Die armenischen Justizbehörden haben ein Strafverfahren gegen Katholikos Garegin II., das geistliche Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche (AAK), sowie gegen sechs weitere Mitglieder des Obersten Geistlichen Rates eingeleitet. Das Vorgehen richtet sich gegen eine Kirchenführung, die von der Regierung in Eriwan offen als Instrument russischer Einflussnahme und politischer Destabilisierung bezeichnet wird.
Die Ermittlungen, die am 27. Juli vor Gericht gebracht wurden, gehen auf einen Konflikt um Bischof Gevorg Saroyan zurück. Der Geistliche hatte sich öffentlich auf die Seite von Premierminister Nikol Paschinjan gestellt, woraufhin ihm der Katholikos die kirchlichen Weihen entzog. Der armenische Untersuchungsausschuss eröffnete daraufhin ein Verfahren wegen Missachtung einer gerichtlichen Anordnung und Behinderung der Justiz.
Der Konflikt hat jedoch längst eine politische Dimension erreicht. Seit dem zweiten Bergkarabach-Krieg 2020 und den Entwicklungen 2023 haben sich die Beziehungen zwischen Eriwan und Moskau drastisch verschlechtert. Während die armenische Regierung unter Paschinjan einen Kurs der Distanzierung von Russland verfolgt, trat die Kirchenführung um Garegin II. wiederholt als scharfe Kritikerin des Premiers auf, forderte seinen Rücktritt und unterstützte die Opposition, insbesondere in Fragen der Grenzziehung zu Aserbaidschan.
#### Jahrelange Nähe zu Moskau
Garegin II. unterhält seit Jahrzehnten enge Verbindungen zu Russland. Er absolvierte die Geistliche Akademie der Russisch-Orthodoxen Kirche in Sagorsk, bezeichnete Russland mehrfach als seine „zweite Heimat“, traf mit Präsident Wladimir Putin zusammen und erhielt staatliche Auszeichnungen der Russischen Föderation sowie Ehrungen der Russisch-Orthodoxen Kirche. Sein Bruder, Erzbischof Ezras, leitet die russische und neurussische Diözese der AAK. Die armenischen Behörden werfen dem Katholikos zudem vor, vom sowjetischen Geheimdienst KGB unter dem Decknamen „Karo“ angeworben worden zu sein, legten dafür jedoch keine gerichtsfesten Beweise vor.
#### Reformdruck und Verhaftungen
In den vergangenen Monaten verschärfte die Regierung den Druck auf die Kirche. Nach massiver Kritik des Klerus schlug Paschinjan eine Reform des Wahlverfahrens für das Katholikos-Amt vor, die dem Staat mehr Einfluss sichern würde. Es folgten Festnahmen mehrerer hochrangiger Geistlicher, und eine Gruppe von Bischöfen forderte öffentlich den Rücktritt Garegins II. und warf ihm eigenmächtige Amtsführung, politische Einmischung und die Vertuschung eines Skandals um Erzbischof Arschak Chatschatrjan vor. Im Januar 2026 unterzeichnete Paschinjan mit zehn Bischöfen eine Roadmap zur Reform der Kirche.
#### Kappen russischer Einflusskanäle
Die Regierung in Eriwan betrachtet die Strafverfolgung und die Reformbestrebungen nicht nur als innerkirchlichen Vorgang, sondern als Teil einer Strategie zur Stärkung der staatlichen Souveränität. Die Kirche unter Garegin II. habe als letzter bedeutender Hebel Moskaus in Armenien fungiert, hieß es in politischen Kreisen. Mit der Entmachtung der prorussischen Kirchenspitze sollen verbliebene Einflussmöglichkeiten des Kremls eingedämmt werden. Offizielle Stellen betonen, dass es sich bei den Ermittlungen um die Anwendung geltenden Rechts handle und nicht um politische Verfolgung.
Die Ermittlungen gegen den Katholikos markieren eine neue Eskalationsstufe in der Auseinandersetzung zwischen Regierung und Kirchenoberhaupt.


