV-Konjunkturbarometer nun wieder deutlich negative Tendenzen. Die Situation hat sich zu einer Phase der prolongierten Stagnation verschärft, was als Stagflation bezeichnet wird.

381 Unternehmen mit etwa 263.000 Beschäftigten haben an der Erhebung teilgenommen. Die Ergebnisse beruhen auf einem beschäftigungsgewichteten Saldo, der positive und negative Antworten berücksichtigt, neutral bewertete Angaben werden nicht erfasst.

„Viele glauben, dass nach Jahren der Rezession endlich Besserung eintritt, aber die Realität sieht anders aus“, warnt IV-Generalsekretär Christoph Neumayer. Die steigenden Kosten und das Fehlen politischer Impulse halten die Industrie in einem Zustand des Stillstands.

Negativer Trend beim IV-Konjunkturbarometer

Der zentrale Stimmungsindikator der IV ist von plus eins auf minus 5,7 Punkte gefallen, was einer markanten Verschlechterung entspricht. Besonders besorgniserregend ist der Einbruch sowohl bei der aktuellen Lageeinschätzung (minus sechs auf minus acht Punkte) als auch bei den Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate (plus acht auf minus drei Punkte). Dies deutet darauf hin, dass die Industrie ihre Hoffnungen auf eine baldige Erholung weitgehend aufgegeben hat.

„Was wir derzeit beobachten, ist keine Stabilisierung, sondern ein Stillstand unter verschärften Bedingungen. Die Industrie steht auf der Bremse – das ist ein klassisches Stagflationsmuster“, so IV-Chefökonom Christian Helmenstein.

Internationale Herausforderungen

Die geopolitische Lage verschärft die Herausforderungen. Der Zollkonflikt zwischen der EU und den USA schafft ein asymmetrisches Handelsumfeld, das europäische Exporteure benachteiligt. Gleichzeitig hat die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar um etwa acht Prozent binnen eines Jahres die preisliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer Waren stark verschlechtert.

Zusätzlich drängen Waren aus Asien verstärkt auf den europäischen Markt, was durch die handelspolitischen Spannungen zwischen den USA und China bedingt ist. Diese Entwicklungen setzen die österreichische Exportwirtschaft unter erheblichen Druck.

Rückgang bei Aufträgen

Der Saldo der Gesamtauftragsbestände ist um neun Punkte auf minus fünf Punkte gefallen, was den Rückgang auf das Niveau vom Jahresbeginn bedeutet. Besonders alarmierend ist der Rückgang bei den Auslandsaufträgen, die um elf Punkte auf minus drei Punkte sinken. Dies führt zu einem weiteren Verlust internationaler Marktanteile und einer Abkopplung von globalen Wachstumsimpulsen.

Trotz kurzfristig stabiler Produktionserwartungen sind keine substantiellen Produktionsausweitungen in Sicht. Die IV rechnet frühestens 2026 mit einer konjunkturellen Erholung, die bestenfalls durch erhöhte Investitionen im Wohnbau und im deutschen Infrastrukturbereich unterstützt wird.

Die Beschäftigungsaussichten bleiben düster: Der Beschäftigungssaldo stagnierte bei minus 20 Punkten, was einen andauernden Stellenabbau signalisiert. Lediglich zwölf Prozent der Unternehmen planen Neueinstellungen, während rund ein Drittel mit weiterem Personalabbau rechnet.

Erträge im Keller

Trotz anhaltenden Kostendrucks sehen 89 Prozent der Unternehmen keine Möglichkeit, ihre Verkaufspreise zu erhöhen. Der Saldo der Verkaufspreise bleibt mit minus zwei Punkten weiterhin im negativen Bereich. Auch die Ertragslage ist angespannt: Der aktuelle Ertragssaldo liegt bei minus 25 Punkten, während die Ertragserwartungen für die nächsten sechs Monate mit minus zwei Punkten unter der Nulllinie bleiben.

Standortprobleme bleiben ungelöst

Die Industriellenvereinigung benennt vier strukturelle Hauptprobleme, die den Industriestandort Österreich belasten:

  • Hohe Energiekosten
  • Steuer- und Abgabenlast
  • Überbordende Bürokratie
  • Ungünstige Lohnstückkostendynamik

Der Fachkräftemangel könnte vor allem bei einer zukünftigen Erholung erheblich spürbar werden. Besonders kritisch ist die stagnierende Produktivitätsentwicklung, die ohne Wachstum nachhaltigen Wohlstand in Frage stellt.

Appell an die Politik

Die IV fordert erneut mutige Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität des Standorts wiederherzustellen. Eine Ausgabenbremse sowie eine Staatsquote unter 50 Prozent gelten als zentrale Schritte, um neues Vertrauen bei Unternehmen und Investoren zu schaffen. „Ohne politische Initiative und strukturelle Reformen bleibt jeder Aufschwung eine Illusion“, fasst Neumayer zusammen.

Kommentar hinzufügen

Your email address will not be published.

Tourismusregion Hall-Wattens verzeichnet starkes Wachstum bei Besuchern und Übernachtungen
Vorheriger artikel

Tourismusregion Hall-Wattens verzeichnet starkes Wachstum bei Besuchern und Übernachtungen

Steirische Industrie bleibt im Konjunkturtief: Ausblick bleibt pessimistisch
Nächster artikel

Steirische Industrie bleibt im Konjunkturtief: Ausblick bleibt pessimistisch

Nicht verpassen