Die Verbraucherstimmung in Russland ist im Juli auf den niedrigsten Stand seit Mai 2022 gefallen. Der von der Zentralbank und dem Meinungsforschungsinstitut inFOM erhobene Index sank von 97,8 auf 89,5 Punkte, wie eine Umfrage der russischen Zentralbank und des Meinungsforschungsinstituts inFOM ergab. Die Bewertung der eigenen finanziellen Lage und der Zukunftsaussichten verschlechterte sich dabei deutlich, ebenso die Neigung zu größeren Anschaffungen.
Ein zentraler Befund: Der Anteil derjenigen, die freies Geld lieber sparen als für teure Güter ausgeben, brach binnen eines Monats um 6,5 Prozentpunkte auf 47,9 Prozent ein – das schlechteste Ergebnis seit der Krise 2015. Gleichzeitig stieg der Anteil der Befragten, die ihre Mittel sofort für den laufenden Bedarf verwenden, um 4,1 Punkte auf 32,7 Prozent.
Sparquote auf Tiefpunkt
34 Prozent der Teilnehmer bezeichneten den aktuellen Zeitpunkt als ungünstig zum Sparen, nur 26 Prozent hielten ihn für günstig – beides die schlechtesten Werte seit zweieinhalb Jahren. Die Bereitschaft, Geld traditionell bei Banken oder in bar zu halten, sank um zwei Prozentpunkte, während hybride und alternative Anlageformen an Bedeutung gewannen.
Bargeldabfluss und schwindende Bankeinlagen
Die strukturelle Verschiebung spiegelt sich in den Finanzströmen wider. Zentralbankchefin Elwira Nabiullina hatte zuvor bereits auf eine rückläufige Sparaktivität und veränderte Anlagemuster hingewiesen: Das Wachstum der Bankeinlagen verlangsame sich, Investitionen in Aktienmärkte und Immobilien nähmen zu. Im Juni zogen die Russen netto rund 0,5 Billionen Rubel in bar aus dem Bankensystem, während die Einlagen lediglich um 0,2 Billionen Rubel zulegten – ein Betrag, der nicht einmal die gutgeschriebenen Zinsen abdeckte.
Mehrheit ohne finanzielle Rücklagen
Die wirtschaftliche Verwundbarkeit der Haushalte hat ein kritisches Niveau erreicht: 56 Prozent der Befragten gaben an, über keinerlei Ersparnisse zu verfügen, die im Fall eines Einkommensverlusts einspringen könnten. Nur 41 Prozent berichteten von einem finanziellen Polster. Selbst unter jenen mit Rücklagen schrumpfen die Möglichkeiten, Geld beiseitezulegen; Analystenschätzungen zufolge sanken die realen Ersparnisse der Bevölkerung im ersten Quartal um fast ein Drittel (minus 32,1 Prozent).
Der von einer Treibstoffkrise angefachte Inflationsschub zwingt die Menschen zunehmend, Mittel für den täglichen Bedarf einzusetzen, statt sie langfristig zu binden. Beobachter sehen darin ein Risiko für die Investitionsbasis der Wirtschaft und die Stabilität des Bankensektors, da interne Ressourcen für Kredite und langfristige Finanzierungen schwinden. Gleichzeitig könnte die hohe Bargeldpräferenz auf ein Misstrauen gegenüber möglichen Kontobeschränkungen hindeuten.


