Ukrainische Atomkraft soll Europas Stromversorgung und Industrie unterstützen

August 4, 2026 11:50
Ukrainische Atomkraft soll Europas Stromversorgung und Industrie unterstützen
Ukrainische Atomkraft soll Europas Stromversorgung und Industrie unterstützen

Die Ukraine könnte nach der Modernisierung bestehender Atomkraftwerke und der Fertigstellung der Blöcke 3 und 4 des Kernkraftwerks Chmelnyzkyj zusätzliche stabile, CO₂-arme Strommengen in das europäische Netz einspeisen. Nach den vorgelegten Berechnungen würden die beiden Reaktorblöcke rund 2.200 Megawatt installierte Leistung und etwa 15 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr bereitstellen. Ein Teil davon wäre für den Wiederaufbau und den künftigen Eigenbedarf der Ukraine erforderlich. Bei einem ausreichenden nationalen Stromüberschuss könnten jedoch größere Mengen langfristig in Länder Mittel- und Osteuropas exportiert werden.

Für europäische Abnehmer läge der mögliche Vorteil nicht nur in der zusätzlichen Strommenge. Ukrainische Atomkraftwerke haben einen vergleichsweise geringen Brennstoffanteil an den Erzeugungskosten und sind damit weniger unmittelbar von kurzfristigen Schwankungen bei den Weltmarktpreisen für Erdgas und Kohle abhängig. Langfristige Lieferverträge mit industriellen Verbrauchern könnten dadurch eine besser vorhersehbare Kostenstruktur ermöglichen.

Strom für Industrie und regionale Märkte

Eine größere Verfügbarkeit stabiler ukrainischer Stromerzeugung könnte nach den Thesen den Preisdruck auf den Märkten in Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien verringern. Die konkrete Wirkung würde von den importierten Mengen und der verfügbaren grenzüberschreitenden Netzkapazität abhängen. Zusätzlicher Wettbewerb könnte insbesondere in Stunden mit hoher Nachfrage oder teurer gasbasierter Stromproduktion die Großhandelspreise begrenzen.

Für energieintensive Industrien ist die Planbarkeit der Stromkosten ein wesentlicher Faktor. In Polen betrifft das unter anderem die Metallurgie, die chemische Industrie, die Düngemittelproduktion und die Zementindustrie. Diese Branchen sind hohen Stromkosten und einer erheblichen Abhängigkeit von kohlebasierten Kraftwerken ausgesetzt. Ukrainischer Atomstrom könnte den Energieanteil an den Produktionskosten senken und die Abhängigkeit von Kohle-, Gas- und CO₂-Preisen verringern.

Auch in der Slowakei haben große Unternehmen wie Slovalco und U. S. Steel Košice bereits mit Einschränkungen oder der Einstellung von Teilen ihrer Produktion im Zusammenhang mit hohen Energie- und anderen Produktionskosten zu kämpfen gehabt. Mehrjährige Verträge über die Lieferung ukrainischer Atomenergie könnten die Kalkulation dieser Unternehmen berechenbarer machen. Damit würden sich zugleich günstigere Bedingungen für den Erhalt oder die Wiederaufnahme energieintensiver Produktion ergeben. Eine konkrete Wirkung wäre allerdings von den Vertragsbedingungen, den Netzen und der tatsächlichen Verfügbarkeit des Stroms abhängig.

Die vorgelegten Berechnungen setzen den möglichen Export von rund 15 Milliarden Kilowattstunden ukrainischer Atomenergie pro Jahr in Beziehung zur fossilen Stromerzeugung in den Nachbarstaaten. Bei einer Verdrängung von Kohlekraftwerken könnte diese Strommenge ungefähr 5 bis 8 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr ersetzen. Für moderne Gaskraftwerke werden für die Erzeugung von einer Milliarde Kilowattstunden etwa 170 bis 210 Millionen Kubikmeter Erdgas veranschlagt. Jede zusätzliche Milliarde Kilowattstunden Atomstrom, die tatsächlich gasbasierte Erzeugung ersetzt, würde den Brennstoffbedarf entsprechend reduzieren.

Versorgungssicherheit und Systemleistungen

Die ukrainische Atomstromerzeugung könnte auch in Zeiten relevant sein, in denen Wind- und Solarenergie nur begrenzt zur Verfügung stehen. Längere Perioden mit schwachem Wind, dichter Bewölkung oder hoher winterlicher Nachfrage erhöhen den Bedarf an steuerbarer Erzeugung und Stromimporten in den mittel- und osteuropäischen Netzen. Atomkraftwerke liefern ihren Strom unabhängig von kurzfristigen Wetterbedingungen.

