Zwei Jungunternehmer aus Katsdorf haben eine bedeutende Marktlücke im IT-Bereich aufgedeckt. Ihr europaweit einzigartiges Startup generiert hochwertige Daten, die für Anwendungen in der Künstlichen Intelligenz unentbehrlich sind. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor sind besondere Mitarbeiter. Vier Autisten ermöglichen Lösungsansätze, an denen viele konventionelle Arbeitskräfte scheitern würden.
Darüber berichtet Welt Stimme.
Künstliche Intelligenz erfordert präzise Daten
KATSDORF, HAGENBERG, LINZ. Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist nur so effektiv, wie sie entsprechend vorbereitet wird. Um die Bilderkennung für den Einsatz in Verkehrsleitsystemen, Sicherheits- oder medizinischen Anwendungen zu optimieren, müssen reale Menschen zunächst zehntausende Bilder von relevanten Objekten strukturiert zusammentragen. Diese müssen aus allen Perspektiven in den unterschiedlichsten Alltagssituationen erfasst werden – sei es als Vollbild oder in kleinsten Ausschnitten. Die KI muss schließlich in der Lage sein, basierend auf diesen Daten sicher zu erkennen, eindeutig zu klassifizieren und gemäß definierter Kriterien zuzuordnen.
Ein hohes Maß an Qualitätsanforderungen
Der gesamte Prozess der Datengewinnung wird im Fachjargon als „Annotation“ bezeichnet. Er ähnelt dem Lernen eines Kindes: Je früher und effektiver die KI ihre grundlegenden Kompetenzen erlernt, desto besser kann sie diese zukünftig anwenden. Dies stellt eine immense Herausforderung für die ‚Lehrer‘ dar. Andreas Schachl und Hans-Peter Kranewitter, Geschäftsführer des neu gegründeten Startups „Responsible Annotation Services GmbH“ (RAS) mit Sitz an der JKU Linz, bestätigen: „Einen KI-System mit Fähigkeiten auszustatten, ist für normale Menschen eine enorme körperliche und intellektuelle Belastung.“
„Einem KI-System seine Fähigkeiten anzutrainieren, ist für normale Menschen Stress pur. Unsere vier Kollegen motiviert diese Challenge hingegen!“
(Hans-Peter Kranewitter, RAS-Gründer und CEO/CSO)
Im Gegensatz dazu denken Menschen nicht wie Computer, sondern komplexer; sie bringen Gefühle, Fantasie und individuelle Wahrnehmung mit. Diese speziellen Fähigkeiten sind entscheidend beim Markieren von zehntausenden Bildern nach strengen Vorgaben. „Dies schafft niemand über längere Zeit, außer es handelt sich um ganz besondere Menschen“, so Kranewitter weiter.
Neurodiversität als Erfolgsfaktor
Die vier Mitarbeiter, drei Männer und eine Frau im Alter zwischen 21 und 35 Jahren, wirken auf den ersten Blick wie normale IT-Mitarbeiter. Doch dieses „neurodiverse“ Quartet bringt begehrte technische Fähigkeiten mit. Schachl erklärt: „Menschen mit dieser Diagnose haben oft herausragende Fähigkeiten, die für die Annotation besonders wertvoll sind. Sie zeigen eine hohe Detailgenauigkeit und Ausdauer bei gleichzeitig extrem nüchterner und strukturierter Herangehensweise.“ Er betont, dass diese Mitarbeiter in einem stabilen Umfeld arbeiten können und von Stress belastende, alltägliche Bürobedingungen entlastet sind.
Ein wachstumsstarkes Geschäftsmodell
In der gegenwärtigen Marktsituation benötigen viele Unternehmen dringend qualitativ hochwertige Daten wie die von RAS, um KI-basierte Lösungen zu entwickeln. Oft scheuen Firmen den Aufwand für den Aufbau eigener Teams, da das spezielle Know-how im Umgang mit Menschen aus dem Autismusspektrum fehlt. Das Auslagern dieser Aufgaben in Länder mit niedrigeren Löhnen führt häufig zu schlechten Ergebnissen. Schachl stellt klar: „Bis zu 80 Prozent Ausschuss und nicht vorhersehbare Fehlerquellen führen dazu, dass das Aussieben weniger nutzbarer Daten teurer ist als die Top-Qualität, die unsere Spezialisten generieren.“
Vorbildliche Arbeitsbedingungen
Das Startup hat sich auf hochwertige Datenannotation spezialisiert und bietet dabei vorbildliche Arbeitsplätze mit marktgerechten Gehältern. Menschen mit Beeinträchtigungen im Autismus-Spektrum finden hier neue berufliche Perspektiven. Die beiden Gründer betonen, dass sie sich als sozial verantwortliches, gewinnorientiertes Unternehmen verstehen, nicht als reines Sozialprojekt.
„Wir sind ein sozial handelndes Unternehmen, aber kein Sozialprojekt. Besondere Menschen erbringen für uns besondere Leistungen zu IT-Marktbedingungen. Win-Win für beide Seiten.“
(Andreas Schachl, RAS-Gründer und CEO/COO)
„Die vier Kollegen bekommen ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Arbeitsumfeld und attraktive Gehälter; auf höchstem EU-Standard, ohne ethisch bedenkliche Praktiken. Im Gegenzug erhalten wir von ihnen Leistungen, die 99% vergleichbarer Mitarbeiter nicht erbringen können“, resümiert Schachl.
Entstehungsgeschichte von RAS
Die Gründung von RAS geht auf ein kleines Projekt bei Kapsch TrafficCom, einem High-Tech Unternehmen im Bereich Maut- und Verkehrsmanagement in Wien, zurück. 2019 unternahm man dort erste Gehversuche mit einem inklusiven Annotationsteam. Schachl wurde durch bestehende Kontakte auf das Projekt aufmerksam, was zur Gründung des Vereins „Responsible Annotation“ im Jahr 2022 führte. Die „Responsible Annotation Services GmbH“ wurde schließlich Anfang 2025 als profitables Unternehmen gegründet und hat bereits nach kurzer Zeit Erfolge erzielt.


