Bei der ORF-Diskussion „Ein Ort am Wort – Leben statt Leerstand“ bestätigten die Teilnehmer gestern Abend, dass St. Veit, wie viele andere Städten, im komplexen Strukturwandel steckt. Großen Handelsflächen am Stadtrand und das veränderte Konsumverhalten haben zu einem Rückgang der Kaufkraft und Frequenz in der Innenstadt geführt. Doch es gibt positive Entwicklungen.
ST. VEIT. Expertenmeinung von Hannes Lindner, Berater bei „Standort + Markt“, beleuchtet die Ursachen des Strukturwandels: In den 1990er Jahren wurde massiv Verkaufsfläche außerhalb der Stadtzentren erbaut. „Damals wurde jedem neuen Projekt Beifall gespendet. Heute befinden sich rund 80 Prozent der Verkaufsflächen außerhalb der Innenstadt, nur noch 20 Prozent in den Zentren selbst. Dieses Phänomen betrifft Städte wie Klagenfurt, Feldkirchen und St. Veit.“
Die Rückkehr zu früheren Verhältnissen scheint unmöglich. Hinzu kommt der Einfluss des E-Commerce, der dem stationären Handel zunehmend Markanteile entzieht. Besonders unerfreulich ist der Rückgang der Modegeschäfte in den Innenstadtlagen: Waren es einst etwa 33 Prozent, sind nur noch 24 Prozent der Verkaufsflächen dafür reserviert.
Trotz dieser Herausforderungen gibt es Lichtblicke: „Der Leerstand ist gesunken. In St. Veit sehen wir positive Entwicklungen. Das ist erfreulich“, so Lindner.
„Kardinalfehler“ und Verantwortung
Klaus Schöffmann, Eigentümer eines Innenstadt-Hauses, sprach von einem „Kardinalfehler“ in der Stadtentwicklung. Er wies gleichzeitig auf die aktuellen Herausforderungen hin: hohe Betriebskosten und Sanierungskosten belasten die Eigentümer, die oft nicht in der Lage sind, riskante Investitionen zu tätigen. „Investieren ist nur dann möglich, wenn konkrete Projekte vorliegen“, erklärte er.
Bürgermeister Martin Kulmer (SPÖ) gestand ein, dass die städtische Planung vor 30 Jahren anders eingeschätzt wurde. „Damals waren die Rahmenbedingungen andere. Heute tragen wir als Stadt Verantwortung für die Attraktivität der Innenstadt.“
Verkehr: Mehr Autos = mehr Frequenz?
Die Frage des Verkehrs, insbesondere die der Fußgängerzone, wurde heftig diskutiert. Kulmer äußerte Bedenken: „Verkehr ist ein sensibles Thema. Mehr Durchgangsverkehr bedeutet nicht automatisch mehr Kundenfrequenz in den Geschäften.“
Robert Eichwalder, Gemeinderat und Stadtparteiobmann (FPÖ), betonte die Notwendigkeit, die St. Veiter nicht „aussperren“ zu dürfen. Kurze Wege und eine einfache Zufahrt sind entscheidend für den Kundenverkehr.
Wirtschaftskammer-Obmann Walter Sabitzer forderte pragmatische Lösungen. Die WK habe bereits 2024 gemeinsam mit Innenstadtunternehmern Empfehlungen erarbeitet. „Niemand hat sich bei uns gemeldet“, sagte er und rief zu mehr praktischer Umsetzung auf: „Wir sind bereit, uns für eine starke Stadt St. Veit einzusetzen.“
Unternehmer zwischen Tradition und Realität
Die Unternehmerinnen äußerten ihre Sichtweisen:
Barbara Seidl-Bein, deren Friseursalon seit 70 Jahren in der Innenstadt besteht, wies auf die veränderten Gewohnheiten der Jugend hin. Viele Schüler der HLW ziehen Klagenfurt vor und sehen keinen Grund, St. Veit zu besuchen.
Yvonne Bujar vom Modegeschäft „Vonni“ unterstrich die Wichtigkeit der persönlichen Beratung. „Man muss den Kunden etwas bieten. Nur zu öffnen und zu glauben, dass es läuft, reicht nicht.“
Pop-ups oder Dauerlösungen?
Beim Kampf gegen Leerstand warnte Lindner vor bloßer „Kosmetik“. Pop-up-Stores sind wichtig, sollten aber nicht zum Übergangslösung verkommen. „Ich schätze Läden, die dauerhaft bleiben“, sagte er und wies darauf hin, dass es schwierig sei, junge Unternehmer zu finden, die bereit sind, langfristig zu investieren.
Schöffmann ergänzte, dass viele Immobilien nicht zukunftsfähig seien. Erben, Investitionen und Modernisierungen werden in den kommenden Jahren ein zentrales Thema sein. Lindner schlug die Idee eines Cityfonds vor, um gezielte Modernisierungen zu fördern.
Multifunktionalität als Schlüssel
Architekt Roland Gruber und Lindner betonten die Notwendigkeit gemischter Nutzungen. „Die meisten Kundenbewegungen ergeben sich durch Multifunktionalität – Wohnen, Arbeiten, Bildung und Kultur. Diese Dichte ist entscheidend.“
Ein Konzept für eine Passage vom Unteren Platz zur Feuerwehr wurde als Vision vorgestellt, die kleinere, flexible Geschäftsflächen und mehr Freiraum in der Stadt ermöglichen soll.
Kulmer bestätigte: „Ein multifunktionales Konzept stellt eine Herausforderung dar. Aber es muss langfristig wirtschaftlich sein.“
Tourismus als Chance?
Der Bürgermeister sieht im Bereich Tourismus Potenzial. Der Fuchspalast sei gut besucht, obwohl die Bewirtschaftung herausfordernd sei. Investoren für neue Projekte werden gesucht: „Es ist nicht unsere Aufgabe als Stadt, ein Hotel zu betreiben.“
Hinsichtlich der bevorstehenden Wander-WM, des Radtourismus und Sehenswürdigkeiten wie Taggenbrunn oder Hochosterwitz sagte Kulmer: „Wir können nicht mit Großstädten konkurrieren, aber unsere starken Nischen müssen wir nutzen und konsequent weiterentwickeln.“
Blick Richtung 2031
Im Jahr 2031 jährt sich die urkundliche Ersterwähnung St. Veits zum 900. Mal. Die zentrale Frage der Diskussion lautete: Wie lebendig wird die Stadt zu diesem Jubiläum sein? Lindner formulierte es treffend: „Der Wandel ist nicht aufzuhalten. Wer ihn aktiv gestaltet, hat Chancen.“
Darüber berichtet Welt Stimme.