Als besonders relevant wird in den Thesen Ungarn genannt, das seit Jahren zu den bedeutenden Nettoimporteuren von Elektrizität zählt. Zusätzliche ukrainische Erzeugung könnte dort einen Teil des Bedarfs während Wartungen im Kernkraftwerk Paks, bei hoher Nachfrage oder bei geringerer Solarstromproduktion decken. Genannt werden dafür die Verbindungen zwischen den ukrainischen und ungarischen sowie den ukrainischen und slowakischen Netzen.

Der mögliche Nutzen beschränkt sich dabei nicht auf zusätzliche Kilowattstunden. Synchrone Turbogeneratoren ukrainischer Kernkraftwerke können physikalische Trägheit, Frequenzhaltung und weitere Systemdienstleistungen bereitstellen. Diese Funktionen gewinnen an Bedeutung, wenn der Anteil wetterabhängiger Wind- und Solaranlagen steigt. In diesem Modell würde ukrainische Atomkraft die erneuerbare Stromerzeugung nicht ersetzen, sondern durch eine kontinuierliche Erzeugung und zusätzliche Systemstabilität ergänzen.

Eine stabile Grundlastversorgung könnte es den europäischen Strommärkten erleichtern, den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen, ohne im gleichen Umfang Reservekapazitäten auf Basis von Kohle und Gas vorhalten zu müssen. Die vorgelegten Argumente stellen diesen Zusammenhang als Ergänzung zwischen ukrainischen Kernkraftwerken und dem Ausbau europäischer Wind- und Solaranlagen dar.

Netze, Speicher und Investitionen

Voraussetzung für einen größeren Stromhandel wären zusätzliche Übertragungskapazitäten zwischen der Ukraine und ihren Nachbarstaaten. Dafür müssten grenzüberschreitende Leitungen ausgebaut, Umspannwerke modernisiert und neue Transformatoren, Hochspannungskomponenten, Schutzsysteme sowie digitale Steuerungstechnik installiert werden. Auch Speicher könnten für die Nutzung schwankender Einspeisung eine Rolle spielen.

Nach den vorgelegten Thesen könnten europäische Unternehmen an diesen Investitionen beteiligt werden. Ein Teil der erforderlichen Ausrüstung und Ingenieurleistungen könnte von der elektrotechnischen Industrie, dem Maschinenbau sowie Bau- und Planungsunternehmen in EU-Staaten geliefert werden. Mittel für die Integration des ukrainischen Stromsystems würden damit teilweise als Aufträge in die europäische Wirtschaft zurückfließen.

Zusätzliche Flexibilität könnte aus ukrainischen Pumpspeicherkraftwerken kommen. Die Dnister-Pumpspeicheranlage und andere Anlagen können Strom bei niedriger Nachfrage aufnehmen und bei Spitzenbelastungen wieder in das Netz einspeisen. In Verbindung mit ukrainischer Atomkraft sowie europäischer Wind- und Solarenergie könnte daraus langfristig ein Element für die regionale Regelung und den Ausgleich im mittel- und osteuropäischen Stromsystem entstehen.

Auch die geplante Fertigstellung der teilweise errichteten Blöcke 3 und 4 am Standort des Kernkraftwerks Chmelnyzkyj wird in den Thesen mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden. Der bestehende Standort verfügt demnach bereits über Teile der baulichen Infrastruktur, Netzanschlüsse, Personal und Erfahrungen mit dem Betrieb von Reaktoren der Baureihe WWER. Ob eine Fertigstellung wirtschaftlicher wäre als der Neubau einer vergleichbaren Kapazität in einzelnen EU-Staaten, müsste im Rahmen konkreter technischer, finanzieller und regulatorischer Prüfungen bewertet werden.

Für die europäische Seite hängt der mögliche Nutzen daher von mehreren Bedingungen ab: der tatsächlichen Fertigstellung der Reaktorblöcke, dem ukrainischen Eigenbedarf, der Verfügbarkeit grenzüberschreitender Leitungen, den Marktregeln und langfristigen Liefervereinbarungen. Die Integration zusätzlicher ukrainischer Erzeugung würde damit nicht allein eine Frage der Stromproduktion, sondern auch der Netzinfrastruktur und der industriellen Abnahme sein.

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